Budapest

Noch zu retten

von Andreas Bock

Das historische jüdische Viertel in Budapest hat zwei Weltkriege nahezu unbeschadet überstanden. Jetzt sorgen Investoren für Zerstörung. Seit einigen Jahren verkauft die Bezirksverwaltung die Jugendstilwohnhäuser zu hohen Preisen an meistbietende Immobilienfirmen. Die ignorieren den kulturellen Wert der zumeist im 19. Jahrhundert errichteten Gebäude, reißen sie ab und bauen neu. So verliert das Viertel schrittweise seinen einzigartigen Charakter. Bis zu 4.000 Euro pro Quadratmeter zahlt man in der Gegend, wo sich allein vier Synagogen und die Zentren der drei wichtigsten jüdischen Gemeinden Ungarns (neolog, orthodox und ultra‐orthodox) befinden.
In der Holló utca wird die Zerstörung des architektonischen Erbes des Bezirks besonders deutlich. Hier beginnt auch die Geschichte des Vereins „ÓVÁS!“, deutsch „Einspruch!“. Zu dessen Gründungsmitgliedern gehört Katalin Gyárfás, Lehrerin für jüdische Studien an der Lauder‐Javne‐Gemeinschaftsschule. Als Reaktion auf den geplanten Abriss eines Silberschmiedhauses im Sezessionsstil gründeten 2004 acht Männer und Frauen den Verein. Sein Ziel ist es, das kulturelle und architektonische Erbe des historischen jüdischen Viertels zu erhalten. Inzwischen haben sich etliche Journalisten, Wissenschaftler, Künstler und Studenten anschlossen. Schon acht Gebäude konnte der Verein in den vergangenen vier Jahren mit seinen Protesten vor den Abrissbirnen retten.
Zwar liegt das Viertel in der Pufferzone des Andrássy‐Boulevards, der 2002 zum UNESCO‐Weltkulturerbe erklärt wurde. Doch reicht dieser Schutz nicht aus, Abrisse zu verhindern. Sicher sind nur die 51 Gebäude, die seit 2005 unter Denkmalschutz stehen. Jetzt hat die Bezirksverwaltung ein viermonatiges Bauverbot verhängt, bis ein neuer Sanierungsplan für das Viertel angenommen ist. Allerdings dürfen bereits begonnene Arbeiten fertiggestellt werden. Deshalb dröhnt der Baulärm aus vielen Hauseingängen.
„Die Gebäude bewahren die Geschichten der Menschen, die dort gewohnt haben“, sagt Gyárfás, und ihre Stimme klingt traurig. Typisch für das Viertel waren die traditionellen jüdischen Handwerksbetriebe der zur unteren Mittelschicht gehörenden Anwohner. Buchläden, Druckereien, Hut‐ und Perückenmacher befanden sich nicht nur in den verwinkelten, engen Gassen des Viertels, sondern auch in den zahllosen Hinterhöfen, die meist durch lange Durchgänge miteinander verbunden waren, um den frommen Juden den Weg zur Synagoge zu verkürzen. „Hier gab es früher Geschäfte, Betriebe und Kaffeehäuser“, erinnert sich Gyárfás, „sie sind zum größten Teil verschwunden.“ Heute gibt es in der Gegend nur noch ein paar jüdische Läden und Restaurants – und die einzige koschere Konditorei in Mittelosteuropa.
Zwischen grauen Jugendstilfassaden und profitorientierter Postmoderne macht indes das neue jüdische Viertel auf sich aufmerksam. In dem Bogen über der Eingangstür eines gut sanierten Altbaus in der Dob utca prangt der Schriftzug „Kaffeehaus – Theater“. Im „Spinoza“, einem stilvoll eingerichteten Restaurant, sitzen an diesem frühen Abend nur einige wenige Gäste. Inhaberin Anna Sándor ist eine energische Frau mit rundem Gesicht und blonden Locken. In den 70er‐Jahren ging die jüdischstämmige Ungarin nach Holland, vor acht Jahren kam sie nach Budapest zurück und machte aus einer heruntergekommenen Süßwarenfabrik ein Restaurant. „In den 20er‐Jahren gab es hier eine Menge Theater, Kabaretts, Kaffeehäuser und Varietés“, sagt sie, „wir wollten mithelfen, den alten Geist des jüdischen Viertels wiederzubeleben.“ Spinoza sei deshalb der ideale Namensgeber. Neben holländischer Kultur bietet das Lokal, zu dem ein eigener Theaterraum gehört, vor allem jüdische Literatur‐, Theater‐ und Kabarettveranstaltungen.
Oft treten jüdische Schriftsteller und Philosophen auf. Jedes Jahr findet hier ein mehrwöchiges jüdisches Herbstfestival statt, zweimal im Monat spielt eine ungarische Klesmerband, rund 200 Veranstaltungen sind es jährlich. „Knapp die Hälfte der Besucher sind jüdischer Herkunft“, schätzt Sándor. Auf der Bühne stehen regelmäßig die Schauspieler des jüdischen Theatervereins „Golem“, der nur ein paar Schritte entfernt seinen Proberaum hat. Finanzielle Unterstützung vom Dachverband der jüdischen Gemeinden erhält Sándor nicht. Enttäuscht ist sie aber vor allem von der Politik gegenüber dem jüdischen Viertel. „Es gibt keine Visionen und kein Konzept. Das Viertel ist ein echter Schatz, aus dem man viel machen könnte.“
Ein Schatz – aber auch ein Ort der Erinnerung an ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte. Im November 1944 errichteten die faschistischen ungarischen Pfeilkreuzler unter Ferenc Szálasi hier ein Ghetto, in das rund 70.000 Budapester Juden gesperrt wurden. Zsuzsanna Ágnes Berényi war ein kleines Kind, als das Viertel zum Ghetto wurde. Die Gozsdu‐Höfe, ihr damaliger Wohnsitz, werden derzeit von einem israelischen Topinvestor zum schicksten Ort weit und breit umgebaut, mit Luxuswohnungen, Geschäftsflächen und einem Wellnesscenter. Das Haus in der Király utca, in dem sich ihr Betrieb zur Herstellung von Anstecknadeln und Vereinsabzeichen befindet, soll verkauft werden. Deshalb streitet die rüstige alte Frau gerade mit der Bezirksverwaltung. „Der Familienbetrieb ist der erste seiner Art in Ungarn“, sagt sie stolz, während ihr Blick über die Glasvitrinen mit den Anstecknadeln und Abzeichen schweift.
Auch wenn Zsuzsanna Ágnes Berényi kein Detail über die Geschichte ihres Betriebs und Lebens auslässt, über die Zeit im Ghetto redet sie nur ungern. Mit ihren Eltern und Großeltern musste sie sich ein Zimmer teilen. Die weiteren Räume der Wohnung hatte die Familie anderen ins Ghetto verschleppten Juden zu überlassen. Berényis Vater konnte aus dem Zwangsarbeitsdienst fliehen und lebte mit seiner Frau fortan im Versteck. „Oft kamen Soldaten vorbei und fragten mich, wo meine Eltern seien“, erzählt Berényi. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 17. Januar 1945 kamen Zehntausende Juden durch Hunger, Seuchen, Kälte und die Erschießungskommandos der Pfeilkreuzler um oder wurden in die Konzentrationslager deportiert. Mauern und Holzzäune mit Stacheldraht trennten die etwa 160 Häuser des Ghettos von der Außenwelt ab.
„Das jüdische Leben, das es bis dahin gab, fand nicht mehr statt“, sagt Lehrerin Katalin Gyáfás vor dem Haus Nummer 15 in der Király utca. Als eines der letzten Mahnmale dieser dunklen Epoche wurde 2006 auf Geheiß des Neueigentümers im Innenhof des Gebäudes das letzte Stück der Ghettomauer beseitigt. „Es wäre ein würdiger Ort des Gedenkens gewesen“, sagt Gyárfás leise.
Heute lebt noch immer ein Fünftel der geschätzten 80.000 ungarischen Juden im jüdischen Viertel. Im gesamten siebten Bezirk, der Elisabethstadt, soll es sogar ein Drittel sein. „Die jüdische Bevölkerung verlässt den Bezirk nicht mehr so zahlreich wie früher, und inzwischen gibt es auch keine Hinweise mehr darauf, dass hier nur Juden der älteren Generationen wohnen“, sagt der Soziologe János Ladány, der sich intensiv mit dem jüdischen Viertel beschäftigt hat. Besonders eine junge jüdische Intelligenz, die selbstbewusst mit ihrer Herkunft umgeht, schafft sich neue Orte der Begegnung im Umkreis der Király utca, der Lebensader des Viertels. Orte wie das „Sirály“, in dem heute Abend alle Tische besetzt sind. Im Hintergrund werden Stuhlreihen für einen Vortrag eines Historikers über die Schoa in der Literatur vorbereitet. Junge Frauen und Männer unterhalten sich, trinken Bier und Kaffee oder surfen drahtlos im Internet.
Ádám Schönberger sitzt auf einem Sofa vor einem Bücherregal im ersten Stock und legt seinen Laptop beiseite. „Wir wollten hier einen Ort schaffen, an dem jüdische und nichtjüdische Kreise ins Gespräch kommen können – außerhalb der Wände von jüdischen Einrichtungen und Synagogen“, sagt der 28‐Jährige, der das „Sirály“ mit Freunden aus der jüdischen Kultur‐ und Theaterszene vor knapp zwei Jahren gegründet hat. Damals entschloss sich der Freundeskreis gegen den Widerstand der Stadtverwaltung, das seit einem Jahrzehnt leer stehende und ruinöse Gebäude in der Király utca herzurichten und für kulturelle Zwecke zu nutzen. Neben regelmäßigen Theateraufführungen im Keller des Gebäudes finden hier vor allem Vortragsreihen, Gespräche und Ausstellungen mit jüdischem Bezug statt.
Das „Sirály“ wird sonst vor allem von Studenten, Künstlern und Schauspielern als Café und abendlicher Treffpunkt genutzt. Nur eine Kneipe, wo man sein Bier trinkt und dann geht, solle es aber nicht sein, betont Schönberger. Dafür gibt es Kneipen und Clubs wie das „Szóda“, die eine immer größer werdende junge Partyklientel bedienen. „Das ‚Sirály‘ ist ein alternativer Ort jüdischen Lebens in einem ungarischen Kulturkontext“, fasst Schönberger zusammen. Inzwischen hat die Stadt schon mehrmals Druck auf die jungen Betreiber ausgeübt, das Gebäude zu verlassen. Aber sie denken nicht daran. Schönberger glaubt fest an das Konzept: „Wenn wir hier im Café gemeinsam mit jüdischen und nichtjüdischen Gästen Chanukka‐Kerzen anzünden und die dazugehörenden Segenswünsche singen, dann ist unser Ansatz auf jeden Fall erfolgreich.“ Auch im „Sirály“ haben sie den Kampf um das historische jüdische Viertel noch lange nicht aufgegeben.

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019