Kurt Schnitzer

Operation Bild

von Hans‐Ulrich Dillmann

Als der Wiener Arzt Kurt Schnitzer am 11. Oktober 1938 von Bord eines Überseedampfers kletterte, tat sich ihm eine neue, unbekannte Welt auf: Kolonialbauten aus dem 16. Jahrhundert und Palmen, die sich im Wind bogen. Am Pier warteten Hunderte dunkelhäutiger Menschen, um die Koffer der Passagiere abzuholen und die Fracht aus dem fernen Europa zu löschen. Santo Domingo, die Hauptstadt der Dominikanischen Republik, hieß damals noch Ciudad Trujillo, benannt nach dem Diktator Rafael Leónides Trujillo Molina. Der hatte nicht nur die Stadt, sondern auch den höchsten Berg, die größten Plätze und die prächtigsten Avenidas nach sich selbst benannt. Der „Wohltäter des Vaterlandes“, wie er sich per Dekret nennen ließ, hatte Monate zuvor in einer „großzügigen Geste“ Juden aus Österreich und Deutschland „Zuflucht“ vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gewährt.
Schnitzer war auf der Flucht, die Nazis hatten den Juden aus Wien vertrieben. Nach einer Odyssee durch die Schweiz, Frankreich und Belgien hatte ihm schließlich der Konsul der Dominikanischen Republik in Antwerpen ein Einreisevisum ausgestellt. Schnitzers Gepäck war nicht um‐ fangreich: ein Koffer mit dem Lebensnotwendigsten, seine Zulassung als Mediziner und eine 6x6‐Rolleicord‐Kamera. Da den Dominikanern die Aussprache des Vornamens Kurt schwer fiel, wurde daraus bald der Spitzname Conrado. Schon nach kurzer Zeit musste Schnitzer seine große Hoffnung begraben, sich knapp 10.000 Kilometer von seiner Heimatstadt als Arzt niederlassen zu können. Nicht nur bürokratischer Wust, sondern auch die Angst der einheimischen Ärzte vor unliebsamer Konkurrenz verhinderten seine Approbation. Außerdem sprach er kaum ein Wort Spanisch.
So begann Kurt Conrado Schnitzer, sich optisch auszudrücken. Durch eine Empfehlung lernte er den pensionierten Journalisten Juan Bautista Lamarche kennen, der ihm eine freie Mitarbeit als Fotograf für die Zeitschrift Cosmopolita verschaffte. Eines seiner ersten Fotos zeigt einen Passagierdampfer im Hafen von Santo Domingo aus der Perspektive durch das zentrale Eingangstor in der kolonialen Stadtmauer, die noch heute den historischen Kern von der Stadt trennt. „Mit Conrado kommt die moderne Fotografie Europas der 20er‐ und 30er‐Jahre in die Dominikanische Republik“, sagt Javier Aiguabella, Direktor des Centro Cultural de España in Santo Domingo. Das spanische Kulturzentrum hat dem österreichischen Fotokünstler Schnitzer erstmals eine Ausstellung gewidmet. „Der Aufbau seiner Fotos, der dokumentarische und erzählende Stil seiner Bilder machen Conrado zu einem Avantgardisten der Fotografie im Land.“
Keine Standbildaufnahmen, bei denen gekünstelt lachende oder posierende Menschen ins Objektiv schauen, präsentierte Conrado Schnitzer in der Cosmopolita, sondern gerasterte Aufnahmen, in denen die Bewegungen eingefroren sind. Eine Dokumentation des sozialen Lebens konnten die Leser der Cosmopolita und später auch die der Tageszeitung La Nación sehen: festgenommene Diebe, die Conrado mit ihrer Beute auf dem Polizeirevier ablichtete, einen toten Jungen, der bei Bauarbeiten verschüttet worden war, Zeitungsjungen, die die Bögen der neuesten Ausgabe einer Tageszeitung zusammenlegen. Bilder aus den Hafenspelunken und Tanzlokalen, Bauern vor ihren Armutshütten, Gesellschaftsfotos von Hochzeiten und Tanztees. „Fotoreportage pur“, bescheinigt Javier Aiguabella dem fotografierenden Arzt. Vor allem Fotos des „ersten Journalisten des Landes“, des Staatschefs Rafael Leónides Trujillo, sind heute wichtige Dokumente einer despotischen Epoche des Landes. Über Jahre durfte Schnitzer Trujillo mehr oder minder als Leib‐ fotograf begleiten.
Zwar schafft es Schnitzer, ein Fotostudio im Kolonialteil von Santo Domingo zu eröffnen und Harper’s Bazaar, National Geographic, die Saturday Evening Post und die New York Times mit seinen Fotos zu beliefern, aber heimisch wird er trotzdem nicht in dem Karibikland, das sich mit Haiti die zweigrößte Insel der großen Antillen Hispaniola teilt. 1944 siedelt Conrado mit seiner Frau Lilli Ried und seinem Sohn George nach Los Angeles über, wo er wieder als Arzt arbeiten kann. Im Januar 1973 meldet die American Medical Writers Association den Tod ihres Mitglieds Kurt Schnitzer, der am 21. September 1972 einem Herzinfarkt erlegen war.
Bei seiner Abreise aus der Karibik hatte Conrado Schnitzer dem Land, das ihn vor der Naziverfolgung rettete, Tausende von Fotonegativen vermacht – manche sprechen sogar von etwa 30.000. Aber im Zentralen Nationalarchiv, dem Archivo General de la Nación im Universitätsviertel von Santo Domingo, gibt es heute nur noch 7.000, davon etwa 400 Glasnegative. „Über Jahrzehnte war der Fotobestand vergessen, niemand hat sich darum gekümmert“, bedauert Archivdirektor Roberto Cassá. „Es war regelrecht ein Selbstbedienungsladen für Fotofreunde. Unschätzbare Erinnerungswerte sind uns dadurch gestohlen worden.“
Inzwischen hat der Leiter des Fotoarchivs, Rafael Bello, mit einem Team aus Archivaren und Fotografen den Bestand im Groben gesichtet. „Aber nur zwei Bände mit 6x6‐Fotopositiven haben wir entdeckt.“ Es müsse einige Dutzend gegeben haben, ist sich Bello sicher. Trotzdem konnte aus Altbeständen, die zum Teil von Ratten angefressen und durch Wasserschäden fast unleserlich geworden waren, ein Findbuch rekonstruiert werden. „Für uns ein Anfang. Conrados Glasnegative sind vermutlich die größte Sammlung dieser Art in der Region.“ Allerdings fehlen dem Archiv die Mittel, um sich einen Scanner für dieses Material zu leisten.
Im Conrado‐Archiv wurde jetzt zufällig auch eine Sammlung von Fotos über die jüdische Migration in den 40er‐Jahren gefunden. Religiöse Feste in der kleinen Synagoge in Santo Domingo und das Eintreffen jüdischer Flüchtlinge per Schiff hat Conrado mit seiner 6x6‐Rolleicord‐Kamera dokumentiert, er hat jüdische Künstler porträtiert, die die Dominikanische Republik auf ihrer Flucht passierten, sowie Vertreter des American Joint, die sich um die Ansiedlung der jüdischen Flüchtlinge bemühten, und nicht zuletzt hat er den Aufbau der jüdischen Siedlung Sosúa dokumentiert. Bilder, die bisher noch nie gezeigt und veröffentlicht wurden.

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