Leo Baeck

»Nicht Macht, sondern Größe«

von Hartmut Bomhoff

»Anzug: Frack und weiße Binde« lautete die Kleiderordnung für die feierliche Einführung von Leo Baeck (1873-1956) als neuer Gemeinderabbiner der Synagogengemeinde Düsseldorf am 4. Oktober 1907.
Die Synagoge an der Kasernenstraße, die an diesem Freitagabend zu Baecks neuer Wirkungsstätte wurde, war damals gerade erst drei Jahre alt: Ein neuromanischer Bau mit gut 1.400 Sitzplätzen, einer Orgel und gemischtem Chor. Neben dieser liberalen Hauptsynagoge gab es seinerzeit noch einen Betsaal in der Bilker Straße, den die Israelitische Religionsgemeinschaft nutzte, eine orthodoxe Betergemeinschaft innerhalb der 3.000 Mitglieder starken Synagogengemeinde.
Baeck war zuvor bereits zehn Jahre lang Rabbiner im schlesischen Oppeln gewesen. Sein Buch Das Wesen des Judentums von 1905 hatte ihn einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht und den Karrieresprung nach Düsseldorf ermöglicht. Dort kam ihm die Aufgabe zu, eine Spaltung der Gemeinde zu verhindern, ohne jedoch den Weg der Neuerungen zu verlassen, den sein reformfreudiger Vorgänger Samson Hochfeld beschritten hatte. In seiner kurzen fünfjährigen Amtszeit in Düsseldorf gelang es Baeck tatsächlich, die Orthodoxie vom Austritt aus der Einheitsgemeinde abzuhalten.
Wie zuvor schon in Oppeln, seinem ersten Rabbinat, so war auch in Düsseldorf der Religionsunterricht eine seiner Hauptaufgaben. Zweimal in der Woche unterrichtete er die Schüler im Realgymnasium in der Klosterstraße. Neben biblischer und jüdischer Geschichte gab er in der Oberstufe vor allem Unterricht in Ethik und Philosophie des Judentums. Von Fritz Bamberger wissen wir, dass Baeck eigentlich keine Kinder unterrichten mochte – aus dem einfachen Grund, dass sie auf schwierige Fragen einfache, geradlinige Antworten erwarten. Baecks Gewissen konnte derartige Forderungen nach Vereinfachung nicht akzeptieren. Als er 1912 eine Berufung nach Berlin annahm, stellte er die Bedingung, dort vom Religionsunterricht befreit zu werden. Dennoch erwarb sich Baeck in Düsseldorf besondere Verdienste in der religiösen Erziehung der Mädchen, und so führte er zum Abschluss eines mehrjährigen Religionsunterrichts die Konfirmation für sie ein.
Leo und Natalie Baeck wohnten in der Kasernenstraße nahe der Synagoge. An Schabbatnachmittagen gingen sie mit ihrer Tochter Ruth häufig am Rhein spazieren. Die Wohnung lag dem Schauspielhaus gegenüber, in dem die berühmte Louise Dumont (1862-1932) auftrat. Bei ihr nahm Baeck Sprechunterricht. Den Berichten seiner Düsseldorfer Schüler nach war er damals kein guter Redner, und seine Sprachmelodie hatte nichts mit der geläufigen rheinischen Sprechweise gemein. Die Sprecherziehung bei der Schauspielerin änderte daran nichts Wesentliches. Der Inhalt wirkte bei Baeck stets nachhaltiger als die Art seines Vortrags. Ein Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bezeichnete seine Predigten später einmal als Baecks »Privatunterhaltungen mit Gott«.
In Düsseldorf gewann Baecks liberale religiöse Haltung noch an Profil, auch dank seiner Beiträge für die neue Zeitschrift »Liberales Judentum«. Es ging ihm dabei immer wieder darum, die Unterschiede zwischen Judentum und Christentum, insbesondere dem Protestantismus, deutlich zu machen, und so heißen diese Artikel folgerichtig beispielsweise Jüdische Kultur, Die Umkehr zum Judentum oder auch Gesetzesreligion und Religionsgesetz und Unsere Stellung zu den Religionsgesprächen.
Für Baeck bestand das Wesentliche des Judentums in seinem Nonkonformismus und im Widerstand gegenüber aktuellen Tendenzen in der Mehrheitsgesellschaft. »Das ist der tragende Satz unseres Programms, des Programms der Opposition: nicht Macht, sondern Größe«, lautet das Fazit eines Vortrags von 1911. »Nicht jener Drang, den Machtbereich der Religion über alles auszudehnen, kommt so in der jüdischen Kultur zum Ausdruck«, schrieb Baeck zwei Jahre zuvor, »sondern der starke seelische Selbsterhaltungstrieb, dort, wo man allein frei sein durfte, sich tief auszuleben, das eigene, das man hatte, ganz zu durchdringen. Die christliche Kultur war extensiv, und sie hat darin eine eindrucksvolle Weite gewonnen; die jüdische Kultur war intensiv, und ihre Bedeutung liegt in ihrer sich selbst genügenden Kraft.«
Kurz vor seinem Wechsel nach Berlin ruft Baeck dann 1912 in seinem Essay Gestern und morgen die Juden auf, doch anzuerkennen, dass ihre reiche historische Vergangenheit ihre seelische Heimat sei: »Da wir begreifen, was unsere Vergangenheit uns ist, werden wir verstehen, was wir der Zukunft zu geben haben.«
Drei Jahre nach seiner Befreiung in Theresienstadt kehrte der 75-jährige Leo Baeck, der inzwischen als Ehrenpräsident der World Union for Progressive Judaism in London lebte, für drei Wochen nach Deutschland zurück. Von Hamburg aus reiste er im Oktober 1948 durch die britische und die amerikanische Besatzungszone, gab Vorträge und predigte zu den Feiertagen und zu Schabbat in den sich gerade erst wieder konsolidierenden jüdischen Gemeinden, so auch in Düsseldorf. Dort hörte ihn zufällig auch der junge angehende Verlagsbuchhändler und spätere Bundespräsident Johannes Rau.
Im Juli 1954 war es Bundespräsident Theodor Heuss, der Leo Baeck bei dessen letztem Besuch in Düsseldorf empfing. Baeck sprach damals im Düsseldorfer Landtag über Maimonides, der Mann, sein Werk und seine Wirkung – für den Zentralrat der Juden und für die »Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland« ein Zeichen des »ewigen Dennochs« und die bis dahin bedeutendste Veranstaltung in der jüdischen Nachkriegsgeschichte.
Seit dem 14. Juni 1984, 30 Jahre nach der denkwürdigen Maimonides-Rede, gibt es in Düsseldorf eine Leo-Baeck-Straße. In der vor 20 Jahren eröffneten Dauerausstellung der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte wird in biografischer Form an Baeck erinnert, und die Jüdische Gemeinde hat ihren Festsaal nach Baeck benannt. Auch wenn er nur fünf Jahre in der späteren Landeshauptstadt als Rabbiner tätig war, hat er die Stadt Düsseldorf und die Jüdische Gemeinde bis heute geprägt.

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