Kulturwochen

Mit der Spätzlemaschine in die Fremde

von Brigitte Jähnigen

Bundespräsident Theodor Heuss war da, die Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett und Manfred Rommel und viele andere Württemberger: In Shavei Zion, einem 1938 im damaligen britischen Mandatsgebiet durch schwäbische Juden gegründeten Dorf am Mittelmeer, begegnen sich bis heute jüdische Auswanderer und christliche Besucher aus Baden‐Württemberg.
Die einzige gelungene Gruppenauswanderung deutscher Landjuden jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal. Und 19 Vitrinenkoffer im Foyer des zweiten Stocks im Stuttgarter Rathaus sind Sinnbild für Auswanderung, Neubeginn und besuchsweiser Rückkehr. Nach Stationen in Rexingen, Jerusalem und Berlin wird die Ausstellung unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Günther H. Oettinger und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg nun im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen Stuttgart‐Württemberg in der Landeshauptstadt präsentiert.
„Shavei Zion – Rückkehr nach Zion“ nannten die 41 Rexinger ihre neue Heimat, die sie am 13. April 1938 gemeinsam mit anderen Deutschen wenige Kilometer nördlich von Akko gründeten. Im Bordgepäck des Auswandererschiffes „Galiläa“ führten die Schwaben Spätzlemaschinen, Grünkernmühlen, Melkeimer, Buttermaschine, Schwanzhalter und Kuhkummet mit. Lange Zeit blieb Schwäbisch die Umgangssprache zwischen den Siedlern.
„Die Wurzeln der jüdischen Gemeinde in Rexingen reichen bis in das Jahr 1616 zurück, sie war eine der bedeutendsten jüdischen Landgemeinden in Württemberg, Juden und Katholiken lebten in guter Nachbarschaft, erst die Nürnberger Gesetze veränderten das Zusammenleben“, erklärt Barbara Staudacher, Mitglied des „Träger‐ und Fördervereins Ehemalige Synagoge Rexingen“ und Mitorganisatorin der Präsentation. Als Beispiel mag ein Zeitdokument – ausgelegt in einer der Vitrinen – aus dem Jahr 1939 dienen: Mit Datum vom 2. Dezember war es Rexinger Lebensmittelhändlern verboten, Schokolade und Schokoladenerzeugnisse an Juden zu verkaufen. Und schon in den Jahren 1935/1936 riefen Journalisten im demStürmer ähnlichen Hetzblatt Flammenzeichen zum Boykott jüdischer Viehhändler auf. Mit Pioniergeist entwickelten die Gründermütter und -väter Shavei Zion zu einem blühenden Ort – für den Ausstellungsbesucher auch per Video in Erzählungen des Auswanderers Jakob Fröhlich nachzuvollziehen.
1969 fand in Stuttgart deutschlandweit die erste Israelwoche statt, eine Delegation aus Shavei Zion reiste an. Und auch zur Eröffnung der aktuellen Ausstellung kamen Gäste aus Israel und den USA zu Besuch. „Ort der Zuflucht und Verheißung – Shavei Zion 1938–2008“ ist noch bis 27. November anzuschauen.
Nicht auszudenken, es hätte für die 41 Rexinger 1938 keine Auswanderungsmöglichkeit nach Palästina gegeben. Sie wären wie die Daheimgeblieben deportiert und ermordet worden. Nur drei kehrten in das Schwarzwalddorf zurück. Sie fanden aber keine Heimat mehr und wanderten aus.
Die Ausstellung ist der Auftakt zu den jüdischen Kulturwochen Stuttgart und Württemberg. In ihrem Mittelpunkt steht die wechselvolle Geschichte des israelitischen Volkes. Unter dem Motto „Zum Überleben verpflichtet. Von der Verfolgung zur Verheißung“ erinnert IRGW zwei Wochen lang an die Reichspogromnacht vor 70 Jahren und die Gründung Israels von 60 Jahren. Geplant sind 44 Kulturveranstaltungen und Ausstellungen aus den Bereichen Literatur, Theater, Tanz und Musik – 33 davon in Stuttgart.
Das Kulturwochen‐Motto soll sich wie ein roter Faden durch die weiteren Veranstaltungen ziehen. Jüdische Chansons erinnern an die Vergangenheit, bei einem Symposium beleuchten Fachleute die Geschichte der jüdischen Gemeinden in Südwestdeutschland und auch in Filmen, Vorträgen und Lesungen wird das Thema reflektiert. Ein Glanzpunkt der Veranstaltungen, zu denen insgesamt rund 3000 Besucher erwartet werden, ist das Stuttgarter Synagogenkonzert am kommenden Samstag mit Kantor Benjamin Miller.
Mit den Jüdischen Kulturwochen möchte die Religionsgemeinschaft unter anderem „den Dialog mit der nichtjüdischen Gemeinschaft fördern und das Verständnis für die jüdische Religion und Kultur vertiefen“.
„Unvorstellbar, dass es Israel für Juden nicht mehr gäbe“, sagte deshalb auch Henryk M. Broder bei der Magbit‐Eröffnung der Vereinigten Israel Aktion, Keren Hayesod in der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg am vergangenen Samstag. „Israel braucht uns, aber Israel garantiert erst die Existenz der Diaspora“, bringt es der Publizist auf den Punkt. Sich mit Israel zu solidarisieren, sei also eine gute Idee. „Israel ist das Salz in der Wunde der Antisemiten“, so der Ludwig‐Börne‐Preisträger. „Das ist ein Staat der Juden, der sich nicht ducken will und dem anderen die Wange hinhält.“ Genau genommen, hätten Juden in den Augen der anderen ohnehin nur zwei Optionen: Es falsch oder verkehrt zu machen. „Früher war an allem der Jude schuld, heute ist es Israel.“
Pointiert gab Henryk M. Broder seine Einschätzungen zur Zwei‐Staaten‐Lösung im Nahen Osten zum Besten. „Früher schenkte der Führer den Juden eine Stadt, Theresienstadt, jetzt schenkt der Bundestag den Juden eine Resolution“, geißelte Broder die aktuelle Debatte. Um sich vor Fehleinschätzungen und Gutmenschen zu schützen gebe es nur eins: „Informieren Sie sich, lesen Sie Zeitung, schreiben Sie Leserbriefe, reißen Sie die Klappe auf, wehren Sie sich und öffnen Sie ihre Taschen weit zu Magbit“, schloß Henryk M. Broder seine flammende Stuttgarter Rede.

Weitere Informationen zu den Jüdischen Kulturwochen: www.irgw.de/veranstaltungen

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