Ferienzeit

Mußestunden in Heidelberg

Foto: Christoph Blüthner, Pressefoto 0177 - 2488782

Still ist es im Gemeindezentrum der Jüdischen Kultusgemeinde Heidelberg in diesen Tagen. Kein Kinderlachen wie sonst, wenn die Sprösslinge der Gemeindemitglieder beim »informellen Lernen« in dem eigens für sie liebevoll eingerichteten »Kinderzimmer« den Toraabschnitt der Woche mit ihrem Puppentheater nachstellen. Oder wenn sie Torarollen basteln oder Puzzles, auf denen die Gesetzestafeln mit dem Dekalog abgebildet sind, zusammenlegen.
Keine traditionelle israelische Tanzmusik, zu der Erwachsene und Kinder in ge-
trennten Gruppen das Tanzen lernen. Nichts findet derzeit statt: weder die Chorstunden, Deutschkurse, der Seniorenklub und die Frauengymnastikgruppe noch die zweimal pro Woche begleiteten Führungen für Schulklassen und Interessierte aus nah und fern. Sogar die Sozialarbeiterin der 500 Mitglieder starken Gemeinde hat frei.

angenehme ruhe Kaum zu glauben, dass die kleine orthodoxe Gemeinde in Heidelberg seit Jahren Purimpartys für die Jugend veranstaltet, Abendgottesdienste mit Hawdalah feiert und in regelmäßigen Abständen einen Studentenschabbat ab-
hält. Keinerlei Anzeichen dafür, dass hier regelmäßig Konzerte gegeben und literarische sowie musikalische Veranstaltungen organisiert werden. Einen Monat lang währt diese Ruhe im Gemeindezentrum, die nicht unangenehm ist. Denn leer ist das Gemeindehaus deswegen noch lange nicht. Die Ruhe lässt denen, die hier auch jetzt gewissermaßen im Verborgenen arbeiten, die Gelegenheit, die Atmosphäre des lichten Rundbaus in sich aufzunehmen.
Ein architektonisches Juwel ist die Synagoge, in der schlichte, schlanke, in elegantes Weiß gehüllte Säulen mit dem satten Blau der Fenster kontrastieren. Hier zu sitzen, und den Kiddusch zu diskutieren, kann schon einmal vom Alltagsgeschäft ablenken und erheben. Auch die atelierartig lichtdurchfluteten Gänge, die zu den einzelnen Gemeinderäumen führen, strahlen freudige Gelassenheit aus, so wie der Rabbiner und gleichzeitige Kantor der Gemeinde, Janusz E. Pawelczyk-Kissin, der auch während der Schul- und Semesterferien die Gottesdienste hält. Er konzediert: »Es stimmt schon. Jetzt ist es sehr ruhig bei uns in der Gemeinde. Viele Mitglieder sind jetzt in Ferien. Viele Studenten, und keinesfalls nur die, die von der Jüdischen Hochschule kommen, sondern auch jene, die hier Chemie, Biologie, Medizin und Jura studieren, sind jetzt für einige Zeit verreist. Gerade sie sind aber wichtig für das Gemeindeleben. Sie sind sehr engagiert und viele von ihnen garantieren den Minjan, das Abhalten des Minchagottesdienstes mit Kiddusch und des Abendgebets zum Ausklang des Schabbats.«
Fast verwundert stellt Pawelczyk-Kissin fest, dass die beiden Gottesdienstzeiten dennoch auch im August bisher keinmal ausgefallen sind. Die Studenten verreisen eben nicht gleichzeitig. Und auch wenn die Anzahl der Gottesdienstbesucher für den Schabbatmorgen zur Zeit von etwa 100 auf 40 bis 50 Mitglieder geschrumpft ist, es sind vor allem Familien mit Kindern, die jetzt nicht kommen.
Über Langeweile können er und das Vorstandsmitglied Michael Schwarzmann sich während der Ferienzeit jedoch nicht beklagen. Schwarzmann bemüht sich, die neue Homepage der jüdischen Gemeinde noch vor den Hohen Feiertagen fertig einzurichten. Denn schon eine Woche vor Rosch Haschana beginnt der Betrieb in der Gemeinde wieder. Ihre Mitglieder kommen aus dem Urlaub zurück. Der Dornröschenschlaf ist beendet. Bis dahin muss auch der Veranstaltungskalender für das nächste halbe Jahr fertiggestellt sein. Im-
merhin will und soll die Gemeinde ja informiert sein, wann was passiert. Und dann ist da noch das Mitteilungsblatt des Oberrates der Israeliten Badens für die angeschlossenen Gemeinden, das zweimal jährlich erscheint. In ihm berichten die ver-
schiedenen Gemeinden Badens von den Veranstaltungen, die ihr religiöses und gemeinschaftliches Leben bereichern. Da müssen Artikel verfasst, redigiert und Bilder ausgesucht werden. Viel Zeit für anderes bleibt eigentlich gar nicht.
Auch Pawelczyk-Kissin hat viel zu tun: Neben der Seelsorge muss er sich schon jetzt auf die Hohen Feiertage vorbereiten. Dieses Jahr leitet er sie zum dritten Mal in Folge mit dem englischen Professor Paul Fenton von der Sorbonne als zweitem Kantor. »Das ist notwendig, weil die Gottesdienste bis zu zehn Stunden dauern. Einer alleine kann das nicht meistern.«

planungen Und dann kommt auch schon Sukkot. Dafür muss er sich dieses Jahr auch etwas einfallen lassen, denn die in den Synagogenbau integrierte Laubhütte war schon in den vergangenen Jahren für den großen Ansturm an Feierfreudigen zu klein. Wie wird er das Problem dieses Jahr lösen?
Die Antwort kennt er auch noch nicht. Da werden Absprachen nötig sein. Wie gut, dass noch ein wenig Zeit für die Koordination dieser Dinge bleibt. »Wir können einfach nicht mit Volldampf durch das ganze Jahr ziehen.« Nur von außen scheint es, als hielten die beiden eisern die Stellung. Viel zu tun ist immer, auch ohne besonderes Ferienprogramm.

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