New Orleans

Leben nach dem Sturm

von Gail Naron Chalew

Ein Jahr nach dem Sturm, wie die Einwohner von New Orleans den Hurrikan »Katrina« nennen, beschreiben jüdische Gemeindeführer den mentalen Zustand ihrer Ge- meinde mit einer Reihe von vorhersehbaren Begriffen – Verlust, Trauma, Verheerung, Herausforderung. Weniger vorhersehbar ist das Wort »Segen«, mit dem wie- derholt auf die großzügige finanzielle Unterstützung, die Freiwilligenarbeit und die zahlreichen Sachspenden von der jüdischen Gemeinschaft Amerikas verwiesen wird. Die Finanzhilfen der verschiedenen nationalen religiösen Bewegungen haben die Synagogen und jüdischen Einrichtungen New Orleans in diesem vergangenen Jahr am Leben erhalten, und voraussichtlich werden sie dies auch für das Jahr 2007 wieder tun.
Die große Sorge ist, was im Jahr 2008 und darüber hinaus sein wird, die viele Sitzungen von Planungskommitees am Tage beherrscht und Gemeindeverantwortliche nachts nicht schlafen läßt. »Gott sei Dank ist die jüdische Gemeinde nicht auf die Hilfe der Regierung angewiesen, wenn man deren Versagen auf allen Ebenen bedenkt«, sagt Allan Bissinger, Präsident der jüdischen Gemeinde von New Orleans. »Die United Jewish Communities (UJC) sind bei allem, was normalerweise die Regierung hätte tun müssen, an deren Stelle getreten.«
Eine der positiven Nebenerscheinungen des Sturms ist die reibungslose Zusammenarbeit aller jüdischen Institutionen in der Stadt. Die orthodoxe Gemeinde Bet Israel, deren Synagoge drei Meter unter Wasser stand, hält jetzt ihren Schabbatminjan bei der Reformgemeinde »Gates of Prayer« ab. Die Anti-Defamation League teilt sich Büroräume mit der Gemeinde. Das JCC (Jewish Community Center) vermietet seine Räume an diverse jüdische Nutzer, um an zusätzliches Einkommen zu erziehen.
Vor dem Hurrikan zählte die Gemeinde in New Orleans rund 10.000 Mitglieder, schätzungsweise sind nach dem Sturm nur 65 Prozent geblieben. Obwohl es keine konkreten Daten zum Exodus der Bevölkerung gibt, zeugt die steigende Anzahl der »Zum Verkauf«-Schilder von der Unzufriedenheit der Einwohner mit dem schleppenden Wiederaufbau – und von ihrer Frustration durch die Regierung und der Sorge um den Anstieg der Kriminalität. Es ist schwierig einzuschätzen, welche Wirkung ein weiterer Hurrikan auf die Entscheidung von Menschen, fortzugehen, haben würde. Vor allem Menschen in den Sechzigern und Siebzigern mit erwachsenen Kinder in anderen Gemeinden haben die Stadt in großer Zahl verlassen.
Der Verlust so vieler Mitglieder aus dieser Altersgruppe ist für Gemeindevertreter besonders schwer zu verdauen. Es handelt sich eben um die »Macher« – Menschen, die das Geld und die Zeit haben, einen merkbaren Beitrag zum Gemeindeleben zu leisten. Es sieht so aus, daß jüdische Institutionen ihre wichtigsten Geldgeber und Funktionäre verloren haben.
Gleichzeitig berichten alle fünf befragten Synagogen von neuen Mitgliedern, meistens jungen Menschen, die sich für den Pioniergeist des Aufbaus und die Möglichkeit, sich einzubringen, begeistern. Tatsächlich scheinen die Besucherzahlen der Synagogen trotz des Mitgliederschwunds stabil geblieben zu sein. Rabbiner Andrew Busch von der Reformgemeinde Touro Synagoue sagt: »In ihrem neuen Leben nach dem Sturm, verspüren die Menschen ein größeres Bedürfnis in der Synagoge zusammenzukommen.« Auch Rabbiner Ted Lichtenfeld von der Shir Chadash Conservative Congregation pflichtet dem bei. »Die Leute rennen mir zwar nicht die Tür ein mit dem Wunsch nach seelsorgerischer Betreuung, aber irgendwie ist der Sturm allgegenwärtig. Die meisten müssen ihre Häuser neu bauen. Das fordert einen Großteil ihrer Energie. Sie kommen in die Synagoge, um in der Gemeinschaft zu sein.«
Unbeeindruckt vom Sturm hat sich Louisianas Chabad-Lubawitsch-Niederlassung verpflichtet, ein neues Studentenheim an der Universität von Tulane zu errichten. Die New Orleans Jewish Day School, eine Gemeindeschule, hat der Bevölkerungsrück- gang schwer getroffen. Vor dem Sturm waren rund 90 Kinder an der Schule eingeschrieben – vom Kindergarten bis zur achten Klasse. Im kommenden Schuljahr wird es nur zwei Klassen mit 23 Kindern geben – der Kindergarten wird mit der ersten Klasse zusammengelegt, die zweite und dritte Klasse kommen auch zusammen.
Das Leben geht weiter. Mitte August versammelten sich Gemeindemitglieder am Nachmittag zu einer Chanukkat HaBait – die Einweihung eines Hauses – für Georgette Somjen, die vor kurzem in die Stadt gekommene Ärztin. Bei der Zeremonie wurde eine Mesusa an ihrer Tür angebracht. Dann wurde eine Brit Mila, die Beschneidung des Sohnes von Gary und Susan Lazarus gefeiert, die entschlossen sind, in New Orleans zu bleiben. Es sieht so aus, daß die Gemeinde die Zerstörung überlebt hat. Jetzt baut sie ihre neue Zukunft.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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