jüdische Beduinen

Mit Kamel und Container

von Sabine Brandes

Wer zu den Hararys will, muss stabile Stoßdämpfer haben. Oder besser ein Kamel. Der Weg zu ihren vier Wänden ähnelt eher dem Endstück der Rallye Dakar, als einer Hauseinfahrt. Halbwegs festgefahrene Sanddünen, spärlich markiert mit ein paar dicken Steinen, weisen den Weg. Auch das Wort »Haus« beschreibt nicht wirklich, was die Familie ihr Heim nennt: zwei kleine Wohncontainer und zwei Zelte mit bunten Teppichen als Türenersatz. Um sie herum nichts als Sand. Beny und Iris Harary leben mit ihren Kindern Noam und Amit mitten in der Negev-Wüste.
Dabei sind sie eigentlich Städter. Vor zweieinhalb Jahren aber kehrten sie ihrem eingesessenen Leben in Netanja, 25 Kilometer nördlich von Tel Aviv, den Rücken, ließen sich auf diesem Stückchen Sand nieder und leben seitdem wie Beduinen. Jüdisch-israelische Beduinen. Das macht die blau-weiße Flagge gleich klar. Zwar ziehen die Hararys nicht mit Kamelen, Ziegen und Zelten durch die Wüste, sondern verweilen an einem Ort, doch bis auf das Herumwandern ist alles stilecht. Die zwei Wüstenschiffe liegen friedlich Gras kauend vor dem Zelt.
Iris und Beny sind fest integrierte Teile der israelischen Gesellschaft, sie sind es immer gewesen. Keine Freaks in wallenden Gewändern, dem Stereotyp vom meditierenden Aussteiger entsprechen sie wenig. Ihr ganzes Berufsleben haben sie bei der Armee verbracht, er bei der Flugabwehr, sie im Logistikbereich der Luftwaffe. Beny trägt seinen dicken goldenen Davidstern unterm offenen Hemd mit Stolz, auf dem Kopf weht ein weißes Beduinentuch als Sonnenschutz. Vor vier Jahren gingen beide in Rente und haben sich mit der Pension ihren Traum erfüllt. »Wir haben, wie einst Ben Gurion vorschlug, die Wüste wirklich zum Blühen gebracht.«
An der einen Seite der Containerhäuser, die von der Jewish Agency für Wüstenpioniere zur Verfügung gestellt werden, befindet sich die heutige Betätigung des Ehepaares: Anbau von Kräutern und Zwiebeln, darunter Thymian, Oregano, Estragon und Schnittlauch mit Knoblauch-
aroma – alles rein biologisch. Die Samen verkaufen sie an die Firma »Genesis«, die Bioprodukte auch nach Europa exportiert. Auf der anderen Seite wird derzeit experimentiert. Am Ende der Versuchsphase wollen die Hararys Negev-Wein ohne chemische Zusätze produzieren, die Trauben-
stöcke stehen schon. Beny hat noch andere Ideen. »Ich habe ständig neue Einfälle, diese Gegend ist die reinste Inspirationsquelle für mich.« Ein paar Meter weiter suchen seine zehn Ziegen unter einem Blechdach Schatten. Ihr Produkt, die Ziegenmilch, wird als saurer Jogurt in den täglichen Speiseplan der Familie integriert.
Schon während der Armeezeit lebten sie für eine Weile in der Negev, allerdings nicht »im Gelände«, wie Beny es benennt, sondern in Mizpe Ramon, der etwa 6.000 Einwohner zählenden Wüstenstadt oberhalb des riesigen Ramonkraters. Warum also nicht wieder dorthin zurück? »Wegen der Kinder«, erklärt Iris, »die wollten ihren Platz und ihre Freiheit«. Aber wie viel kann man im Sand spielen? Außerdem ist Sohn Amit 17, und auch Noam mit ihren elf Jahren dürfte kaum mehr Burgen bauen wollen. Weit und breit kein Nachbar, kein Baum, kein Strauch. »Es ist wie im Garten Eden für sie«, meint die 50-Jährige. Der westliche Besucher mag sich unter dem Paradies etwas anderes vorstellen und verwundert den Kopf schütteln. Doch die resolute Frau lässt nicht locker: »Schau«, sagt sie und deutet in die Weite der Wüste, »hier überall können sie sich austoben, die Musik so laut drehen, wie sie wollen, und immer das tun, wonach ihnen gerade der Sinn steht«.
Die Kinder haben Pferde, mit denen sie durch den Sand galoppieren, sodass die Staubwolken dahinter sie für einen Moment gänzlich verschwinden lassen. Zugegeben, diese Lawrence-von-Arabien-
Romantik hat ihren Reiz. »Es ist ein Traum«, findet Amit, der im 20 Minuten entfernten Städtchen die Oberschule besucht. Auch Noam drückt noch die Schulbank. Ihr liebstes Hobby ist tanzen. Sie schämt sich ein wenig: »Aber nicht hier im Sand, sondern in einem Studio in Mizpe.«
Zweimal im Jahr muss die Familie dann aber doch – ganz beduinisch – ihre Bündel schnüren und sich auf den Weg machen. Der führt doch nicht an einen anderen Wüstenfleck, sondern ganz modern über die Autobahn nach Netanja. »Im Sommer ist es einfach zu heiß, wir können nicht arbeiten und nicht draußen sein«, erklärt Beny. Und im Januar ist die ganze Gegend überschwemmt, schon oft sind Menschen durch die unerwarteten Sturzfluten ums Leben gekommen.
Die restlichen neun Monate aber sind die Hararys hier und wollen nirgends anders sein. »Einfachheit ist der Schlüssel zum Glück«, meint Iris zu wissen. Auf das Frühstück bezogen stimmt das sicher: Im originalen Beduinenzelt herrscht eine angenehme Kühle, verglichen mit der brütenden Hitze draußen. 41 Grad im Schatten. Auf den Tisch kommen frisches Gemüse, Omelette mit Nana-Minze aus eigenem Anbau, die jemenitische Teigspezialität Jachnun, kühler Ziegenjoghurt und viel selbst gebackenes Pitabrot. Iris lädt zum Verweilen auf den Bodenkissen ein. »Bloß keine Hektik«, sagt sie lachend. »Wir haben unsere Uhren abgeschafft«. Alles sei besser hier. »Anfangs habe ich nicht recht glauben können, dass eine Umgebung einen derart starken Einfluss ausüben kann. Aber es ist so.« Vor allem die Beziehungen untereinander seien viel besser geworden. »Unsere Ehe funktioniert bestens, wir haben eine tolle Zeit mit unseren Kindern, und auch sie verstehen sich prima.«
In der Stadt seien sie den ganzen Tag hin und her gerannt, um Dinge zu erledigen. »Irgendetwas war immer.« Hier sei alles anders, man konzentriere sich auf die wichtigen Dinge des Lebens. »Wir haben viel mehr Zeit füreinander, das ist eine wundervolle Sache.« Iris ist ganz und gar dem beduinischen Lebensstil verfallen: »In Netanja habe ich ständig die Vitrinen geputzt, in der Wüste bin ich frei.«

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