nachruf

Lust auf die Bühne

Es gab eine Zeit, da wussten selbst diejenigen, die nur das dünne Blättchen mit den sehr dicken Lettern lesen, wer Peter Zadek war. »Skandalregisseur« hieß er da, »Menschenschinder«, »Axt im Theaterwald«, »Bürgerschreck« und – natürlich – »Provokateur«. Die Wirkung, die Zadeks Inszenierungen seit seinem deutschen Debüt 1958 aufs westdeutsche Publikum hatten, muss tatsächlich frappierend gewesen sein. Aber das lag weniger an Zadek, als auch an der Kulturszene einer von der eigenen Schuld traumatisierten Nachkriegsgesellschaft, der Kunst vor allem als lauwarme Erbauung genehm war, die Purismus, Klassizismus und Formstrenge einforderte. Peter Zadek, der vergangene Woche mit 83 Jahren in Hamburg gestorben ist, stand tatsächlich für das Gegenteil von alldem. Er war aber auch das Gegenteil seines öffentlichen Bildes.

beobachter In Deutschland stellt man sich einen Regisseur vor allem als einen Menschen vor, der schreit. Ein heiliges Monster, das Autorität durch autoritäres Gebaren herstellt, durch Machtgesten. Macht hat auch Zadek geschätzt und zu gebrauchen gewusst, aber bei der Arbeit war er ganz still. Oft tagelang hörte er den Proben vom Zuschauerraum einfach zu. Die Augen hinter Sonnenbrillengläsern, im Pullover mit verschränkten Armen, gern noch einen Schal um den Hals geworfen – ein Abwartender, ein Beobachter. Wobei ihm gerade dieses Bild manche auch wieder als Arroganz auslegten: Gottvater. Die Schauspieler allerdings schätzten seine Zurückhaltung, die nur von gelegentlichen, ironisch abgefederten Bemerkungen unterbrochen wurde. Das Bild vom Berserker traf auf Zadek nicht zu, auch wenn er über seine frühen Inszenierungen in den Sechzigern in Ulm und Bremen selbst später meinte, da habe es gelegentlich »Tralala« und »Klunker« gegeben, »und was man halt so macht, um Erfolg zu haben«. Im öffentlichen Bild war Zadek auch »der« 68er des deutschen Theaters. Vielleicht trifft das sogar auf seine Weise zu. Aber eben ganz anders als gemeint. Man muss sich vielleicht einfach einmal seinen (auf DVD erhältlichen) Film Ich bin ein Elefant, Madame von 1969 anschauen, um das zu verstehen: Eine surreale Komödie über die Studentenunruhen – Wolfgang Menge schrieb das Drehbuch – untermalt vom Soundtrack von Lou Reed und Velvet Underground: einer der besten Pop‐Movies der deutschen Film‐Geschichte, ein Hauch von Godard im deutschen Kino. Zadek stand für diejenige leisere Hälfte der 68er, die im Aufbruch eine Kulturrevolte sahen, die Entspannungsübung einer verkrampften Gesellschaft. Zadek – »Das Englische an mir ist das Verspielte« – feierte Anarchie und die Lust der Revolte, er ironisierte den Unsinn von Ordnung und Einordnung. Das wurde damals auch von den Linken nicht gern gesehen, machte er sich doch auch über die Studenten lustig und war der Film doch viel zu wenig »auf Linie«. Weil er das auch auf der Bühne nicht war, war Zadek schon damals der Antipode zum »politischen« Theater eines Peter Stein. Der nahm seine Schauspieler nach der Probe schon mal mit zur Politschulung. »Er behauptete immer, Analyse wäre das Wesentliche, und ich behauptete, die Fantasie. Es kann mir die Analyse gestohlen bleiben«, sagte Zadek noch vor zwei Jahren über Stein. Fragen seien wichtiger als Antworten.
Auch auf der Bühne stand Zadek für Direktheit, unmittelbare Wirkung, für Entertainment, zwar möglichst mit tieferer Bedeutung und aus einer linksliberalen, manchmal linken Haltung heraus, aber jedenfalls lustig, und auch mal vulgär, und derb. Hauptsache fetzig, Hauptsache wilde Sause, wie sie das seriöse deutsche Theater nicht kannte. »Die Deutschen«, sagte Zadek irgendwann, »sind das einzige Volk auf Erden, das ein schlechtes Gewissen mehr genießt als eine schöne Frau, und das einzige Volk, das im Theater Langeweile als positives Erlebnis einstuft.«

judentum 1926, am 19. Mai ins glück‐lichste Jahr der Weimarer Republik hineingeboren, waren seine ersten Kindheitserinnerungen noch geprägt vom Berlin der ersten deutschen Demokratie. Die Familie lebte in Wilmersdorf, der Vater war Kaufmann und viel unterwegs, man war bildungsbürgerlich, nicht zu reich, aber wohlhabend genug um kulturelle Interessen zu pflegen, dem Kind Musikunterricht zu geben, und gute Bücher. Zadek war ein spätes Kind, das einzige von Eltern, die jeweils schon zuvor verheiratet waren. Von Vaterseite her hatte er einen viel älteren Bruder in England, und auf den Wunsch der Mutter, er möge ihrer großen Jugendliebe, dem 1919 verstorbenen expressionistischen Dichter Alfred Lemm, gleichen, hat er später mal die bedingungslose Förderung seiner künstlerischen Interessen zurückgeführt. »Wir waren eine ideale jüdische Familie. Es war ein offenes und sehr sehr schönes, ein unheimlich warmes, vielleicht zu warmes Familienleben.« Zu seinen Kindheitserinnerungen gehört auch die an ein attraktives blondes Töchterchen aus adeliger Offiziersfamilie im Haus gegenüber: »Die Beine haben mich sehr interessiert«, behauptet er von seinem sechsjährigen Alter ego. Oder die Erinnerung an einen Schulfreund, »der Nazi war«. Und an den Blick auf die Nazi‐Aufmärsche Anfang 1933. Wenige Monate später emigrierten die Eltern mit dem damals Siebenjährigen nach England. Erst London, wo Zadek die deutschen Bombenangriffe erlebte, dann Oxford, wo er Germanistik und Romanis‐tik studierte – »auch deshalb, weil es das Einfachste war«. An der berühmten Old‐Vic‐School nahm er Regieunterricht, es folgten erste Inszenierungen.

aussenseiter Seinerzeit habe er sich nichts aus seiner jüdischen Herkunft gemacht, hat Zadek später erzählt. Nicht obwohl, sondern weil aus beiden Teilen seiner Familie viele in der deutschen Mordmaschine ermordet worden waren. »Ab einem bestimmten Zeitpunkt hörten wir jeden zweiten Tag nur noch schlechte Nachrichten. Ich habe das verdrängt, ich wollte es nicht wissen.« In der Bundesrepublik, in die er 1958 eher zufällig für ein Gastspiel kam und wo er blieb, wurde ihm sein Judentum wieder vor Augen geführt – spätestens, als er 1961 Shakespeares Kaufmann von Venedig inszenierte. Dass er »als Jude« seinen Shylock als widerlichen Geldverleiher auf die Bühne brachte, das wollte zum Beispiel Hellmuth Karasek nicht verstehen. Den Vorwurf hörte Zadek immer wieder – noch 2001, als er im Wiener Burgtheater Marlowes Juden von Malta auf die Bühne brachte – als blutig‐vulgäres Portrait eines hässlichen Juden. »Ich finde, Sharon ist das Modell für Barabas: der Jude nicht als Opfer, sondern als Täter«, argumentierte er damals. Unverständnis ernete Zadek auch 1984, als er in Hamburg Joshua Sobols Ghetto aufwühlend inszenierte, mit Ulrich Tukur in SS‐Kluft als Star einer wilden Mord‐Revue, in der die Juden im Tangoschritt starben und zu tödlichen Schüssen die Champagnerkorken knallten.
Grundsätzlich, so Zadeks Credo, sei man »als Jude in einer christlichen Gesellschaft immer Außenseiter, genauso umgekehrt. Aber das Maßgebende ist, wie man damit umgeht.« 1985 trat er für die Uraufführung von Fassbinders Die Stadt, der Müll und der Tod in Frankfurt ein. »Natürlich« sei das Stück antisemitisch. Aber man müsse auch jüdische Täter als Täter zeigen dürfen. »Außerdem finde ich den Philosemitismus in Deutschland unerträglich.«

Horror und Schönheit, Ekel und Charme, Grazie und Obszönität, Wildheit und Zartheit – Zadeks Theater war nie lau, war gründlich antibourgeois, zugleich ein Vorstoß ins kollektive Unbewusste der deutschen Gesellschaft. So wurde er wahrgenommen und so wollte dieser optimistische Skeptiker auch wahrgenommen werden: nicht als Jude, sondern als Progressiver, als Linker – und als Außenseiter: »Ich bin ein Streuner, nirgends zu Hause. Je älter ich werde, desto mehr merke ich das. Ich bin eigentlich immer unter Fremden. Ich empfinde mich als zersetzend und zerstörend, kritisch der Welt gegenüber, immer ein bisschen außen. Das hat sicherlich mit meiner Identität als Jude zu tun.«

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