New York

Netanjahu: Frieden zwischen Israel und Gaza ist möglich

Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident von Israel, spricht bei der Generaldebatte der UN-Vollversammlung. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Bei seiner Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am Freitag in New York ruft der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu zum Frieden mit Syrien und dem Libanon auf. Einen Palästinenserstaat an der Seite Israels indes bezeichnet er als »blanken Wahnsinn«.

»Nach dem 7. Oktober einen Palästinenser-Staat eine Meile von Jerusalem entfernt zu errichten, das wäre, als würde man nach dem 11. September einen Al-Qaida-Staat eine Meile neben New York erklären!«, unterstreicht der israelische Regierungschef.

Netanjahu, bekannt für seine Vorliebe für aufmerksamkeitserregende Gimmicks, hält die Rede mit einem QR-Code am Revers und fordert die Zuhörer auf, ihn zu scannen. Er würde Israels Position gegenüber Gaza erklären und den Opfern des 7. Oktobers 2023 gedenken. »Ein Großteil der Welt erinnert sich nicht mehr an den 7. Oktober, aber wir erinnern uns. Israel erinnert sich an den 7. Oktober«, betont er.

Dutzende von Anwesenden hatten kurz zuvor aus Protest den Saal verlassen, als der Ministerpräsident ans Rednerpult trat. Vor dem Gebäude der Vereinten Nationen demonstrieren währenddessen Hunderte gegen Netanjahu, darunter auch Vertreter von jüdischen Organisationen und Angehörige israelischer Geiseln in Gaza.

Netanjahu dankt US-Präsident Trump

Eine Vielzahl von Staats- und Regierungschefs hatten Netanjahu und die israelische Politik wegen des Krieges in Gaza und des Vorgehens im gesamten Nahen Osten in den vergangenen Tagen aufs Schärfste kritisiert. Darauf ging Netanjahu zunächst nicht ein, sondern begann mit dem Auflisten seiner Erfolge. So habe Israel Tausende Terroristen getötet und sich den Sturz des Assad-Regimes in Syrien sowie die Zerstörung des iranischen Atomprogramms auf die Fahnen zu schreiben. US-Präsident Donald Trump dankte er in diesem Zusammenhang »für sein mutiges und entschlossenes Handeln«.

Er sagt, Israels »Siege über die iranische Terrorachse haben Möglichkeiten für Frieden eröffnet, die vor zwei Jahren noch undenkbar waren«. Allein die bloße Vorstellung eines Friedens zwischen Israel und Syrien schien jahrzehntelang unvorstellbar. Doch heute »haben wir ernsthafte Verhandlungen mit der neuen syrischen Regierung aufgenommen. Ich glaube, dass eine Einigung erzielt werden kann, die Syriens Souveränität respektiert und sowohl die Sicherheit Israels als auch die Sicherheit der Minderheiten in der Region, einschließlich der Drusen, schützt«.

Netanjahu: »Israel hat sich von seinen dunkelsten Tagen erholt und eines der beeindruckendsten militärischen Comebacks der Geschichte hingelegt.«

»Israel hat sich von seinen dunkelsten Tagen erholt und eines der beeindruckendsten militärischen Comebacks der Geschichte hingelegt«, so Netanjahu und fügte im Hinblick auf den noch immer andauernden Gaza-Krieg hinzu: »Israel muss seine Aufgabe zu Ende bringen, denn die Hamas verspricht, den 7. Oktober immer und immer wieder durchzuführen.«

Die israelische Armeeführung jedoch hat bereits vor Monaten und wiederholt erklärt, dass die Terrororganisation in Gaza extrem geschwächt sei, und dass sich ein »Massaker wie am 7. Oktober 2023 niemals wiederholen wird«.

Der Premier bestreitet zudem kategorisch die Vorwürfe eines Völkermords und einer Hungerpolitik in Gaza. Das Verhältnis der Todesopfer von Terroristen und Nichtkämpfern liege bei zwei zu eins.

Lesen Sie auch

Der israelische Geheimdienst übertrage seine Rede live über Lautsprecher der IDF und die Telefone der Bewohner in den Gazastreifen, so Netanjahu. Er erklärt an die Palästinenser in Gaza gewandt: »Legt Eure Waffen nieder. Wenn Ihr das tut, werdet Ihr leben. Wenn nicht, wird Israel Euch jagen.« Ein Frieden zwischen Israel und Gaza sei möglich, wenn der Streifen entmilitarisiert und eine »friedliche Zivilregierung« eingerichtet werde.

Premier bestreitet Völkermord und Hungerpolitik

Den Geiseln ruft er - in der Hoffnung, dass die ihn durch die Übertragung nach Gaza vielleicht doch hören können - zu: »Hier, ihr Helden, spricht Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Ich spreche live zu euch vom Podium der UN-Generalversammlung. Ich werde nicht ruhen, bis wir euch nach Hause gebracht haben.«

Die Terrororganisation Hamas hält noch immer 48 Geiseln in Gaza gefangen. 20 von ihnen, alles jüngere Männer, sollen noch am Leben sein. Netanjahu sagt, sie würden »ausgehungert, gefoltert und jeglichen Tageslichts beraubt. Ihnen wird die Menschlichkeit genommen«.  

Während dieser Worte schreit Tal Kuperstein, Vater der Geisel Bar Kuperstein, zweimal aus seinem Rollstuhl im Obergeschoss der Zuschauergalerie qualvoll auf. Er hatte nach einem schweren Autounfall einen Schlaganfall erlitten, ist gelähmt und kann kaum sprechen. Unter großen Anstrengungen lernte er jedoch, für seinen Sohn Bar um Freiheit zu rufen und ist bei den meisten Kundgebungen in Israel dabei. Nach dem zweiten Zwischenruf in New York jedoch wird der Vater aus dem Saal geleitet.

Netanjahu verliest dann die Namen jener 20 lebenden Geiseln. »Wir haben euch nicht vergessen, nicht eine Sekunde lang.« Doch er erwähnt weder Tamir Nimrodi noch Bipin Joshi, deren Tod nicht bestätigt ist, um die es jedoch große Sorge gibt. Auch nennt Netanjahu nicht die Namen der toten Geiseln. Die Israelis, allen voran die Angehörigen, sind entsetzt.  

Ronen Neutra: »Mein Sohn gab sein Leben. Doch er wird nicht einmal erwähnt. Er ist allen egal. Ich bin allen egal. Ich habe mich geschämt, dieser Rede zuzuhören.«

Einige von ihnen haben anschließend harsche Worte für den Auftritt. Ronen Neutra, dessen Sohn Omer von der Hamas ermordet wurde und noch immer Geisel in Gaza ist, saß während der Rede von Netanjahu im Publikum. Er sagte anschließend: »Mein Sohn ist in New York geboren, ging nach Israel, um ihn der Armee zu dienen und gab sein Leben. Doch er wird nicht einmal erwähnt. Er ist allen egal. Ich bin allen egal. Ich habe mich geschämt, dieser Rede zuzuhören.«

Die meisten Familien der Geiseln vertrauen schon lange nicht mehr darauf, dass Netanjahus höchstes Anliegen die Befreiung ihrer Liebsten ist. Sie argumentierten, er habe dem Machterhalt seiner Regierung Vorrang vor dem Leben ihrer Angehörigen eingeräumt. Gleichwohl nutze er ihre Notlage im Ausland zynisch aus, um internationales Mitgefühl zu gewinnen und Kritiker des Krieges in Gaza mundtot zu machen.

Am selben Tag erklärte US-Präsident Trump vor Reportern – allerdings nicht zum ersten Mal – dass das Ende des Gaza-Krieges und die Freilassung der Geiseln sehr nah sei. »Es sieht so aus, als hätten wir eine Einigung in Bezug auf Gaza. Wir werden Sie weiter informieren.«

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026