Gegenaufklärung

Meister aus Deutschland

von Thomas Meyer

Wieder einmal war es die Frankfurter Allgemeine, die den jährlichen Feuilleton-Sommerwettbewerb »Wer ist der Klügste und Lauteste im ganzen Land?« gewann, und das mit einem Doppelschlag: Zunächst Kulturchef Frank Schirrmacher am 3. August im Stammblatt, zwei Tage drauf sein Jünger Volker Weidermann im Sonntagsblatt der Zeitung für Deutschland.
Doch wer wurde dieses Mal aufgeboten, um die bis dahin ruhigen Kulturgewässer zu Wellen von Tsunamistärke aufzuwühlen? Die Gruppe 47 hatte man durch, Martin Mosebach weilte im Urlaub und von Walser gab es auch nichts Neues. So zog man Stefan George (1868-1933) aus dem alten Hut und landete einen Coup.
»Stefan wer?« Man darf Jüngeren die Frage nicht verübeln. Verse des alten Herrn wie dieser zählen nicht zum Repertoire des heutigen Deutschunterrichts:
»Da kamst du spross aus unsrem eignen stamm / Schön wie kein bild und greifbar wie kein traum/ Im nackten glanz des gottes uns entgegen: /Da troff erfüllung aus geweihten händen / Da ward es licht und alles sehnen schwieg.«
Es bedarf keiner großen textanalytischen Fähigkeiten, um zu verstehen, warum Kritiker Georges mystischem Geraune eine gewisse Affinität zur Ideologie des Dritten Reiches attestiert haben – »Edelnazismus« nannte es der Philosoph Karl Löwith. George selbst hatte am Tag der Bücherverbrennung den neuen Machthabern mitteilen lassen: »die ahnherrschaft der neuen nationalen bewegung leugne ich durchaus nicht .... Was ich dafür tun konnte habe ich getan, die jugend, die sich heut um mich schart, ist mir gleicher meinung.« Dass George, als ihm sein Verehrer Joseph Goebbels kurz drauf die Präsidentschaft der Preußischen Akademie für Dichtkunst antrug, dankend ablehnte und ins Schweizer Exil ging, war denn auch kein Akt prinzipiellen Widerstands. Die Nazis waren dem Propheten des »geheimen Deutschlands« und »neuen Reichs« schlicht zu proletenhaft.
Dafür stießen zahlreiche junge Männer aus der »jugend, die sich heut um mich schart« zu den Nazis. Um George hatte sich jahrzehntelang ein völkisch-esoterischer, homoerotisch durchwirkter Kreis gesammelt, dessen heute bekanntestes Mitglied Claus von Stauffenberg war. Der spätere gescheiterte Hitlerattentäter begrüßte, wie viele andere Georgianer, begeistert den Anbruch des Dritten Reichs. Für die jüdischen George-Jünger wie Karl Wolfskehl, Friedrich Gundolf und Kurt Singer freilich war in der neuen Volksgemeinschaft natürlich kein Platz.
Das alles war in den vergangenen Jahrzehnten gelegentlich Thema für germanistische Dissertationen. Ansonsten blieben George und sein Kreis weithin im gnädigen Dunkel des Vergessens. Warum schlägt jetzt plötzlich der Schirrmachersche Seismograf so heftig aus?
Der äußere Anlass ist ein Buch. Nach sieben Jahren intensiver Arbeit hat Thomas Karlauf dieser Tage im Münchner Blessing-Verlag die erste quellengestützte Biografie Stefan Georges vorgelegt. Auf über 800 sehr gut geschriebenen, sachlich argumentierenden Seiten kommt er zu dem Ergebnis, dass George, denkt man den Mythennebel weg, nicht mehr war als ein bedeutender Lyriker mit einer fatalen menschlichen und intellektuellen Botschaft. Das in dem Buch enthaltene Plädoyer für eine radikale Historisierung und damit die Verneinung einer jeden Identifikation in unseren Tagen hätte deutlicher nicht formuliert werden können. Die FAZ aber macht daraus ein Erweckungserlebnis. Man ergötzt sich an Georges Päderastentum, ruft »Skandal«, sieht gleichzeitig etwas wirklich »Deutsches« darin, das noch den Grafen Stauffenberg am 20. Juli 1944 zur Tat trieb. Das Großtönende und Unverhältnismäßige – »Was für ein Leben. Was für ein Buch« –, gemischt mit nationaler Ergriffenheit, entspricht in keiner Weise Karlaufs Buch. Eher versuchen hier deutsche Jungkonservative, aus ihrer Identitätskrise herauszukommen.
Dafür spricht auch, dass zwei Wochen nach Schirrmachers Fanfarenstoß in der FAZ ein zweiter sehr toter und sehr deutscher Denker mit Getöse ausgegraben wurde. Der Dramatiker und Gelegenheitsessayist Botho Strauß ließ Oswald Spengler (1880-1936) wiederauferstehen. Spengler war der Autor der zum Überdruss bekannten zweibändigen kulturzyklischen Betrachtung Der Untergang des Abendlandes (1918/22), ein Buch, dem der Philosoph Benedetto Croce schon 1919 »schwülstige Extravaganzen« attestiert hatte und das im selben Jahr der Romanist Karl Vossler als ideal für »Halbphilosophen« bezeichnete. Auch um Spengler hatten sich die Nazis nach 1933 bemüht, doch ähnlich wie George wollte auch er mit dem ihm geistig eigentlich nahestehenden »Pöbel« nichts zu tun haben. Jetzt preist Botho Strauß, der Troubadour des »Bocksgesangs«, belanglose Aufzeichnungen aus Spenglers Nachlass, die den mit der Literatur Vertrauten längst bekannt waren, als Wegweiser im Dickicht der Postmoderne. Dunkel muss es sein, unklar, irrational, Hauptsache weg von der Aufklärung – so der Tenor des uckermärkischen Altherrendramatikers (»Orgasmus nur bei Ehebruch«).
Stefan George, Oswald Spengler, nicht zu vergessen Hitlers Kronjurist Carl Schmitt, dessen Andenken auf den FAZ-Seiten schon seit Jahren gepflegt wird: Der Blick der »Zeitung für Deutschland« richtet sich zurück. Aus den verborgenen Tiefen des neuen deutschen Bildungsbürgertums steigen alte, übel riechende Sumpfgase wieder hoch.

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