schweiz

Mehr Leib und Seele

Eine »lustvolle jüdische Buchhandlung« habe er gründen wollen, sagt Chaim Rittri. Dazu gehöre für ihn, den fünffachen Familienvater, eine Kinderspielecke ebenso wie ein Grundangebot an Kuchen, Salaten und Bagels als urjüdischen Leckerbissen. Vor fünf Jahren eröffnete der freundliche Mann mit dem großen schwarzen Hut und dem charakteristischen Vollbart im Zürcher Enge-Quartier »Books & Bagels«, eine jüdische Buchhandlung und ein Café unter einem Dach.

chassidismus »Essen ist für Juden eine sehr wichtige Sache«, sagt Rittri schmunzelnd. Der 52-Jährige fühlt sich schon seit Langem vom Chassidismus angezogen. »Geistiges und Materielles bedingen sich gegenseitig, Materie ist eine Art Vehikel für das Geistige, Spirituelle.« Spiritualismus – ein wichtiges Wort für Chaim Rittri, der Anfang der 80er-Jahre aus dem schwedischen Malmö in die Schweiz, nach Basel, kam, um hier sein Jura-Studium mit Schwerpunkt Völkerrecht fortzusetzen.
Gefunden hat er in der Schweiz vor allem eine direkte Beziehung zur jüdischen Religion, die ihn schon immer interessierte. Und gefunden hat er in der Stadt am Rheinknie auch seine Frau Carole, mit der er bald 25 Jahre verheiratet ist und seit Langem in Zürich lebt. Und mit ihr zusammen hat er auch das Konzept für »Books & Bagels« entwickelt. Es sei eine »Schnittstelle für die eigene Identität und die eigenen Wurzeln«, sagt er. Seit der Kindheit habe er danach gesucht, und diese Suche sei auch heute noch längst nicht abgeschlossen.
»Im Chassidismus, wie ihn beispielsweise die Lubawitscher leben, habe ich ganz fest das Gefühl, irgendwie angekommen zu sein«, sagt Rittri. Der Rest, die Entwicklung des Konzepts von »Books & Bagels«, habe sich wie logisch daraus ergeben.

treffpunkt Eine jüdische Buchhandlung gab es zwar im Quartier schon länger, aber der kleine Laden konnte den Ansprüchen kaum mehr gerecht werden. »Wir fanden, dass so etwas unbedingt weiter existieren muss, als Mosaikstein des jüdischen Zürich sozusagen.« Das nun vergrößerte Angebot scheint gut anzukommen. Es spült eine bunte Mischung von Kundinnen und Kunden in den kleinen Laden im Zürcher Enge-Quartier. Die jüdische Minderheit ist sehr präsent im Viertel, das zeigt sich auch hier im Geschäft: Die gestresste Mutter, die sich bei Kaffee und Kuchen kurz erholen möchte, während ihre Sprösslinge im Laden herumtoben, der religiöse junge Mann mit Zizit über der Kleidung und schwarzer Kippa, der sich schnell die neuesten CDs von Avraham Fried oder den »Chassidischen Chatzairos« anhört. Aber es kommen auch Nichtjuden, wie neulich ein Ehepaar, das zu einer Barmizwa-Feier eingeladen war und bei »Books & Bagels« das passende Geschenk suchte. »Wir sind auch so eine Art Quartier-Treffpunkt«, sagt Rittri. Er schätzt, dass ungefähr 20 Prozent seiner Kundschaft nichtjüdisch ist.

konzept Zum Angebot von »Books & Bagels« gehören auch regelmäßige Vorträge und Kurse über jüdisches Leben und Religion – ein Konzept, das man unterdessen aber eher in Wien als in Zürich weiterverfolgt. Denn dort, mitten im Ersten Bezirk und in unmittelbarer Nähe zum jü-
dischen Gemeindezentrum, gibt es seit Kurzem einen Ableger von »Books & Bagels«. Ebenso in New York, in Manhattan. Dort allerdings funktioniert »Books & Bagels« im sogenannten Franchising-System: Die Betreiber arbeiten auf eigene Rechnung, bezahlen aber für das Know-how (das auch die Rezeptur für den Original-Bagel enthält) und einen einheitlichen Auftritt.

expansion Demnächst möchten Chaim und Carole Rittri mit »Books & Bagels« auch in Deutschland aktiv werden. »Wir denken, dass wir auf dem dortigen Markt mit unserer Idee auf fruchtbaren Boden fallen würden.« Gesucht sind deshalb zurzeit Interessenten, die sich vorstellen könnten, die Kombination von geistigen und leiblichen Genüssen einer interessierten Käuferschaft weiterzuverkaufen. Filialen selbst zu betreiben, dazu hat Rittri inzwischen keine Zeit mehr. Seit einigen Monaten be-
treibt er das koschere Restaurant im Ge-
meindehaus der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Lange war der Be-
trieb geschlossen, Rittri hat das frühere »Schalom« zu neuem Leben erweckt. In-
zwischen hat er sich aus dem Tagesgeschäft herausgenommen und einen Ge-
schäftsführer sowie einen Event-Manager angestellt. »Ich bin dort inzwischen nur noch Gast.« Der Name des neuen Restaurants zeigt, wie stark Rittri inzwischen in der Schweiz integriert ist: »eight25« heißt der Zürcher Gourmet-Tempel mit Anspielung auf den Spitznamen, den sich die zahlreichen jüdischen Reisenden einst selbst gaben. Viele von ihnen trafen sich damals jeweils in einem Eisenbahnzug, der jeden Morgen um 8.25 Uhr abfuhr.

Regierungsbildung

Berliner Linke berät erneut über Vanessa Emde

Kurz vor dem geplanten Beginn von Koalitionsgesprächen mit Grünen und SPD diskutiert die Berliner Linke über Antisemitismus - einmal mehr

 27.10.2026

Berlin

Berliner Linke berät zum wiederholten Mal über umstrittene Abgeordnete

Vanessa Emde steht wegen Äußerungen zu Israel und zum Nahost-Konflikt massiv in der Kritik

 27.10.2026

Weimar

Verein will Gedenken an KZ-Außenlager stärken

Buchenwald war mehr als ein einzelnes NS-Konzentrationslager. Mehr als 100 Außenstandorte gehörten zu diesem Lagerkomplex. Längst nicht an alle wird heute erinnert – ein Verein will das ändern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Kino

Film über einen kreativen Geist

»Biermann« ist ein dokumentarisches Porträt des Liedermachers Wolf Biermann, der auch 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR noch immer künstlerisch aktiv ist. Allerdings hat der Film auch Leerstellen

von Reinhard Kleber  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026

Schwerin

Schwesig wirbt für Bund-Länder-Gruppe zur Prüfung der AfD

Den verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD prüfen? Gut, findet Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin – und spricht sich für den Vorstoß eines CDU-Ministerpräsidenten aus

 22.10.2026

Nahost

Israels Armee erhöht Alarmbereitschaft vor den Wahlen

Vor der Wahl herrscht laut einem TV-Bericht die Sorge vor Anschlagsversuchen, mit denen Einfluss auf die Wahl genommen werden könnte. Der Militärchef ordnet umfassende Sicherheitsmaßnahmen an

 19.10.2026

Berlin

Zwei Parteien in Berlin entscheiden über Koalitionsgespräche

Nach teils zähen Sondierungen entscheiden Grüne und SPD in Berlin über Koalitionsgespräche mit der Linken. Aber aus den Reihen der Sozialdemokraten gibt es Zweifel und Kritik, auch aufgrund der Antisemitismus-Skandale bei der Linkspartei

 19.10.2026