Anfang

Mittendrin

von Charlotte Knobloch

Rosch Haschana ist ein ernster und ein freudiger Tag. Wir legen Rechenschaft ab über unser Handeln und vertrauen darauf, dass das Urteil G’ttes über uns gut ausfallen wird. Wir blicken zurück auf das Jahr 5768 und nach vorn auf das Jahr 5769. Diesmal liegt das Neujahrsfest genau zwischen zwei historischen Jahrestagen, die Wendepunkte in der Geschichte des jüdischen Volkes markieren: Vor 70 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen, vor 60 Jahren wurde der Staat Israel gegründet.
In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 konnte noch niemand das ganze Ausmaß des Verbrechens erahnen, das die Nationalsozialisten am jüdischen Volk verüben würden. Die Schoa haben 15.000 deutsche Juden überlebt – 15.000 von 500.000, die vor der Machtübernahme der Nazis in Deutschland lebten. Der Glaube an einen Fortbestand jüdischen Lebens in Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch vorhanden. Die meisten jüdischen Bürger wollten auswandern. Sieben Jahrzehnte später erleben wir ein Aufblühen des Judentums in unserem Land. Es entstehen neue Synagogen, Kindergärten und Schulen. Jüdisches Leben ist aus dem Verborgenen der Hinterhöfe wieder mitten in der Gesellschaft angekommen, auch dank vieler nichtjüdischer Freunde. Der unermüdliche Einsatz für die Gemeinden hat sich gelohnt, ungeachtet aller Widerstände, die es zu überwinden galt.
Die jüdischen Gemeinden wachsen und erhalten durch steigende Mitgliederzahlen ein größeres Gewicht in der Gesellschaft. Ohne die Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wäre das nicht möglich. Die Gemeinden halten für sie ein neues Zuhause und eine religiöse Heimat bereit. Die Zuwanderer wiederum streben nicht nur nach enger Einbindung, sondern vermögen es auch, unsere Gemeinden und unsere Gesellschaft durch das kulturelle Erbe ihrer Herkunftsländer zu bereichern. Allmählich entsteht ein Wir-Gefühl zwischen alteingesessenen und neuen Mitgliedern. Weil alle wissen, dass sie einander viel geben können.
Trotz der Euphorie dürfen wir die Gefahren nicht außer Acht lassen, die insbesondere von Rechtsextremisten und Islamisten ausgehen. Auch wenn der »Anti- Islamisierungskongress« in Köln ein Fiasko für die europäischen Rechtspopulisten war (vgl. S. 2), verfolgen unsere Feinde die gleichen Ziele: Sie leugnen den Holocaust und verbreiten die jahrtausendealten antisemitischen Ressentiments, Vorurteile und Stereotypen. Die Glatzköpfe mit den Bomberjacken tragen neuerdings Anzug und Kra- watte. Nach außen geben sie sich als Biedermänner, im Verborgenen unterwandern sie die Demokratie und bedienen sich ihrer Mittel. Jährlich erhält die NPD eine Wahlkostenerstattung von 1,6 Millionen Euro. Steuergeld, das in sinnvolle Projekte investiert werden könnte. Der politische Wille zu einem erneuten NPD-Verbotsverfahren ist leider nicht parteiübergreifend vorhanden. Manche Politiker schrecken davor zurück, V-Leute aus der rechtsextremistischen Szene abzuziehen, obwohl die Rolle dieser Informanten äußerst umstritten ist. SPD-Fraktionschef Peter Struck forderte unlängst ein erneutes Verbotsverfahren, um die vermeintlich »legale« Partei aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Es ist kein Geheimnis, dass sich auf den Kandidatenlisten der NPD Rechtsextremisten und verurteilte Straftäter befinden. Umso mehr verwundert und alarmiert es, dass selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen NPD-Funktionären ein Forum bietet und regionale Tageszeitungen NPD-Pressemitteilungen kommentarlos abdrucken. Insbeson- dere das Internet haben sich Rechtsextremisten zunutze gemacht. Wir können nur hoffen, dass die Menschen in unserem Lande merken, dass sie von den braunen Banden und ihren populistischen Sprüchen und leeren Versprechungen nichts, aber auch gar nichts, zu erwarten haben – und dass diese Einsicht dem Spuk irgendwann ein Ende bereiten wird.
Das Erstarken rechtsextremer Parteien in Deutschland und Europa berührt die jüdischen Gemeinden in ihrer Existenz. Eine Existenz, die letztlich nur durch den Staat Israel wirklich gewährleistet wird. Israel ist der einzig sichere Zufluchtsort für das jüdische Volk, der im Notfall die Grenzen nicht verschließt. Nur weil Israel existiert, gibt es weltweit jüdisches Leben in Würde und Selbstachtung. Die Entwicklung des Staates seit den Anfängen ist eine Erfolgsgeschichte. Israel hat Einwanderer aus über 120 Ländern in die Gesellschaft integriert und ist vom Agrarland zu einer High-Tech-Nation mit weltweitem Ansehen geworden. Auf ein anderes Wunder im Nahen Osten warten und hoffen wir dagegen bis heute – auf einen dauerhaften Frieden für Israel. Ein Friede, der nicht nur den Menschen in Israel, sondern auch seinen Nachbarn Sicherheit und eine gute Zukunft bringen wird.
Möge 5769 ein Jahr des Friedens für Israel und ein Jahr des Aufblühens jüdischen Lebens werden. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr. Schana towa!

Die Autorin ist Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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