Kulturtage

Mitten in Mitte

von Detlef David Kauschke

»In Zukunft soll die Jüdische Gemeinde verstärkt mit Selbstdarstellung nach außen gehen.« Dieses Zitat ist zugegebenermaßen schon etwas älter: Es stammt aus dem Jahr 1986. Der damalige Gemeindevorsitzende Heinz Galinski hatte mit diesen Worten vor genau 20 Jahren die Pläne für »ein jüdisches Kulturfest zur 750-Jahr-Feier der Stadt« 1987 angekündigt. Es sollte gezeigt werden, was die jüdische Kultur zum Leben Berlins beigetragen hat, und was durch die Schoa verlorengegangen ist.
Aus dem jüdischen Kulturfest sind die »Jüdischen Kulturtage Berlin« geworden. Sie feiern in diesem Jahr ihr 20jähriges Bestehen, und sind mittlerweile aus dem Veranstaltungskalender der Hauptstadt nicht mehr wegzudenken.
Das diesjährige Festival beginnt am kommenden Sonntag, 22. Oktober, und dauert bis zum 1. November. Es bietet Einblicke in das Schaffen von Künstlern aus Israel und Deutschland. Geplant sind 17 Veranstaltungen: Theater, Film, Lesungen, Kabarett und Konzerte. Dabei reicht das musikalische Angebot von Klassik und Klesmer bis zu Ethno-Pop und Funk.
Das gesamte Programm ist diesmal etwas gestrafft worden. Es beginnt vier Wochen früher und ist vier Tage kürzer als im vergangenen Jahr. Zudem findet es nicht mehr an vielen, über die Stadt verstreuten Plätzen, sondern an drei Veranstaltungsorten in Mitte statt. Auch gibt es kein zentrales Thema mehr. 2005 ging es um das jüdische Berlin der zwanziger Jahre, 2004 um die Mendelssohns. Diesmal habe man mit »Jüdische Facetten« ein Motto gewählt, das es erlaube, Vielfältigkeit darzustellen, erklärte Peter Sauerbaum, der Kultur- und Bildungsdezernent der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zugleich künstlerischer Leiter der Kulturtage. »Wir wollen nicht jedes Jahr dasselbe machen«, sagte er bei der Programmvorstellung.
Eröffnet wird das Festival am 22. Oktober mit einem Konzert der Berliner Symphoniker unter Leitung von Lior Shambadal. Gespielt werden zwei gegensätz-
liche Werke jüdischer Komponisten: Auszüge aus »Ein Sommernachtstraum« von Felix Mendelssohn-Bartholdy und »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke« von Viktor Ullmann.
Am Tag danach (23. Oktober) erklingt ein Mix aus Zirkusmusik, jüdischen Melodien, israelischem Rock und andere Musik beim »Bucovina Club«. Auch einen Mix, aber ganz anderer Art, präsentiert »The Idan Raichel Project« am nächsten Abend (24. Oktober) mit einer Mischung aus Weltmusik und traditionellen jüdischen Melodien. Idan Raichel ist einer der angesagtesten Künstler Israels. Ebenfalls sehr erfolgreich ist die israelische Sängerin Noa, die bei den Kulturtagen am 26. Oktober mit dem Solis String Quartet auftritt.
»Von der Liebe nach dem Tod« berichten am 25. Oktober der Zeitzeuge Arno Lustiger sowie der Sänger und Erzähler Mark Aizikovitch. Die Biographie des Schoa-Überlebenden und Gemeindeältesten Isaak Behar, Versprich mir, daß du am Leben bleibst, wird in einer Lesung mit Schauspieler Otto Sander und einem anschließend von Shelly Kupferberg moderierten Gespräch am 31. Oktober vorgestellt.
»Zores haben wir genug« heißt es beim Chanson- und Kabarettabend am 30. Oktober, bei dem unter anderem Judy Winter und Ilja Richter mitwirken. Den Abschluß des Festivals bildet eine, wie es in der Ankündigung heißt, »energiegeladene Show« der israelischen Hip-Hop- und Funkband »Hadag Nachash« und des Berliner Rappers Mellow Mark am 1. November.
Alle vorgenannten Veranstaltungen finden jeweils um 19.30 Uhr im Festivalzelt an der Oranienburger Straße 28-30 statt.
Das Kino Babylon zeigt am 26. Oktober, 19.30 Uhr, eine vom Jewish Film Festival präsentierte Voraufführung von Nicht alle waren Mörder, der TV-Verfilmung der Erinnerungen von Michael Degen. Und im Rahmen der Kulturtage finden im Berliner Ensemble vier Theatervorstellungen statt, unter anderem Nathan der Weise in einer Inszenierung von Claus Peymann (24. Oktober).
Zurück in die Oranienburger: Dort versprechen die Veranstalter am 28. Oktober ab 19.30 Uhr eine »Lange Nacht in der Neuen Synagoge«. Im Festzelt spielen Klesmerbands, im Centrum Judaicum und den Räumen der ehemaligen Neuen Synagoge gibt es Führungen. Am nächsten Tag, 29. Oktober, steht ab 12 Uhr das »Fest der Gemeinde« auf dem Programm. Verschiedene Künstler der Gemeinden zeigen ihr Können – von der Kindergruppe Bim Bam bis zum Zauberkünstler Igor Jedlin. Dabei will sich auch das Jüdische Krankenhaus anläßlich seines 250jährigen Bestehen vorstellen, mit Aktionen und Informationen rund um das Thema Gesundheit. Im Vordergrund steht an diesem Tag aber die Einweihung des neuen Gemeindezentrums. Der Umzug der Verwaltung ist abgeschlossen, die Gemeinde wieder an den Ort zurückgekehrt, wo sie bis 1953 ihre Zentrale hatte. Gemeindechef Gideon Joffe bezeichnet den Wechsel von Charlottenburg nach Mitte als »ein Bekenntnis zur Geschichte«.
Und so steht dieser Ort auch für die Entwicklung, die das Festival und dessen Veranstalter – die Jüdische Gemeinde – genommen haben. Während der Hauptveranstaltungsort jetzt in der Mitte der Stadt liegt, fanden 1987 die Lesungen und Konzerte noch in der Westberliner Philharmonie und dem Gemeindehaus Fasanenstraße statt. Gideon Joffe: »Die Jüdische Gemeinde ist zu den Orten ihrer Vergangenheit zurückgekehrt.«

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