Aufbäum-Aktion

Mein Freund der Baum

von Kerstin Schweighöfer

Alles war vorbereitet bis ins Detail: Am Mittwoch vor einer Woche, um sieben Uhr morgens, sollte die 150 Jahre alte Rosskastanie gefällt werden – »im frühen Morgenrot«, wie einst Alexandra in ihrem Klassiker »Mein Freund der Baum« gesungen hatte. Mit einem Kran sollte der in Stücke zersägte Anne-Frank-Baum dann aus dem Innenhof heraus auf die Straße gehievt werden. Doch so weit kam es nicht – »und vorläufig wird das auch so bleiben«, freut sich Rob Hoogendijk. Der Amsterdamer Architekt kann den 27 Meter hohen Baum von seinem Schreibtisch aus gut sehen. Sein Grundstück an der Keizersgracht grenzt an der Rückseite an die Gärten der Prinsengracht, wo auch das Anne-Frank-Haus liegt mit der Kastanie im Garten nebenan. »Jetzt ist sie natürlich völlig kahl wie alle Laubbäume im November«, sagt Hoogendijk mit einem Blick aus dem Fenster. »Aber im Frühjahr hat sie wunderschön geblüht. Sie ist krank, aber nicht todkrank.«

Unser Kastanienbaum steht in voller Blüte, von oben bis unten. Er ist voller Blätter und viel schöner als im letzten Jahr!
Anne Franks Tagebuch, 13. Mai 1944

Hoogendijk hat sich mit anderen Anwohnern und der niederländischen Baumstiftung zu einem Aktionskomitee zusammengeschlossen und mit einer einstweili- gen Verfügung das Fällen im letzten Moment verhindert. »Jetzt haben wir bis Mitte Januar Zeit für einen alternativen Rettungsplan«, sagt er. 150 Jahre Geschichte holze man doch nicht einfach so ab. »Hier geht es um ein Symbol der Freiheit und des Widerstands gegen die Unterdrückung!«
Von ihrem Versteck im Dachboden aus konnte Anne Frank diesen Baum sehen. Dreimal hat sie ihn in ihrem Tagebuch erwähnt. Während der beiden Jahre, die sie mit ihrer Familie dort ausharren musste, wurde die Kastanie zu einer wichtigen Verbindung mit der Außenwelt.

Wir sahen den blauen Himmel und den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen unzählige kleine Tropfen glänzten. Wir erblickten die Möwen und die anderen Vögel, die silbrig glänzend vorbeiflogen. Das alles rührte uns so sehr, dass wir nicht mehr sprechen konnten.
Tagebuch, 23. Februar 1944

Anwohner von Prinsen- und Keizersgracht konnten sich in den vergangenen Tagen vor Schaulustigen und Journalisten kaum retten. Auch bei Hoogendijk klingelte es unentwegt an der Wohnungstür. »Ein Irrenhaus!«, sagt der Architekt und schüttelt den Kopf. Jungunternehmer Charles Kuipers von nebenan schreckte nicht einmal davor zurück, Früchte des Baumes im Internet bei eBay zu versteigern: »Mehr als 10.000 Euro wurden geboten – für eine einzige Kastanie!«, protzt der 34-Jährige. Auch das Holz würde er gern versilbern. Am liebsten hätte er sich gleich ein paar hundert Kilo gesichert: »Ich kenne genug Leute, die ein Vermögen zahlen würden, um sich daraus einen Anne-Frank-Schrank zimmern zu lassen!«
In Hollands Talkshows, am Stammtisch und in den Meinungsspalten der Zeitungen ist die Kastanie Gesprächsthema Nummer eins. Zwei Fragen stehen dabei im Zentrum und spalten die Nation: Kann ein Baum Kulturdenkmal sein, und sollte man ihn deshalb unter allen Umständen erhalten – auch wenn er abstirbt oder längst tot ist? »Nein!«, sagt Hans Westra, Direktor der Anne-Frank-Stiftung. Auch er ist sich bewusst darüber, dass es um mehr geht als ein Stück Holz: »Aber wichtiger ist uns die Sicherheit der Mitarbeiter und Besucher!«
Vor einem Jahr hatten Baumexperten der Firma Pius Floris festgestellt, dass die Kastanie besser gefällt werden sollte, da ihr Schimmel- und Pilzkrankheiten schwer zu schaffen machen. Davon überzeugten sie auch Henric Pomes, den Eigentümer des Grundstücks, auf dem der Baum steht. Im vergangenen Februar unterzeichnete er die Abholzgenehmigung – »mit Tränen in den Augen«, betont er. Pomes hätte mit der ganzen Sache am liebsten gar nichts zu tun: »Ich bin bloß der Eigentümer, mehr nicht!«, meint er fast entschuldigend. Denn verantwortlich für den Unterhalt des Baumes und damit auch für potenzielle Unfälle ist nach wie vor die zuständige Stadtteilverwaltung. Die zeigte sich zunächst kompromissbereit: Die Anwohner, die sofort gegen das Abholzen protestiert hatten, sollten die Gelegenheit bekommen, innerhalb eines Jahres nach einer Alternative zu suchen. Doch im September stellten die Baumexperten fest, dass sich der Zustand der Kastanie schneller als erwartet verschlechtert habe: »Der Baum kann jeden Moment umfallen«, so Mitarbeiter Henk Werner. »Der Stamm besteht nur noch zu 28 Prozent aus gesundem Holz.« In aller Eile ordnete die Stadt deshalb für den 21. November in einer Notverordnung das Fällen an.
Eine Woge der Entrüstung war die Folge. Der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen erhielt Protestbriefe aus aller Welt – die meisten aus Deutschland. Das Aktionskomitee reagierte sofort und ließ vom renommiertesten Bauminstitut der Welt, der Sachverständigenarbeitsgemeinschaft für Baumstatik in Stuttgart, ein Gegengutachten erstellen. Die Experten bekamen einen Tag vor der einstweiligen Verfügung die Genehmigung, an der Kastanie einen sogenannten Ziehtest vorzunehmen, um ihre Stabilität zu prüfen. Ergebnis: Der Pilzbefall macht ihr zwar schwer zu schaffen, aber sie stehe auf drei stabilen Wurzelansätzen und könne selbst Windstärke 13 standhalten.
Davon ließ sich zwar der Richter überzeugen, die Stadtteilverwaltung aber und die Anne-Frank-Stiftung halten den Baum nach wie vor für ein Sicherheitsrisiko. »Bürgermeister Cohen muss dafür sorgen, dass er gefällt wird«, fordert Direktor Westra.

Der April ist dieses Jahr wirklich prachtvoll, nicht zu warm und nicht zu kalt und ab und zu ein Regenschauer. Unsere Kastanie ist schon ziemlich grün, hier und da sieht man sogar schon kleine Blütenkerzen!
Tagebuch, 18. April 1944

Das Aktionskomitee hat Westra vorgeschlagen, den Baum mit Stahlseilen zu sichern, sodass er nicht umfallen kann. Doch davon will der Direktor nichts wissen: »Eine Leiche in einem Stahlkorsett – wie sieht das denn aus! An unserer Hauswand jedenfalls wird nichts festgemacht!« Westras Motto: »Lieber ein gesunder junger Baum als ein totes Denkmal.« Deshalb plädiert er dafür, als würdigen Nachfolger einen bereits gezüchteten Steckling des alten Baumes zu pflanzen.
»Der will die Kastanie unbedingt weghaben!«, empört sich Helga Fassbinder, ebenfalls Mitglied des Aktionskomitees. Auch ihr Garten grenzt an das Grundstück mit der Kastanie. Neben Scharen von Touristen hat die aus Deutschland stammende Professorin für den Ziehtest die Baumexperten samt Helfern durch ihr Haus laufen lassen. Fassbinder spricht von einem Komplott: »Ich werde den Verdacht nicht los, dass der Baum denen im Weg ist. Wer weiß, vielleicht wollen sie erweitern? Ich habe gehört, dass sie Grundstücke ankaufen wollen.« Ihr Mitstreiter Hoogendijk will auf diese Gerüchte zwar nicht eingehen, aber auch er findet es höchst verwunderlich, dass die Stahlkorsett-Alternative abgelehnt wird: »Wenn der Baum wirklich jeden Augenblick umfallen könnte, wäre das doch mehr als angebracht!« Bis Mitte Januar will das Aktionskomitee diese Idee ausarbeiten, um einen fertigen Plan vorlegen zu können – inklusive Finanzierung: »Wir suchen Sponsoren, um eine Stiftung gründen zu können.«

Wie hätte ich wissen können, wie wichtig der Kastanienbaum für sie war! Zuvor hatte sie sich nie für Natur interessiert. Aber als sie sich wie ein Vogel im Käfig fühlte, sehnte sie sich nach ihr.
Annes Vater Otto Frank,1968

Ob der Plan verwirklicht wird, bleibt abzuwarten. Das entscheidet erneut ein Richter. Bis dahin bleiben sämtliche Internetauktionäre auf ihren Anne-Frank-Kastanien sitzen. In den Medien hingegen geht die Debatte weiter und erhitzt nach wie vor die Gemüter. Nur wenige haben einen kühlen Kopf bewahrt und wundern sich über die grotesken Ausmaße, die die Affäre inzwischen angenommen hat. »Eine unglaubliche Soap!«, schimpft der Historiker David Barnouw vom Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation. Auch Joël Cahen, dem Direktor des Jüdisch-Historischen Museums der Stadt, ist es zuviel geworden: »Ich wollte, wir würden uns für wirklich wichtige Dinge auch so einsetzen – etwa für Darfur!« Ein Fernsehmoderator in Belgien wundert sich über den Aufruhr im nördlichen Nachbarland: »Hätte damals nur Anne Frank mit so viel Verständnis rechnen können wie heute ihr Baum!«

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28 Prozent

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