Misha Defonseca

Mowgli und die Nazis

von Michael Wuliger

1995 erschien im renommierten Jüdischen Verlag bei Suhrkamp das Buch Bruchstü-cke. Aus einer Kindheit 1939–1948 von Binjamin Wilkomirski. Die Erinnerungen eines Mannes, der als fünfjähriges Kind Auschwitz und Majdanek überlebte, wurden in neun Sprachen übersetzt, hunderttausendfach verkauft und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Drei Jahre später enthüllte der jüdische Journalist Daniel Ganzfried, dass »Wilkomirski« in Wirklichkeit ein nichtjüdischer Schweizer namens Bruno Dösseker war, der Auschwitz nur aus Büchern kannte und seine Schoa-Saga frei erfunden hatte.
Jetzt hat Dösseker eine Schwester im Geiste bekommen. Pünktlich zum Kinostart der Verfilmung ihres Bestsellers Surviving with Wolves musste die in den USA lebende Belgierin Misha Defonseca, konfrontiert mit Recherchen der Brüsseler Tageszeitung »Le Soir«, einräumen, dass die rührende Geschichte, wie sie als kleines Mädchen, geschützt von einem Wolfsrudel, die Schoa überlebte »nicht die wirkliche Realität« sei: »Es gibt Zeiten, in de- nen ich es schwierig finde, zwischen der Wirklichkeit und meiner Innenwelt zu unterscheiden.«
Tatsächlich ist die 1937 geborene und katholisch getaufte Monique de Wael, wie »Misha Defonseca« mit Geburtsnamen heißt, keine Jüdin. Sie war auch nicht als Siebenjährige ihren deportierten Eltern zu Fuß durch Deutschland, Polen und die Ukraine gefolgt und unterwegs in den Wäldern Osteuropas von Wölfen (»Mama Rita« und »Papa Ita«) adoptiert worden. Zur Zeit der Schoa ging die kleine Monique auf eine Grundschule in Brüssel. Ihre Eltern hatte sie allerdings tatsächlich 1941 als Vierjährige verloren. Die beiden waren Mitglieder der belgischen Widerstandsbewegung und wurden von den Deutschen verhaftet und erschossen. Monique wuchs – wie übrigens Bruno Dösseker auch – bei Pflegeeltern auf.
Dass Erinnerungen frei erfunden werden – sei’s des Profits oder des Renommees wegen, sei’s, weil gestörte Individuen sich eine Fantasiewelt schaffen –, ist nichts Neues. Dass Verlage darauf hereinfallen auch nicht. Hoffmann und Campe musste 2003 Ulla Ackermanns angeblichen Erlebnisse als Kriegsberichterstat-terin Mitten in Afrika zurückziehen. Rowohlt hatte wenig Freude an Nima Zamars fabulierten Erfahrungsbericht Ich musste auch töten über ihre Agententätigkeit beim Mossad. Nicht viel besser erging es Wunderlich mit Norma Khouris Du fehlst mir, meine Schwester. Die laut Verlag in Jordanien unterdrückte junge Frau war in den USA aufgewachsen.
Die fantasievollen »Erinnerungen« von »Wilkomirski« damals und »Defonseca« jetzt könnte man in diese Liste einreihen, als peinliche, aber normale Betriebsunfälle. Wenn da nicht der Hintergrund wäre: die Schoa. Spätestens seit Steven Spielbergs Film Schindlers Liste ist die industrielle Massenvernichtung des europäischen Judentums ein populäres – und auch profitables – Thema der Kulturindustrie geworden. Ob Bücher, Filme, Comics Musicals oder seichte Fernsehdokumentationen: Auschwitz sells. Auf solchem Humus gedeihen auch Sumpfblüten. Surviving with Wolves stand bei Amazon USA, auf Platz 5 der meistverkauften Holocausttitel, bevor es Montag dieser Woche gegen Mittag zurückgezogen wurde.
1996, kurz bevor Surviving with Wolves in den USA herauskam, schrieb Henryk Broder im »Spiegel« vorsichtig skeptisch über Misha Defonseca und ihre Memoiren. Und er zitierte einen echten Schoa-Überlebenden: »Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, wenn das Buch rauskommt, und es stellt sich als Fälschung raus. Es wäre Wasser auf die Mühlen der Revisionisten.« Just das ist jetzt passiert. Schon amüsiert sich Lorenz Jäger in der FAZ: »Kulturindustrie (Adorno) und Holocaust-Industrie (Finkelstein) treffen sich in der frechen Fälschung. In zwei, drei Jahren wird man sich dann fragen, warum es wieder mehr Holocaust-Leugner gibt.«

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