Vietnam

Nguyens Reise

von Tom Tugend

1977 stieß ein israelischer Frachter vor der japanischen Küste auf ein löchriges Boot mit 66 Männern, Frauen und Kindern an Bord. Es waren vietnamesische »boat people«, die wie Hundertausende ihrer Lands-leute nach dem Sieg der Kommunisten aus ihrer Heimat geflüchtet waren. Vorbeifahrende ostdeutsche, norwegische, japanische und panamesische Schiffe hatten die Hilfesignale der halbverhungerten und -verdursteten Schiffbrüchigen ignoriert. Der israelische Frachter nahm sie an Bord und reiste mit ihnen nach Haifa. Die Regierung gewährte ihnen Daueraufenthaltsrecht: Den damaligen Ministerpräsident enMenachem Begin erinnerte das Los der »boat people« an das Schicksal der europäischen Juden, die in den dreißiger und vierziger Jahren meist vergeblich vor den Nazis Zuflucht gesucht hatten. Später kamen im Rahmen von Familienzusammenführungen noch einige hundert weitere Vietnamesen nach Israel. Seitdem hat auch der jüdische Staat seine kleine südostasiatische Diaspora.
Fast drei Jahrzehnte später hat sich der israelische Dokumentarfilmer Duki Dror auf Spurensuche nach den boat people von damals gemacht. In seinem Film The Journey of Vaan Nguyen porträtiert er zwei von ihnen: Hanmoi Nguyen und seine Tochter Vaan aus Tel Aviv. Bevor er vor 29 Jahren in Israel als Flüchtling aufgenommen wurde, erinnert sich Hanmoi, hatte er weder gewußt, daß dieses Land existierte, noch waren ihm Juden ein Begriff. Die israelischen Behörden damals hatten allerdings mit den vietnamesischen Zuwandererern auch ihre Verständigungsprobleme. Dror zeigt eine Wochenschauszene, in der ein enthusiastischer Jewish Agency-Funktionär die Neuankömmlinge auf hebräisch in Eretz Israel willkommen heißt; ein Kollege von ihm versucht anschließend – es ist Dezember –, mit den höflichen, aber leicht verwirrten Vietnamesen eine Channukaweise anzustimmen.
Inzwischen spricht Hanmoi Nguyen, der in einem Tel Aviver Restaurant arbeitet, ordentliches Hebräisch. Aber heimisch fühlt er sich nicht. Glücklich ist er nur, wenn er mit anderen Vietnamesen zusammensitzt und nostalgische Lieder über die verlorene Heimat singt. Anders seine fünf Töchter. Alle sind sie in Israel geborenen, Bürgerinnen des jüdischen Staates. Iwrit ist ihre Muttersprache. Vietnamesisch können sie kaum. Vaan, die Älteste, hat in der Armee gedient, ist Schriftstellerin und publiziert auf hebräisch. Mit ihr zusammen reist Hanmoi nach 25 Jahren zum ersten Mal zurück in seine alte Heimat. Die Kamera begleitet Vater und Tochter dabei.
Für Hanmoi Nguyen ist es nicht nur eine Nostalgiereise. Der Sohn ehemals reicher Landbesitzer will in seinem Heimatdorf das elterliche Erbe reklamieren. Und er hat mit dem örtlichen Parteifunktionär, der ihn damals mit vorgehaltener Waffe zum Verlassen seiner Heimat zwang, noch eine Rechnung offen. Im Dorf begegnet man dem Rückkehrer mit Mißtrauen. Die neuen Bewohner seines Hauses fürchten, ihr schönes Heim zu verlieren. Die lokalen Bürokraten sabotieren seine Rückübertragungsansprüche, wo immer es geht; und der selbstherrliche Parteifunktionär von damals ist inzwischen ein freundlicher älterer Herr geworden, der davon spricht, daß man die Vergangenheit doch endlich ruhen lassen solle.
Spätestens an dieser Stelle werden ältere jüdische Zuschauer ein Déjá-vu-Erlebnis haben: So und ähnlich ging und geht es oft auch mittel- und osteuropäischen Schoa-Überlebenden bei Besuchen in ihrer alten Heimat – sei es Deutschland, Polen oder Tschechien. Die subtile Parallele ist vom Filmemacher so gewollt.
Während Hanmoi versucht, seine Enttäuschung zu verarbeiten, gerät Tochter Vaan in eine Identitätskrise. Anfangs ist sie vom Land ihrer Vorväter begeistert. Vor allem, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben äußerlich nicht aus dem Rahmen fällt. In Israel, erzählt sie, werde sie ständig gefragt, ob sie mit dem Kung-Fu-Star Bruce Lee verwandt sei, oder ob man Schlitzaugen vom vielen Reis-Essen bekomme. Hier in Vietnam sehen alle Menschen aus wie sie. Doch schnell merkt Vaan, daß das nicht ausreicht, um sich heimisch zu fühlen. Sie kommt ebensowenig mit der für sie fremden Sprache zurecht wie mit den komplexen Umgangsformen. »Ich bin Touristin, ich bin Israelin«, konstatiert sie schließlich entnervt auf hebräisch.
Am Ende fliegen Vater und Tochter Nguyen wieder heim nach Israel. Was für ein Land das sei, in dem er jetzt lebe, hatten Dorfbewohner Hanmoi gefragt. »Es gibt dort nur einen einzigen See, und die Menschen essen seltsame Dinge.«

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