Ärzte

Nachhilfe für Doktoren

von Ralf Hübner

Victoria K. geht in Dresden mit 44 Jahren noch einmal zur Schule. In Woronesch, einer russischen Stadt 600 Kilometer südlich von Moskau, hat die Frau mit der Wuschelfrisur und den strahlenden Augen 15 Jahre als Gynäkologin gearbeitet. Doch seit sie vor etwa zwei Jahren nach Hamburg kam, bangt sie um ihre berufliche Zukunft. Um auch in Deutschland als Ärztin anerkannt zu werden und eine Approbation zu erhalten, muß sie eine Prüfung ablegen, eine sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung. Diese fordern die Behörden als Nachweis, daß Ärzte aus dem Aus- land keine schlechtere Ausbildung haben als einheimische Mediziner. Um sich auf die Prüfung vorzubereiten, besucht Victoria K. bei der Dresdner Kulturakademie einen Kurs. »Innere Medizin und Chirugie – davon habe ich vor 20 Jahren beim Studium das letzte Mal etwas gehört«, sagt sie mit einem charmanten Lächeln. Damals habe sie in allen Fächern ein »sehr gut« bekommen. Jetzt muß sie ihre Kenntnisse wieder auffrischen.
Die Kulturakademie hat sich in einem hellen Büroneubau im Dresdner Süden niedergelassen. Seit zehn Jahren werden hier Anpassungskurse für zugewanderte Ärzte und mittlerweile auch für Krankenschwestern und Hebammen angeboten. Die Einrichtung hatte Anfang der 90er Jahre zunächst Lehrer zu Sozialarbeitern umgeschult. »Eines Tages wurde ich im Regierungspräsidium angesprochen, ob wir nicht auch etwas für zugewanderte Ärzte machen können«, erinnert sich die 55jährige Akademie-Chefin Christiane Härtwig, eine zierliche Frau mit hellblondem Haar. Sie konnte. Gemeinsam mit der sächsischen Landesärztekammer hat sie ein Konzept erarbeitet, und im Oktober 1995 konnte mit 18 Teilnehmern der erste Kurs starten.
Viele der Teilnehmer waren zuvor arbeitslos. Vorurteile hielten sich zäh. »Die bekommen ja doch keinen Arbeitsplatz«, bekam Härtwig zu hören. Mittlerweile haben 450 Ärzte einen Kurs bei der Akademie durchlaufen, die Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland. Die meisten stammen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion – viele sind jüdische Zuwanderer. Die Vermittlungsquote liegt bei etwa 85 Prozent. Härtwig triumphiert. »Ich habe auf meinem Tisch einen ganzen Stapel von Anfragen deutscher Krankenhäuser, die Ärzte haben wollen.«
Vor allem die Jahreskurse haben sich bewährt, sagt Härtwig. Das sind fünf Monate theoretischer Unterricht, denen sich ein sechsmonatiges Praktikum anschließt. Dann folgen noch einmal vier Wochen Theorie, in denen die Teilnehmer intensiv auf die Gleichwertigkeitsprüfung vorbereitet werden. Eine Altersbegrenzung für den Kursbesuch gibt es nicht. Der älteste Teilnehmer sei 59 Jahre alt gewesen und habe mit 60 seinen medizinischen Dienst in Bielefeld angetreten, erzählt Härtwig. Voraussetzung sei allerdings ein ärztlicher Abschluß und eine Berufserlaubnis.
Härtwig zufolge besteht vor allem in der Pharmakologie, der Anwendung moderner medizinischer Technik und bei Rechtsfragen Nachholbedarf. Zur Ausbildung gehören unter anderem auch 40 Stunden Notfallmedizin. Die Dozenten kommen aus den Krankenhäusern von Dresden und Umgebung. »Viele Teilnehmer sind oft selbst gut ausgebildete Spezialisten und hoch motiviert«, zeigt sich Oberarzt Sven Wollschäger vom Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt beeindruckt. Der Unterricht sei sehr angenehm, oftmals habe er Seminarcharakter.
Ein Teil des Programms sind zudem 140 Seminarstunden, in denen Fachsprache – Deutsch für Mediziner – vermittelt wird. Seit kurzem ist allerdings gefordert, daß die Ärzte auch einen allgemeinen Sprachabschluß ablegen sollen. Härtwig ist fassungslos. »Das macht keinen Sinn.« Im Unterricht für diesen Abschluß gehe es um Puddingpulver oder den Besuch eines Weihnachtsmarktes. Kein einziger Text in dem betreffenden Lehrbuch behandele ein medi- zinisches Thema. Es wäre besser, glaubt sie, wenn das Sächsische Gesundheitsministerium wie bisher das Zertifikat des Fachsprachkurses ihrer Akademie anerkenne.
Der 34jährige Chirurg Sergey Lenchnitskiy ist begeistert vom Unterricht in der Kulturakademie. »Alle bemühen sich, uns etwa beizubringen.« Der Arzt hat sieben Jahre in einem Krankenhaus in Sankt Petersburg gearbeitet und rund 600 Operationen vor allem im Bauch- und Brustbereich durchgeführt. Seit 2004 lebt er mit seiner Frau und zwei Töchtern in Dortmund. Dort arbeitet er mit einer auf drei Jahre befristeten Berufserlaubnis als Assistenzarzt in einem Krankenhaus.
Auch das ist also möglich – ganz ohne Anpassungskurs und Gleichwertigkeitsprüfung. Eine solche Berufserlaubnis ist allerdings immer nur befristet. Um vielleicht selbst einmal Chefarzt zu werden oder sich mit eigener Praxis niederzulassen, wird die Approbation gebraucht. Die will auch Lenchnitskiy haben.
An der Gleichwertigkeitsprüfung führt seit 2002 kein Weg mehr vorbei. Härtwig findet die Anforderungen hart. Sie ist überzeugt, daß auch viele deutsche Ärzte scheitern würden, müßten sie stehenden Fußes eine solche Prüfung ablegen. Und gehe die daneben, gebe es für die Kandidaten nur eine einzige Wiederholungschance. Das sei ungerecht. »Vor allem die aus Rußland und der Ukraine zugewanderten Ärzte fühlen sich diskriminiert.« Von ihren Kollegen aus Polen, Tschechien oder den baltischen Staaten, die jetzt zur EU gehören, werde weder ein Sprachzertifikat noch eine zusätzliche Prüfung verlangt. Das schafft Frust.
Der Ärztemangel vielerorts in Deutschland ist inzwischen offenkundig geworden. Deshalb ist Härtwig überzeugt, daß es noch viele Anpassungskurse geben wird.

www.kulturakademie-dresden.de

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