Gusch Katif

Leben im Wartesaal

von Wladimir Struminski

Dreihundert Meter sind es noch bis zur Eschkolot-Kreuzung, zwischen Aschdod und Aschkelon. Von der Schnellstraße Nr. 4 zweigt ein kleiner Asphaltpfad nach rechts in eine öde Landschaft ab. Hinter einer Linkskurve erwartet den Besucher ein Verkehrsschild mit dem trotzigen Gruß: »Willkommen in Newe Dkalim.« So hieß die »Hauptstadt« von Gusch Katif, dem israelischen Siedlungsblock in Gasa, der vor zwei Jahren geräumt wurde. Die neue Heimat der ehemaligen Gasa-Siedler heißt Nitzan und ist das größte Durchgangslager für die Zwangsumgesiedelten. Der Gegend hängt die Aura eines Provisoriums an, das sich zu verewigen beginnt. Kleine, dunkelbeige gestrichene Fertighäuschen, die aneinanderzukleben scheinen. Winzige Grasflächen und vor einigen Häusern die im Wind flatternde Wäsche auf der Leine bilden farbige Tupfer in dieser Wohntristesse. Selbst die Synagoge sieht aus wie eine bessere Karavilla. Diesen Begriff haben die Behördenmitarbeiter aus den Worten Karavan (Wohnwagen) und Villa kreiert.
In der Nachal-Amud-Straße Nr. 1 wohnt die Familie Berger. Orit und Eres leben hier zusammen mit ihren Kindern Omer, Ofir und Shoham – acht, sechs und vier Jahre alt – auf 90 Quadratmetern Wohnfläche. Eine Übergangslösung für zwei Jahre sollte es sein, versprachen die Verantwortlichen vom Wohlfahrtsamt dem Ehepaar Berger, danach werde das Durchgangslager Nitzan geschlossen und die Bewohner könnten in eine nur für sie neu aufgebaute Siedlung umziehen. »Wie du siehst«, zuckt Eres resignierend mit den Schultern, »sind wir noch hier«. Zwar schwärmt Wohlfahrtsminister Jizchak Herzog, der am gleichen Tag das benachbarte Auffanglager Ein-Tzurim besucht, Nitzan – gemeint ist die geplante Neusiedlung – werde eine der schönsten Wohngegenden des Landes. Nur: Die Planung hängt der Realität um Jahre hinterher. Bis es soweit ist, schätzen Orit und Eres, werden noch »weitere drei bis vier Jahre vergehen«.
Vor zwei Jahren lebte die fünfköpfige Familie noch wesentlich komfortabler in einem geräumigem Eigentumshaus in Gadid, einem kleinen Ort im israelischen Siedlungsgebiet Gush Katif. Eres und sein Vater betrieben einen gutgehenden Landwirtschaftsbetrieb, Orit war Lehrerin. Dann kam der Räumungsbefehl. Und wie die Mehrheit der anderen Siedlungsbewohner fügten sich Orit und Eres Berger der Anordnung aus Jerusalem – verbittert zwar, doch ohne Widerstand packten sie die Koffer. Erit kann sich sogar noch an die Uhrzeit erinnern, als sie am 16. August 2005 über die Übergangsstelle Kissufim ins israelische Kernland einreisten: 16.50 Uhr steht auf der Bescheinigung der israelischen Militörbehörden, die er aus einer Schreibtischschublade zieht.
Jammern liege ihnen fern, versichern die beiden 33-Jährigen, aber der Verlust des alten Zuhauses schmerze noch immer »Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht an Gusch Katif denken«, sagt Orit. »Dabei geht es uns ja noch einigermaßen gut«, betont sie. Schließlich habe Eres Arbeit als Angestellter in einem Agrarunternehmen gefunden, das vor der Räumung Gasa-Siedlern gehört hatte. Trotzdem empören sich die Bergers über die Regierung und die israelische Gesellschaft. »Die Vertreibung« – von Aus- oder Umsiedlung spricht in Nitzan niemand – »hat der Staat bestens organisiert. Seit der Minute aber, in der wir hier ankamen, wurden wird beiseite geschoben«, zürnt Eres. Bitter beklagen sie sich über die geringe Entschädigung, die ihnen die Regierung für Haus und Hof zugestanden hat. »Damit können wir unsere alte Existenz nicht wieder aufbauen. Der Staat hätte uns doch zumindest zurückgeben sollen, was er uns genommen hat«, sagt Eres. Und auch von ihren Mitbürgern fühlen sich die Eheleute im Stich gelassen. »Unser Schicksal interessiert niemanden. Wir fühlen uns wie im Exil.«
Im Stich gelassen fühlen sich auch die meisten anderen ehemaligen Bewohner von Gusch Katif. Beim Treffen mit Wohlfahrtsminister Jizchak Herzog nimmt Joni Zanani kein Blatt vor den Mund. Im kleinen Gemeindezentrum des Auffanglagers Ein-Tzurim, in dem die Begegnung mit dem prominenten Besucher aus Jerusalem stattfindet, erhebt sich der arbeitslose Ex-Landwirt von seinem Stuhl. »Schau dir diesen Bauch an«, sagt er dem Minister und schlägt sich wütend auf die kugelrunde Wölbung unter seinem Hemd. In Gusch Katif, beteuert er unter bestätigendem Murmeln der anwesenden Schicksalsgenossen, sei er »schlank und rank« gewesen. Jetzt aber sitze er die meiste Zeit vor dem Fernseher, weil es nichts für ihn zu tun gebe.
Die Klagen der Siedler sind mehr als nur subjektive Empfindlichkeiten. Von den 23 festen Siedlungen, die für die Ausgesiedelten gebaut werden sollten, ist bisher nur eine fertig. Für die Mehrzahl der anderen Standorte sind nicht einmal die Bauverträge unterzeichnet worden. Von den knapp 1.700 Familien aus Gusch Katif leben 1.400 nach wie vor in Auffanglagern. Nitzan ist mit 500 Haushalten das größte. Nach Untersuchungen der Selbsthilfeorganisation Taasukatif (sinngemäß: Katifarbeit) liegt die Arbeitslosenrate zwei Jahre nach dem Rückzug aus dem Gasa-Streifen noch immer bei 37 Prozent, Landesweitbeträgt er 7,4 Prozent. Nicht mitgerechnet sind die 400 Personen, die die Jobsuche bereits aufgegeben haben. Von den 180 nichtagrarischen Unternehmen aus Gusch Katif haben sich nur 80 im Kernland wieder etabliert. Lediglich jeder achte Landwirt hat bisher neue Anbauflächen bekommen – in den meisten Fällen jedoch ist der bebaute Acker jedoch weitaus kleiner als vor der Aussiedlung. Viele der zur Verfügung gestellten Böden eignen sich nicht für die Agrarprodukte, auf die sich die Bauern einst im Gasa-Streifen spezialisiert hatten.
Zwar gebe der Glaube den meisten modern-orthodoxen Siedlern Kraft, dennoch häuften sich psychische Probleme, sagt Chagit Jaron. »Es fehlt an Sozialarbeitern. Und die, die man uns geschickt hat, sind ungenügend qualifiziert«, klagt die Koordinatorin der Gemeindearbeit beim Rat der Bewohner von Gusch Katif. Dabei hätten gerade jetzt viele Betreuung nötig. In vielen Familien gehören Spannungen zum Alltag, manche Ehen seien gefährdet und die elterliche Autorität schwinde, weil das Familienoberhaupt oft ohne Broterwerb sei. »Krisensymptome, wie man sie sonst bei Neueinwanderern findet.«
Vor dem Gemeindezentrum in Ein-Tzurim sitzt gelangweilt eine Gruppe von Jugendlichen. »Was sollen wir sonst machen«, sagt ein etwa zwölfjähriger Junge. Die anderen nicken zustimmend. »Seit der Vertreibung weiß ich nichts mehr mit mir anzufangen.« In der Einöde von Nitzan gebe es keine Zukunft und Gusch Katif lasse sich durch nichts ersetzen. Das Gespräch wird abrupt unterbrochen, der Vater des Jungen taucht auf. Er möchte nicht, dass sein Sohn mit Journalisten spricht.
Die Siedler sind mißtrauisch und das Vertrauen in den Staat, der mit der Räumung von Gush Katif vom Pfad der Moral und der Vernunft abgekommen sei, ist längst dahin, glaubt Chait Jaron. Allerdings habe die Staatsverdrossenheit nicht zur einer massenhaften Verweigerung des Armeedienstes geführt, wie einige befürchtet und andere sogar gehofft haben. Jarons Sohn hat gerade einen Offizierslehrgang absolviert. »Es ist eine Frage der Erziehung«, sagt die Ex-Gasa-Siedlerin. »Unsere Söhne können gar nicht anders. Wir haben ihnen immer vermittelt, wie wichtig die Landesverteidigung ist. Dieser Geist ist stärker als der Zorn.«
Auch Orit und Eres Berger geben sich optimistisch und schmieden Pläne für die Zukunft. Die beiden wollen sich selbstständig machen und ein Geschäft eröffnen. »Und wenn wir uns wieder sehen«, sagt Orit Berger zum Abschied »wird es hoffentlich im neuen Haus sein.«

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