Marcel Reich-Ranicki

Lob eines Kritikers

von André Glasmacher

Möwen kreisen über dem noch menschenleeren August-Bebel-Platz, den Marcel Reich-Ranicki an diesem Freitagmorgen mit ernstem Gesichtausdruck überquert. Eben stand er noch in der Empfangshalle des Hotel de Rome und plauderte bei leiser Swingmusik mit FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher und Christoph Markschies, dem Präsidenten der Humboldt-Universität. Der wird ihm heute einen Ehrendoktor verleihen.
Für den 86-jährigen Literaturkritiker ist es die neunte Ehrung dieser Art. Seinen ersten Ehrendoktor erhielt er 1972, den achten vergangenes Jahr in Tel Aviv. Die Berliner Auszeichnung ist dennoch etwas Besonderes, eine späte Genugtuung. 1938 hatte dieselbe Hochschule, die ihn jetzt ehrt, dem damaligen Berliner Abiturienten die Einschreibung im Fach Germanistik verweigert. Offiziell, weil es keine Studienplätze gab. In Wahrheit, weil er Jude war: »Abgel., 7.4.38. /jüd.« stand auf dem Antrag, der 1999 aus den Archiven der einstigen Friedrich-Wilhelms-Universität auftauchte. Vielleicht überquerte Reich-Ranicki 1938 den Platz in umgekehrter Richtung, kam gerade aus dem Büro des damaligen Rektors, wo man ihm höflich diese Ablehnung mitgeteilt hatte. Und schwor sich, nie wieder einen Fuß in das Gebäude zu setzen.
Auf demselben Platz hatten deutsche Studenten fünf Jahre zuvor rund 20.000 Bücher verbrannt. Alles Autoren, die nicht in das neue, braune Weltbild passten. Marcel Reich-Ranicki geht im offenen schwarzen Lederanorak nah der Stelle vorbei, wo das im Frühjahr 1933 geschah. Was er bei seinem Gang über den Platz empfindet, will er nicht sagen. »Fragen Sie lieber nicht«, sagt er, während ihn Touristen erkennen und aufgeregt mit ihren silbrig glänzenden Digitalkameras fotografieren.
Was er damals empfand, könne er nicht mehr genau konstruieren, hat Reich-Ranicki in einem Interview bekannt. In seiner millionenfach verkauften Autobiografie Mein Leben hat er dennoch versucht, jenen April 1938 zu beschreiben. Eigentlich wollte sich der damals 17-Jährige gar nicht um einen Studienplatz bemühen, doch die Mutter drängte. Eine weltfremde Vorstellung sei das gewesen. Im Herbst desselben Jahres wurde er als polnischer Staatsbürger in seine »Heimat« ausgewiesen.
Reich-Ranicki ist inzwischen an der Humboldt-Universität angekommen. Eilig geht er auf die Eingangstür zu. Als ob er ihn endlich hinter sich bringen möchte, den in den Medien viel beschworen Akt. Aber Frank Schirrmacher will jetzt ein Erinnerungsbild. Dazu hat er extra einen Fotografen mitgebracht. Nur Reich-Rani-cki, Schirrmacher und Markschies sollen auf das Foto. Doch der Ehrengast geht einfach durch die Tür. Das findet Frank Schirrmacher dann trotzdem super. »Das ist ganz wunderbar«, ruft er und wippt aufgeregt auf den Zehenspitzen. Weil es so schön war, scheucht er Reich-Ranicki noch einmal heraus. Ein zweites Foto soll geschossen werden, man weiß ja nie.
In der mit Marmor ausgekleideten weiten Eingangshalle der Universität geht Reich-Ranicki am Arm von Christoph Markschies die breite Treppe empor, vorbei an dem Karl-Marx-Zitat »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.« Sie halten kurz inne. Markschkies sagt, dass das wohl falsch interpretiert worden sei, Reich-Ranicki nickt. Als sie dann in das Amtzimmer des Präsidenten im ersten Stock gehen, will Marschkies wissen, ob es hier gewesen sei, wo er vom damaligen Rektor die Ablehnung erhielt. »Nein, das war unten, auf der rechten Seite«, antwortet Reich-Ranicki.
Im hellbraun getäfelten Amtszimmer des Präsidenten warten Presse und Honoratioren. Alt-Bundespräsident von Weizsäcker begrüßt Reich-Ranicki herzlich, Kulturstaatsminister Neumann lächelt steif, der Germanist Peter Wapnewski, langjähriger Weggefährte Reich-Ranickis und heute sein Laudator, schaut freundschaftlich. Jetzt soll sich Reich-Ranicki in das Goldene Buch der Universität eintragen. Seinen Schriftzug, mit dem eine halbe Seite füllt, führt er energisch aus, ein Fotograf pirscht sich ganz nah heran, kniet sich auf den roten Teppichboden, zeigt die abgelaufenen Schuhabsätze. Dann trägt sich auch Wapnewski ein, der HU-Präsident schlägt vor, in die Aula zu gehen. »Hat die Flair?«, fragt Reich-Ranicki. »Eher nicht«, bedauert Markschies.
Flair hat das Auditorium wirklich nicht. Die Klappsitze sind abgenutzt, auf der Holztäfelung der hohen Halle liegt ein schmieriger Belag, der noch aus DDR-Zeiten zu stammen scheint. Aber als Reich-Ranicki eintritt, interessiert das keinen. Eine Fotografenmeute stürzt auf ihn zu, halb flüchtet er, halb treiben sie ihn vor sich her, in die erste Stuhlreihe. Hier setzt sich Reich-Ranicki, lächelt gequält und erduldet das Blitzlicht wie einen Zahnarztbesuch. Von Weizsäcker sagt zu Neumann, dass der Kritiker den Umgang mit den Medien wohl noch lernen müsse und guckt mitleidig. Aber dann wird es dem Altbundespräsidenten doch zu viel: »Die Fotografen müssen weg!«, ruft er verhalten. Schließlich verscheucht ein Saalordner mit Namensschild am zerknitterten Sakko die Bildberichterstatter. Auf der Bühne spielt ein Musiker-Quartett. Reich-Ranicki hört konzentriert und mit überschlagenen Beinen zu, so wie er auch immer im Literarischen Quartett saß.
Dann folgen die Reden. Mit »unendlicher Wehmut« erinnert HU-Präsident Markschies an das Berlin vor der Nazizeit, an die Stadt der Literatur, der Kultur, des Theaters. Mit »unendlicher Wehmut« spricht er von seiner Universität, die sich der deutschen Diktatur bedenkenlos und umfassend ausgeliefert habe. Dann überreicht er Reich-Ranicki die Ehrenpromotionsurkunde, trägt deren lateinischen Text mit weichem Zungenschlag vor. Danach soll Reich-Ranicki sprechen. Er habe keine Zeit gehabt, eine Rede vorzubereiten, sagt der und improvisiert dann am Tisch sitzend einige temperamentvolle Dankesworte, die der teilweise pathetischen und staatstragenden Veranstaltung das Pathos nehmen. Er lobt die Veranstaltung als »ungewöhnlich«. Nicht, weil er späte Genugtuung erfahren habe, sondern weil sein Laudator Wapnewski alle seine Bücher gelesen hat. Zum Schluss erzählt Reich-Ranicki, wie er nach dem Krieg nach Berlin zurückgekehrt sei und die alte Universität gesehen habe, ohne Groll und Hass zu empfinden. Er habe gedacht: »Wo Millionen gemordet wurden, ist die Nichtzulassung zum Studium beinahe eine Lappalie.«
Dann ist es aus. Stehend applaudieren die Gäste in der Aula. Ein Kamerateam stürzt sich auf Reich-Ranicki, brutal leuchtet ihm das grelle Licht einer Beleuchtungslampe ins Gesicht. »Wie ist das denn, wenn Sie jetzt wieder hier sind, 70 Jahre danach?«, kreischt eine Reporterin. »Bitte lassen Sie mich doch in Ruhe« , antwortet der. »Ich bin so müde.« Neben ihm steht ein Mann mit Rucksack und einem Stapel vergilbter Bücher. In jedes möge der Kritiker bitte seinen Namenzug schreiben. Der sieht jetzt sehr ratlos aus.

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