Polen

März der Schande

von Gabriele Lesser

Sein Lebenselixier ist der Freiheitskampf. Als er 1968 gegen die Zensur im kommunistischen Polen protestierte, flog er von der Universität und landete im Gefängnis. Als er 1981 gemeinsam mit dem Arbeiterführer Lech Walesa erneut die Freiheit des Wortes forderte, landete er wieder hinter Gittern. Doch als vor wenigen Tagen Polens demokratisch gewählter Staatspräsident Lech Kaczynski die Studentenführer und Freiheitskämpfer von 1968 mit den höchsten Orden der Republik auszeichnete, lud er ausgerechnet den berühmtesten nicht ein: Adam Michnik.
»Der Präsident fand das offenbar richtig und gerecht«, sagt Michnik, heute Chefredakteur der linksliberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza und einer der bedeutendsten Publizisten Polens. Auch der Verteidi‐ gungsexperte Henryk Szlajfer, der wie Michnik vor 40 Jahren von der Uni flog, weil er mit ausländischen Korrespondenten über die Absetzung eines Theaterstücks (siehe Infokasten) und die verschärfte Zensur im Lande gesprochen hatte, ging bei dem Festakt leer aus. Dabei waren es die Studenten Michnik und Szlajfer, die 1968 als Sündenböcke für die antisemitische Hetzkampagne der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) herhalten mussten.
»Vaterlandsverräter und Zionisten bedrohen unser Land«, trommelte die polnische Presse, als sich am 8. März 1968 Tausende Studenten mit Michnik und Szlajfer solidarisierten und gegen ihren Rauswurf protestierten. Milizionäre knüppelten den Protest brutal nieder. Um den innerparteilichen Machtkampf gegen Par‐ teichef Wladyslaw Gomulka zu kaschieren, setzten Mieczyslaw Moczar und seine national‐kommunis‐tischen Anhänger die größte antijüdische Kampagne seit dem Holocaust in Gang. Sie diffamierten Tausende Intellektuelle als »Zionisten«, warfen sie aus der Partei, kündigten ihnen die Arbeit auf und zwangen sie zur Emigration. Bis zu 20.000 Juden verließen damals das Land. Dieser »März der Schande« gehört bis heute zu den schwärzesten Kapiteln der polnischen Geschichte.
»Mich als Jude aus meinem eigenen Vaterland werfen zu lassen, war für mich absolut unmöglich«, regt sich Michnik noch heute auf. »Seit Hitler meine Eltern und Großeltern, meine ganze Familie als für den Ofen geeignete Juden abqualifizierte, erlaube ich absolut niemandem, mich so zu qualifizieren!« Bei den Verhören im Gefängnis sei ihm immer wieder die Freiheit versprochen worden, wenn er das Land verlasse. »Das war eine Grundsatzentscheidung«, sagt Michnik. »Entweder mein Wertesystem oder ihres.« Der Preis, den der Bürgerrechtler für seine Prinzipientreue bezahlen musste, war hoch: mehrere Jahre Gefängnis und eine zum Teil ruinierte Gesundheit. Bevor er 1975 als Externer an der Adam‐Mickiewicz‐Universität in Posen zu Ende studieren durfte, musste er zwei Jahre als Schweißer in einer Fabrik arbeiten. Danach kam er zunächst als Privatsekretär bei dem Intellektuellen Antoni Slonimski unter. Später publizierte er in Untergrundzeitschriften, hielt Vorträge und Seminare, engagierte sich im »Komitee zur Verteidigung der Arbeiter« (KOR) und in der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. Immer wieder wurde Michnik verhaftet. Doch dann, 1989, saß er auf Seiten der Solidarnosc am Runden Tisch und handelte mit der Vereinigten Arbeiterpartei den Übergang zur Demokratie aus. Als erstes Ostblockland gewann Polen Unabhängigkeit und Freiheit zurück.
Zu den ersten noch halbfreien Wahlen 1989 gründete Adam Michnik die Gazeta Wyborcza, die »Wahlzeitung«. Mit der neuen Freiheit verschwanden aber nicht die alten Parolen. Im Gegenteil. Nur skandieren sie heute nicht mehr Nationalkommunisten, sondern die Hörer von Radio Maryja sowie Wähler von Jaroslaw und Lech Kaczynski. Erst vor wenigen Wochen schallte aus der Jesuitenbasilika in Krakau der antisemitische Ruf: »Die Juden greifen uns an! Wir müssen uns verteidigen.« Weder Kardinal Stanislaw Dziwisz im benachbarten Bischofspalast noch Staatspräsident Lech Kaczynski in Warschau protestierten. Dies taten nur eine Handvoll Intellektuelle und ein paar Zeitungen mit der Gazeta Wyborcza an der Spitze. Zwar versprach der polnische Präsident nun in seiner Gedenkrede zum »März der Schande«, dass die 1968 ausgebürgerten Juden wieder nach Polen kommen könnten und ihren Pass unbürokratisch zurückerhielten. Doch das hatte er vor zwei Jahren an der Klagemauer in Jerusalem schon einmal versprochen. Bis heute aber hat sich für die März‐Emigranten nichts am Spießrutenlaufen durch die polnischen Behörden geändert.
Heute nach dem März 1968 und dessen Folgen befragt, antwortet Michnik: »1968 haben wir noch verloren, aber zweieinhalb Jahre später jagten die Arbeiter Gomulka in die Wüste, sechs Jahre später entstand das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, vier Jahre später die Freiheitsbewegung Solidarnosc. 1989 waren wir endlich frei.« Doch solange ein Pater Rydzyk mit dem Kruzifix in der Hand die Parteiparolen von 1968 wiederholen könne, solange ein polnischer Bildungsminister die Lektüreliste an den Schulen säubern könne, müsse man auf der Hut bleiben.
Ich habe die Emigration nie bereut«, bekennt Aleksander Smolar. »Heute pendle ich zwischen Paris und Warschau, habe hier wie dort eine spannende Arbeit, gute Freunde und sogar Familie.« 1971, als er Polen zusammen mit seiner Frau und seinem Vater Richtung Westen verließ, glaubte er noch, dass er dem Land für immer den Rücken kehren würde. »Niemand konnte ahnen, dass das kommunistische System eines Tages in sich zusammenbrechen würde.« Damals aber, nach den Studentenprotesten im März 1968, brach für die Smolars eine Welt zusammen.
Zunächst wurde Aleksander Smolar, damals 28 Jahre alt und Assistent an der Warschauer Universität, festgenommen und ein Jahr lang in Untersuchungshaft gehalten. Er hatte die Studentenproteste gegen die Zensur offen unterstützt. Auch seine Frau landete hinter Gittern. Später sein jüngerer Bruder Eugeniusz, der Flugblätter gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt‐Staaten in die Tschechoslowakei verteilt hatte. Vater Hersz Smolar, der bereits in der Vorkriegszeit in die Kommunistische Partei eingetreten war, in Minsk das Nazi‐Ghetto überlebt hatte und in den weißrussischen Wäldern jüdische Partisanengruppen leitete, wurde unter einem fadenscheinigen Vorwand aus der KP ausgeschlossen. Dann verlor er seine Stellung als Vorsitzender der »Jüdischen Sozial‐Kulturellen Gesellschaft Polens«.
»Als ich 1969 aus dem Gefängnis kam, gelang es mir weder an die Universität zurückzukehren noch woanders einen zufriedenstellenden Job zu bekommen«, erzählt Aleksander Smolar. »Am Ende war ich überzeugt, dass es in Polen für Juden keine Perspektive mehr gab. Wir packten die Koffer und gingen. So wie knapp 20.000 andere Juden und Intellektuelle auch.« Bruder Eugeniusz emigrierte nach Schweden, Vater Hersz ging nach Israel, Aleksander und seine Frau landeten in Frankreich. Zurück in Warschau blieb die Mutter Walentyna, die Polen nicht verlassen wollte. Die Geschichtsprofessorin, die sich ihr Leben lang mit der Arbeiterbewegung beschäftigt hatte, gab verbittert ihr Parteibuch zurück. Immerhin wurde sie nicht aus der Akademie der Wissenschaften geworfen.
Aleksander und Eugeniusz Smolar hielten auch in der Emigration engen Kontakt zur Opposition in Polen, gaben zunächst in Schweden, schließlich in England die Vierteljahreszeitschrift »Aneks« heraus. »Der Name war Programm. Wir betrachteten die Zeitschrift als Zugabe für den Kampf der Opposition in Polen. Wir druckten wichtige Texte von Intellektuellen im Westen und im Osten.« Es sollte kein Parteiblatt sein, sondern den Oppositionellen und den Studenten in Polen die Chance geben, sich durch das Kennenlernen anderer interessanter Positionen intellektuell weiterzuentwickeln. »Die Zeitschrift wurde regelmäßig nach Polen geschmuggelt und dort konspirativ verbreitet. Ab 1977 druckten Oppositionelle in Polen sie sogar nach. Das war sehr bewegend für uns. Die Nachfrage war enorm.«
Nach einem Jahr an der Johns‐Hopkins‐Universität im italienischen Bologna und einem weiteren an der Londoner Universität findet Smolar beim Philosophen und Soziologen Raymond Aron in Paris eine Anstellung. »Meine ganze wissenschaftliche Karriere war ab 1973 mit dem ‚Centre National de la Recherche Scientifique‘ in Paris verbunden«, sagt der heute 67‐Jährige.
Ab 1977 war es dann möglich, von Polen aus direkt nach Frankreich durchzuwählen. »Ich wurde fast ohnmächtig, als Jacek Kuron zum ersten Mal bei mir anrief und ohne große Einleitung sagte: Notiere! Er gab Informationen von Repressionen durch, die ich sofort an westliche Medien wie Free Europe oder Voice of America weiterleitete.« Kuron, ein Kollege und Freund Smolars aus gemeinsamen Assistententagen an der Warschauer Universität, meldete sich dann fast jeden Tag. »Damit durchbrachen wir die Isolation im Land. Die Sender waren in Polen zu hören, zensurfrei. Selbst im hinterletzten Dorf erfuhren die Menschen, dass es eine Opposition in Polen gab.«
Als 1989 die Kommunistische Partei die Macht abgibt und Tadeusz Mazowiecki zum ersten demokratischen Premier Polens seit 1945 gewählt wird, holt er Aleksander Smolar als seinen Chefberater nach Warschau zurück. »Das war ein unglaubliches Gefühl – der Euphorie und der Angst. Nach 18 Jahren Emigration kam ich nach Polen zurück und landete mitten im Zent‐rum der politischen Entscheidungen.« Wenn Smolar heute davon erzählt, muss er lachen. Später engagierte er sich in der Demokratischen Union, der Partei der früheren Oppositionellen und Dissidenten, und wurde schließlich Chef der Stefan‐Batory‐Stiftung in Warschau. »Mein Bruder und seine Frau sind inzwischen zurückgekommen, meine in Paris geborene Tochter Anna lebt seit Kurzem hier und erntet erste Lorbeeren als junge Theaterregisseurin.« Frau und Sohn aber bleiben in Paris, sie als Wirtschaftsprofessorin, er als Welt‐Reporter der Tageszeitung Le Monde.
Smolar verschränkt die Arme hinter dem Kopf, streckt sich und lacht: »So pendle ich zwischen zwei Welten: Paris und Warschau. Statt zu verlieren, habe ich gewonnen. Das nennt man wohl Glück.«

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