Psychothriller

Michael Kohlhaas in Tel Aviv

von Uwe Scheele

»Das System zerfällt, der Polizei sind die Hände gebunden«, erfährt Michael Klienhaus aus dem Mund eines Polizeioffiziers. Aber der arbeitslose Autor will nicht klein beigeben. Er kämpft für sein Recht und wird dabei selbst zum Verbrecher. Der israelische Regisseur Tzahi Grad erzählt die Geschichte dieses modernen Michael Kohlhaas in seinem zweiten Spielfilm Foul Gesture (Tnuah Meguna) als packenden Thriller, der aktuelle gesellschaftliche Probleme in Israel widerspiegelt. Nach seiner Auszeichnung beim Filmfestival Haifa lief der Film kürzlich beim 55. Internationalen Filmfestival im spanischen San Sebastián.
Michael Klienhaus (Gal Zaid) ist ein israelischer Durchschnittsbürger mit Frau und Sohn. Am Morgen des Holocaust-Gedenktags gerät seine kleine, enge Welt aus den Fugen: Wenige Minuten, bevor im ganzen Land die Sirenen heulen und alles Leben für eine Minute stillsteht, gerät er auf der Straße in einen Streit mit dem Unterweltkönig Dreifus (Asher Tsarfati), Nachtclubbesitzer und alter Kriegsheld mit besten Beziehungen. Michaels Frau Tamar (Keren Mor) zeigt Dreifus eine obszöne Geste, worauf dieser Gas gibt, die Tür von Michaels Auto abfährt und Tamar dabei fast tötet. Anschließend fährt er seelenruhig davon. Klienhaus fordert Schadensersatz, doch die Polizei ist machtlos. Daraufhin beginnt der Schriftsteller seinen privaten Rachefeldzug gegen Dreifus. Am Jom Hasikaron, dem Gedenktag für die gefallenen Soldaten, kommt es zum Showdown zwischen den Kontrahenten.
Regisseur Tzahi Grad nennt seinen Film einen psychologischen Thriller, »der die Verwandlung beschreibt, die der Protagonist durchmacht. Sein Recht wird ihm verwehrt, er wird unterdrückt, bis er irgendwann explodiert.« Wie Kleists Kohlhaas will auch Michael Klienhaus sein Recht mit Gewalt durchsetzen. Die dazu nötigen Schusswaffen beschafft er sich in den besetzten Gebieten. Sein Cousin kennt dort einen arabischen Händler, dem er alte israelische Flaggen verkauft, die die Palästinenser bei ihren Demonstrationen verbrennen. »Man kann in Israel nicht nur einfach Waffen kaufen, man kann auch gut mit Flaggen handeln, besonders wenn sie leicht brennen«, erklärt der Regisseur. Der Alltag in Israel sei manchmal derart absurd und surreal, dass man sich einfach alles vorstellen könne. In erster Linie aber wolle er eine gute Story erzählen, sagt Grad, auch wenn ihm die Sozialkritik natürlich auch wichtig sei. Im heutigen Israel gebe es viele Dreifus, Korruption und Mafia-Strukturen seien eine Bedrohung für die Gesellschaft. Aber bei aller Gesellschaftskritik rufe er nicht zum Gesetzesbruch auf, hatte der Regisseur schon bei der Suche nach Investoren versichert. Schließlich wurde der Film mit Unterstützung der israelischen Filmförderung, eines Fernsehsenders und mehrerer Produktionsgesellschaften ermöglicht. Er zählt zu den jährlich etwa 15 israelischen Produktionen, von denen etliche staatlich gefördert werden. »Wir haben viele gute Leute und sind allmählich auch international erfolgreich«, erklärt Tzahi Grad, der in Israel auch als Schauspieler sehr bekannt ist. »Ich hoffe, das ist erst der Anfang.«

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