Ehrlichkeit

Nichts als die Wahrheit?

von Chajm Guski

»Führung ist nicht Macht oder Beherrschung; es ist Dienst«, heißt es im Talmud (Horajot 10b). Und damit wäre sogleich das Wesentliche über das Verhältnis zwischen dem politischen Diskurs, politischen Entscheidungen und dem Judentum ge‐
sagt. Für die Beobachter des politischen Tagesgeschäfts mag das seltsam und of‐
fensichtlich erscheinen; stehen doch die gewählten Vertreter im Dienst des Volkes. Und dennoch kann zuweilen beobachtet werden, dass nicht alle Entscheidungen so getroffen werden, wie die Wähler es sich gewünscht hätten. Selbst »Versprechen« werden nicht eingelöst. Meist mit einem Verweis auf das »Gesamtinteresse« oder darauf, an der »Macht« bleiben zu können.
Im Zusammenhang mit dem Talmud‐zitat wird, ungeachtet der jeweiligen Re‐
gierungsform, vorausgesetzt, dass der einzelne politische »Entscheider« nicht um der Macht willen regiert. Vielmehr, weil er im Dienst derjenigen Gesellschaft handelt, welcher er vorsteht. Sei es nun ein König, ein Fürst oder ein demokratisch gewählter Vertreter. Was die Gesellschaft von der Person erwarten kann, die diesen Posten bekleidet, hat Maimonides formuliert: »Der Sinn und die Absicht ist es, den Glauben der Menschheit zu erheben und die Welt mit Gerechtigkeit zu erfüllen.« (Ge‐
setz der Könige 4,10).
Die Gesellschaft, wie wir sie heute in den westlichen Demokratien vorfinden und wie sie die Tora beschreibt, ist eine Versammlung von Individuen zu einem großen Ganzen. Jedes dieser Individuen hat, so sieht es gerade die Tora, unveräußerliche Rechte. In der Tora sind diese Rechte zudem unveränderbar festgeschrieben und können nicht einer be‐
stimmten Anforderung folgend »angepasst« werden. Ein Schutz vor moralischem Relativismus. Auf der anderen Seite hat jede Person auch Pflichten Gott und der Gesellschaft gegenüber. Diese sind ebenfalls unveränderbar. Diese Konstellation garantiert, dass die – manchmal konkurrierenden Einzelinteressen – nicht kollidieren. Die Gesellschaft als Bündelung der Einzelinteressen muss zudem garantieren, dass die Rechte des einzelnen Mitglieds gewahrt bleiben.
Das gemeinschaftliche und staatliche Wohlergehen muss auch das Wohlergehen des Einzelnen bedingen, und umgekehrt. Selbst in einer völlig fremden Umgebung soll man sich für das Wohl der Stadt einsetzen. So mahnt Jeremia (29,7): »Strebe nach dem Wohlergehen der Stadt, in die ich euch gefangen weggeführt habe und betet zu Gott darum, denn in ihrem Frieden wirst Du Frieden haben.« Den Maßstab, den sich eine solche Gesellschaft setzen sollte, bringt Rabban Schimschon ben Gamliel in den Pirkei Awot (Sprüche der Väter) auf den Punkt: »Auf drei Dingen ruht die Welt: auf Gerechtigkeit, auf Wahrheit und auf Frieden.« Es versteht sich von selbst, dass diejenigen, die wichtige Funktionen einnehmen, diese drei Säulen der Zivilisation nicht nur fördern, sondern auch vorleben. Früh schon haben Menschen begonnen, sich aus diesem Grund zu Interessengruppen, heute Parteien, zu‐
sammenzuschließen. Die Gruppe um ih‐
ren Anführer Korach ist vielleicht die erste Oppositionsbewegung in der Geschichte des jüdischen Volkes.
Bemerkenswert ist heute der Wettstreit von Parteien untereinander, der das ab‐
strakte Interesse Gruppe in den Vordergrund stellt und etwa einen Wahlsieg über zuvor gegebene »Versprechungen« stellt. Meist ist anschließend davon die Rede, dass die Glaubwürdigkeit der »Politik« ge‐
schwächt werde, sollte man nach der Wahl anders handeln als zuvor versichert. Tatsächlich wird aber die Glaubwürdigkeit der Person geschwächt, die das Versprechen gegeben hat. Die Mischna bezieht dazu, im Sinne der Gesamtgesellschaft, sehr eindeutig Stellung. »Derjenige, der Rechenschaft gefordert hat von der Generation der Sintflut und der Sprachverwirrung, der wird auch in Zukunft Rechenschaft fordern von jedem, der nicht zu sei‐
nem Wort steht.« (Baba Metzia 4,2). Oder: »Gott hasst diejenigen, die mit ihrer Zunge sprechen, was das Herz nicht meint.« (Pessachim 113b).
Die Verantwortung der politischen Vertreter ist also groß, auch sich selbst gegenüber. Selbst hier aber hat die Halacha Einschränkungen zum Wohle des Einzelnen oder der Gesellschaft gemacht. Die Mizwa, die religiöse Verpflichtung, nicht die Un‐
wahrheit zu sagen, gilt nicht immer und in jeder Situation. Der Talmud sagt (Ketubot 16b‐17a), dass man nicht die gesamte Wahrheit sagen muss, wenn man mit der vollen Wahrheit jemanden verletzen würde. Man dürfe sogar mit Absicht die Un‐
wahrheit sagen, um den Frieden zu be‐
wahren.
Was von den Führungspersönlichkeiten verlangt wird, ist also klar: Innere Überzeugung, das Richtige zu tun und moralische Integrität. Abschließend könnte man also zusammenfassen: Diejenigen, die be‐
sondere Positionen in einer Gesellschaft innehaben, sollen sich so verhalten, wie sie es von den anderen Mitgliedern der Ge‐
sellschaft erwarten. Nur so kann das Ge‐
samtgefüge zusammengehalten werden.

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