Lauder

Legoland und Jerusalem

Die Stille wird im Treppenhaus der Lauder-Foundation durch Hallo-Rufe und lautes Getrampel durchbrochen. Kinderstimmen schallen bis in den zweiten Stock, wo Aviva schon auf ihre kleinen Gäste wartet. Die 19-jährige Abiturientin arbeitet neben der Schule als Betreuerin des Lauder-Tagescamps und wird erst einmal von den fast 20 Mädchen und Jungen in Beschlag genommen. Alle wollen gleichzeitig ihre dicken Winterjacken ausziehen und von ihr begrüßt werden. Es ist Freitag, 10 Uhr morgens, mitten in Prenzlauer Berg.
Einige Minute später stapeln sich Anoraks, Mützen und Handschuhe auf einem winzigen Holzstuhl. Die Kinder, die ihre Ferien im Tagescamp in der Rykestraße verbringen, sehen teilweise noch etwas verschlafen aus, einige stehen verträumt herum, andere haben sich in Grüppchen an den Tisch in der Mitte des Raumes gesetzt. Plötzlich jedoch weicht die Müdigkeit aus ihren Gesichtern. Aviva und ihre Kolleginnen Mascha und Malkai kommen mit bunten Stickern in den Raum. »Wer sich gestern gut verhalten hat, bekommt einen Betragungspunkt angeklebt«, ruft Aviva in den Raum. Gestern, das war ein aufregender Tag für die Vier- bis Neunjährigen, denn am Nachmittag waren sie alle zusammen im Legoland Discovery Centre Berlin. »Es war ganz toll«, sagt der achtjährige Rischonell mit leuchtenden Augen, »besonders die Drachenburg«.
Chiara ist sechs und ganz stolz, denn sie hat schon drei Punkte sammeln können. Ihr Freund Skyler möchte wohl viel lieber schnell zum Morgengebet übergehen, denn er darf sich für den gestrigen Tag leider keinen Punkt abholen. Mit diesem möchten die Erzieherinnen den Kindern vermitteln, dass es wichtig ist, sich vorbildlich zu verhalten, gerade auch, wenn sie in einer Gruppe unterwegs sind. »Zur Belohnung«, sagt Aviva, »bekommen sie am Ende des Camps eine kleine Überraschung.« Beim Morgengebet zeigen 20 Kinderstimmen, was in ihnen steckt und singen lauthals den Text mit, den die drei Betreuerinnen in Lautschrift an die Korkwand gepinnt haben. Mosche singt mit am lautesten.
Das Lauder-Tagescamp legt Wert auf eine religiöse Erziehung. Jeder Tag beginnt daher mit dem Morgengebet, vor jeder Mahlzeit wird zusammen eine Bracha gesagt. Und weil sich die Kinder auch kreativ mit der Religion auseinandersetzen sollen, steht das Camp, das mittlerweile zum zweiten Mal stattfindet, unter einem besonderen Thema. Dieses Jahr ist es Jerusalem. »Wenn wir vormittags etwas über den Tempel lernen«, erzählt Aviva, »basteln wir am Nachmittag zum Beispiel die Tempelmauer.« Weil es aber Freitag ist, und die Eltern zum Schabbat mit einer süßen Kleinigkeit überrascht werden sollen, backen die Kinder. Dafür ist Olga Orlowski, Mitarbeiterin der Lauder Foundation, noch vor dem Morgengebet in die Küche geeilt, um den Teig vorzubereiten und um nach den Eiern zu sehen, die es zum Frühstück gibt. Und die sie sich später alle am Tisch schmecken lassen, während Mascha den Kindern etwas zu trinken gibt. Für die 21-jährige Bochumer Sozialpädagogikstudentin ist es zwar der erste Tag im Lauder-Camp, aber nicht die erste Erfahrung als Betreuerin. Denn sie hat auch schon in der jüdischen Sonntagsschule in Bochum gearbeitet und war bei Midrachim-Workshops.
Mascha kann viele der Theorien, die sie in ihrem Studium lernt, hier direkt anwenden. Das sei für sie nicht nur ein glücklicher Zufall, sondern vor allem ein großer Vorteil gegenüber Kommilitonen, die ihr Wissen nicht praktisch anwenden können, sagt sie. »Es ist wichtig, dass Kinder, auch wenn sie aus religiösen Familien kommen, Religion begreifen und kennenlernen. Wenn dann ein Kind lächelt, ist das der größte Dank.« Denn dann sind auch alle Anstrengungen, die der Beruf manchmal mit sich bringt, schnell vergessen. Aus dem zweiten Stock bis unters Dach Treppen zu steigen erfordert viel Aufmerksamkeit von den Erzieherinnen, doch Aviva weiß, wie sie die Kleinen, die links, rechts und vor ihr umherzappeln, unter Kontrolle bringt: »Sticker«, ruft sie und schon hören ihr alle mit gespitzten Ohren zu. »Wir spielen jetzt ‚Mein rechter Platz ist leer‘.« So wünscht sich David etwas schüchtern, dass Jürgen und Ariel, ganz selbstbewusst, dass Skyler zu ihm kommt. Inzwischen hat auch Olga Orlowski den Teig fertig, der schokoladig-duftend zu kleinen Kugeln geformt wird.
Bis um eins müssen die Küchlein fertig sein, denn dann, wenn sich alle voneinander verabschieden, wird es wieder laut im Treppenhaus.

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