Ritualmorde

Mythos Mord

von Ruth Reimertshofer

Das Klima ist friedlich im »Ghetto« von Rom: Ältere Frauen sitzen auf einer Bank vor dem Café und halten ein Schwätzchen. Die große Synagoge, rund um die Uhr von Carabinieri und einer Gruppe von Jugendlichen der Gemeinde bewacht, erhebt sich gegen den Himmel am Tiberufer im Zentrum der Stadt.
Cesare in seinem kleinen Geschäft für Unter- und Bettwäsche weiß wenig über die Details des Streits, der seit Tagen die Feuilletons der großen italienischen Zeitungen füllt, doch sein Urteil ist trotzdem eindeutig: »Reiner Unsinn«. Der Nachbar in seinem Schuhgeschäft erklärt bitter: »Nur Ahmadinedschad könnte so etwas Verrücktes behaupten«.
Unsinn? Verrückte Behauptungen? Ahmadinedschad? Geht es um ein neues islamistisches Pamphlet? Nein, es sind Historiker-Thesen, die die Gemüter der Gemein- demitglieder und der Intellektuellen in diesen Tagen so heftig erregen. Sie kommen nicht aus der Feder eines antisemitischen Hetzers, sondern von Ariel Toaff, Professor für Sozialgeschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv und Sohn des hochverehrten Altrabbiners der ältesten jüdischen Gemeinde Europas. Elio Toaff ist auch heute noch, und dies nicht nur für Juden, eine große moralische Autorität, gleichzeitig Symbolfigur für die Versöhnungsbesuche von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1986 in der Synagoge von Rom.
Hier, wo im Mittelalter Papst Paul IV. das heute noch als »Ghetto« bekannte jüdische Viertel im Zentrum Roms einrichtete, wird heftig diskutiert. Ariel Toaff? Die Frauen winken ab. Gleichgültigkeit ist ihrer Meinung nach die beste Antwort. Müsste er fürchten, körperlich angegriffen zu werden? Einige Männer ereifern sich: »Mit einigen Schlägen müsste er schon rechnen, wenn er hierher käme. Wir sind sehr erbost über ihn«.
Ein neuer Revisionismusstreit zwischen Historikern? Einige Kritiker und der Autor selbst behaupten, es gehe gar um das Recht auf Meinungsfreiheit. Die Freiheit der Forschung sei in Gefahr, wenn wissenschaftliche Bücher mit einer unbequemen Wahrheit verdammt würden – und das, bevor man sie überhaupt gelesen habe.
Bereits im Titel von Ariel Toaffs Buch, »Pasque di Sangue« (Blutpessach), ist der Streit um die historische Wahrheit vorprogrammiert. Es geht um die Ritualmordlegende, die jahrhundertelang durch die Geschichte geisterte und oft den Vorwand dazu lieferte, Juden zu verfolgen und zu töten. Konkret geht es um den Fall des Simon von Trient, den Sohn eines christlichen Gerbers. Im Jahr 1475 wurden die Juden der Stadt beschuldigt, den Jungen getötet und seinen Leichnam für einen Ritus in der Synagoge missbraucht zu haben. Folgt man Toaffs Thesen, so sei der kleine Simon in der düsteren und stark antichristlich geprägten Welt der aschkenasischen Juden im deutschsprachigen Raum des heutigen Norditalien tatsächlich Opfer eines jüdischen Ritualmords geworden.
Die mehrheitliche Meinung der italienischen Historiker lautet: Toaffs Buch ist schlecht – historisch, methodisch, inhaltlich. Es benutze einseitig Inquisitionsquellen, die heute wie damals selbst der Vatikan verurteilt. Kaum berücksichtigt würde, dass sich die Geständnisse der vermeintlichen Täter allesamt auf Ausssagen stützen, die unter Folter erpresst wurden. Selbst der damalige Papst Sixtus IV. sandte einen apostolischen Kommissar nach Trient, um die zweifelhaften Geständnisse zu hinterfragen. Dieser kam bereits damals zu dem Schluss, dass die Wahrheit des Trientiner Inquisitionstribunals anzuzweifeln und seine Ergebnisse zu verwerfen seien.
Doch Legenden wären nicht Legenden, wenn sie sich nicht über Jahrhunderte hinweg am Leben erhielten. Aus dem kleinen Simon aus Trient wurde in der damaligen, von Judenverfolgung gezeichneten Welt, schnell ein Märtyrer. Selig gesprochen, wurde er vom Volk besonders als Beschützer der Kinder verehrt. Es entstand ein Kult um seine Figur, der in jährlichen Prozessionen Ausdruck fand. Erst 1965 unterdrückte der Vatikan offiziell die Verehrung Simons. Begründung: Justizirrtum.
Legenden und ihre Mythen reißen auch heute noch tiefe Wunden auf. Kaum hatte eine italienische Zeitung die bevorstehende Veröffentlichung des Buches im renommierten Bologneser Verlag Il Mulino gemeldet, verurteilte ein Kommuniqué der Rabbiner Italiens den Inhalt. Nach nur einem Tag war die erste Auflage des Buches verkauft. Dem schnellen Erfolg folgt allerdings vorerst keine Neuauflage. Der Autor ließ mitteilen, dass er einige Passagen überarbeiten werde und entschuldigte sich bei denjenigen, »deren Sensibilität er beleidigt habe«. Schuld daran gibt er vor allem der Presse und deren »verfälschenden Darstellungen« sowie der »Instrumentalisierung durch antisemitische Propaganda«.
Ende der Debatte? Sicher nicht. Auch an der Bar-Ilan-Universität, an der Ariel Toaff seit Jahren als angesehnener Wissenschaftler lehrt, ist man über die Thesen bestürzt. Ihr Rektor, Professor Moshe Kaveh, berichtet vom »Schaden«, den das Buch dem »Ansehen auch der Universität selbst antat«. Autor Toaff sagte in einer Fernsehsendung, dass er gern zu seiner Lehrtätigkeit zurückkehre. »Umgeben von meinen Studenten, wird man mich verstehen.«
Fragt man in der jüdischen Gemeinde in Rom nach möglichen Gründen für die Thesen des Buches, hört man Antworten wie »Ruhmsucht und Geld« oder »Der Sohn wollte aus dem Schatten seines Vaters treten.« Altrabbiner Elio Toaff sagt, er sei enttäuscht über das Buch seines Sohnes. »Von ihm hätte ich eine derartige Dummheit nicht erwartet. Sie beleidigt die Geschichte des jüdischen Glaubens.«
Nun, da das Buch vom Markt genommen wurde, äußert sich der Altrabbiner zufrieden: »Mein Sohn hat verstanden, welchen Fehler er begangen hat.« Darin sind sich fast alle Juden im »Ghetto« einig.

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