Görlitz

Ohne Notausgang

von Heide Sobotka

Die Jüdische Gemeinde Görlitz ist aufgebracht. Die Stadt verbiete ihr, in der Synagoge zu beten, sagt Gemeindevorsitzende Mira Gelehrter. Davon kann keine Rede sein, sagt Dieter Peschel, Leiter des Amtes für Gebäude- und Liegenschaftsmanagement. Nur einer »Einweihung der Synagoge« mit möglicherweise 230 Personen könne die Stadt aus baurechtlichen Gründen nicht zustimmen.
»Es gibt keine Notausgänge, es gibt keine Toiletten, keine Elektroinstallationen. Die Tür zu einem zweiten Ausgang liegt anderthalb Meter über dem Boden, die Treppe fehlt«, zählt Peschel auf. »Wenn bei einer Großveranstaltung etwas passiert, sind wir dran.« Die Stadt ist Eigentümerin der Synagoge. Selbst wenn sie das jüdische Gotteshaus an die Gemeinde verpachten und verkaufen würde, blieben derartig große Veranstaltungen bautechnisch verboten.
Schon seit ihrer Gründung vor zwei Jahren möchte die Jüdische Gemeinde Görlitz-Zgorzelec und Umgebung die Jugendstilsynagoge wieder zu einem jüdischen Gotteshaus machen. Auch andere Vereine wollen das wunderschöne Jugendstilbauwerk in Görlitz nutzen. Entsprechende Verträge hat das Liegenschaftsamt mit dem Europahaus, dem Freundeskreis der Synagoge sowie mit der jüdischen Gemeinde abgeschlossen. Diese Vereinbarungen gestatten Besichtigungen und Führungen sowie andere kleine Veranstaltungen bis zu 20 Personen. Mehr lasse der Zustand des 1911 erbauten Hauses, das jahrelang als Kulissenlager des Theaters genutzt wurde, nicht zu, sagt Peschel.
Dabei hat sich die Stadt seit Jahren – auch mit Blick auf die Bewerbung als Kulturhauptstadt 2010 – um die Sanierung des Bauwerks gekümmert. Nach Angaben von Liegenschaftsamtsleiter Dieter Peschel wurden bereits 3 Millionen Euro verbaut. Weitere 4 Millionen wären notwendig, wenn die Tagessynagoge, die Frauenempore, die Toiletten und die Kellerräume instand gesetzt würden. »Wir mussten aber die Bauarbeiten abbrechen, das übersteigt unser Budget«, sagt Peschel. Allein 250.000 Euro brauche man, nur um die Brandschutzbedingungen erfüllen zu können.
Die Stadt habe sich vollkommen korrekt verhalten, bestätigt auch Heinz-Joachim Aris. Der Vorsitzende des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Sach- sen sieht das Ansinnen der jüdischen Gemeinde Görlitz skeptisch. »Meines Wissens gehören der Gemeinde etwa zwölf Personen an, darunter sind vier Kinder von Frau Gelehrter. Hinzu kommen einige Personen, die die Gemeinde als Mitglieder zählt, die aber nicht ortsansässig sind.« Er selbst habe Bürgermeister Joachim Paulick geraten, eine Einweihung abzulehnen, bis alles geklärt ist, sagt Aris.
»Unsere Vorfahren haben die Synagoge als Gotteshaus für die jüdischen Gemeindemitglieder gebaut, und es ist ein Unding, wenn man uns das Beten verbieten will«, beharrt Mira Gelehrter. »Es ist kein Problem, wenn 20 Personen in dem Haus beten«, sagt Peschel, »einer Einweihung können und werden wir nicht zustimmen.«

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