Polizei

Mit Blaulicht und Davidstern

von Hans-Ulrich Dillmann

Ein freundlicher Polizist regelt den Verkehr auf der Uferpromenade von Scarborough. Die Mittagssonne brennt unerträglich in der Hafenstadt von Tobago. Mit verschwitztem Gesicht versucht er stoisch drängelnde Fahrzeuge zu zügeln und den Fußgängern die Überquerung des Zebra-
streifens zu ermöglichen. Der dunkelhäutige Schutzmann lässt sich mit karibischer Freundlichkeit nicht aus der Ruhe bringen. Auf seiner Schirmmütze glänzt ein silberfarbener Davidstern, in der Mitte geschmückt von einem Kolibri. Auch seine Epauletten und die Uniformknöpfe tragen den sechseckigen Stern Davids.
»Warum?« Er schüttelt unwissend den Kopf und verweist an die Polizeileitzentrale, vor der mehrere Streifen- und Mannschaftswagen stehen. An den weißen Seitentüren prangt wieder der Davidstern, in Blau, wie auf der israelischen Staatsflagge. Der dienstälteste Beamte, seit knapp 35 Jahren bei der Polizei, zuckt auch nur mit den Schultern: »Seitdem ich Polizist bin, trage ich dieses Zeichen an der Uniform.«
Die Spurensuche nach dem »Warum?« endet ein paar Tage später zwanzig Flugminuten von Scarborough entfernt auf der Insel Trinidad. Trinidad und Tobago bilden einen Staat. In Port of Spain, der Hauptstadt des Zweiinselstaates, wartet Sergeant Sheila Prince vor dem Eingang des »Museum of the Trinidad & Tobago Police Service«. Seit der Eröffnung im August 2004 leitet sie es. Links befindet sich der Eingang zur Hauptwache, rechts die Räumlichkeiten, wo die Kriminalbeamten des Criminal Investigation Departments ihrer Arbeit unter dem Magen David nachgehen.
»Viele ausländische Besucher wollen wissen, warum wir auf unserer Unifor den Davidstern tragen«, sagt Sergeant Prince verständnisvoll. »Schließ-
lich sind wir das einzige Land auf der Welt, wo die Ordnungshüter den Magen David als Hoheitszeichen tragen.« Schon im Eingangsbereich des Museums sieht der Besucher die Paradeuniform der Polizeimusiker mit ihrem blank geputzten Stern. An den Wänden die Polizeipräsidenten der jeweiligen Regierungsepochen im Porträt. »Wer sich aufmerksam die Bilddokumente anschaut, wird feststellen, dass bis Anfang der 30er-Jahre das britische Hoheitszeichen auf den Uniformen der damaligen Constabler-Einheiten prangte.« Trinidad & Tobago war bis 1962 eine britische Kronkolonie, wurde dann als Teil des Commonwealth in die Unabhängigkeit entlassen.
1931 wurde der Brite Colonel Arthur Stephen Mavrogordato zum Regimentschef der Trinidad Constabulary ernannt. Der damals 44 Jahre alte nichtjüdische Oberst der britischen Armee hatte bis dahin in Palästina seinen Dienst versehen. Nachdem Mavrogordato, seine Vorfahren stammen aus Italien, das Kommando auf Trinidad und Tobago übernommen hatte, sollte ein neues Regimentssymbol geschaffen werden. »Warum und weswegen, darüber habe ich keine Dokumente in den Archiven gefunden«, bedauert Sergeant Prince. Auch Entwürfe davon seien nicht erhalten geblieben. »Wir wissen auch nicht, ob es vielleicht verschiedene Entwürfe oder andere Symbolvorstellungen gegeben hat. Ebenso wissen wir nicht, ob das Hoheitszeichen in London abgesegnet wurde. Wir wissen jedoch definitiv, dass Mavrogordato zum ersten Mal auf seiner Schirmmütze, auf seinen Epauletten und an seinen Uniformknöpfen den Davidstern trägt.« In seiner Mitte ist die Krone des britischen Empires zu sehen, die von einem Löwen gekrönt wird.
Seit dem Amtsantritt des Commanding Officer Mavrogordato trugen sämtliche Polizeibeamten der britischen Kolonialverwaltung und alle Militärangehörigen der Trinidad Constabulary den Stern Davids. Dutzende von Fotos, Uniformteile, Mützen, Hoheitsabzeichen, die die Polizeimuseumsleiterin im Treppenhaus des kleinen Museums – das nur dienstags und samstags geöffnet ist – präsentiert, belegen dies. Auch nach der Entlassung in die Unabhängigkeit veränderte sich an dem Machtinsignien der Polizei nichts. Erst als Trinidad und Tobago sich als unabhängige Republik konstituierten, erfährt der »sechseckige Polizeistern« eine Modifikation. »Die britische Krone verschwand und anstelle dessen wurde unser Nationalvogel, der Copper Rumped Kolibri (Tobago-Amazilie) im Zentrum eingefügt«, sagt Sergeant Prince und zeigt auf eine Zeichnung, neben der Bilder einer Polizeiparade hängen.
7.000 Polizistinnen und Polizisten tragen das jüdische Symbol heute an ihren Uniformen als Hoheitszeichen Trinidad & Tobagos. Und Zivilpolizisten weisen sich mit dem Magen David auf ihren ledernen Klappausweisen aus. Wenn Polizeifahrzeuge aus dem Hinterhof der in der St. Vincent Street im Zentrum von Port of Spain gelegenen Hauptwache mit Blaulicht und Einsatzhorn rasen, prangt auf den Seitentüren der hellblaue Davidstern der Gesetzeshüter. Polizeimotorräder, die sich auf Patrouillenfahrt befinden, sind daran zu erkennen. Und den dreistöckigen Eingangsbereich der Polizeizentralverwaltung an der Ecke Sackville und Edwardstraße ziert der riesige Davidstern mit dem zartgliedrigen Kolibri.
»Überall wo der Davidstern prangt«, sagt Sergeant Sheila Prince, »wissen die Menschen in Trinidad und Tobago, dass sich eine Polizeistation befindet, wo sie Schutz und Hilfe gegen Gesetzesübertretungen erwarten können. Für uns ist es gleichzeitig ein Stern des Schutzes und des Vertrauens.«

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026