Mexiko

La Candidata

Gilt als linke Pragmatikerin: Claudia Sheinbaum (61) kürzlich bei einem Wahlkampfauftritt in Mexiko-Stadt Foto: Reuters / Raquel Cunha

Weinrot und Weiß – auf dem weiträumigen Platz vor dem wuchtigen Rathaus des Stadtbezirks Cuauthémoc im Herzen von Mexiko-Stadt dominieren die Farben von Mexikos Regierungspartei Morena. Der Name steht für Movimiento de Regeneración Nacional – Bewegung Nationaler Erneuerung.

Basecaps mit Parteilogos werden verteilt, Fahnen in den Parteifarben geschwenkt. Aus überdimensionalen Boxen scheppert Musik in ohrenbetäubender Lautstärke. Vor einer breiten Bühne haben sich mehrere Tausend Menschen versammelt, fliegende Händler bieten Morena-Devotionalien feil, mobile Taco-Stände sorgen für das leibliche Wohl, Wasserflaschen werden verteilt. Mexikos Hauptstadt ächzt seit Tagen unter einer Hitzewelle.

Ein Cumbia-Orchester animiert die Menge, unterstützt von zwei Moderatoren, einer davon im Elvis-Look. Eingerahmt wird die Bühne von zwei überdimensionalen Aufstellern. »Claudia Sheinbaum Presidenta – Claudia Sheinbaum Präsidentin« steht darauf. Als die Kandidatin sich wenig später den Weg durch die Menge Richtung Bühne bahnt, beinahe zierlich wirkend, in einem schlichten weinroten Kleid, werden Plakate und Banner in die Höhe gereckt. Immer wieder ertönen »Presidenta, Presidenta«-Rufe. Wahlkampf in Mexiko.

Die Präsidentschaftswahl am 2. Juni wird der größte Urnengang in der Geschichte des Landes. Fast 99 Millionen Mexikanerinnen und Mexikaner sind aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Claudia Sheinbaum Pardo könnte dann als erste Frau und erste Jüdin in Mexikos höchstes Staatsamt gewählt werden – in einem vom Machismo durchdrungenen, überwiegend katholischen Land.

Sheinbaums Großeltern kamen aus Litauen und Bulgarien nach Mexiko.

Sheinbaum ist jüdisch, aber nicht religiös. Ihre Großeltern väterlicherseits kamen Anfang des 20. Jahrhunderts aus wirtschaftlichen, aber auch politischen Gründen aus Litauen nach Mexiko. Ihr Großvater war Jude und Kommunist. Die Familie mütterlicherseits waren sefardische Juden aus Bulgarien; sie flohen vor der Verfolgung durch die Nazis nach Mexiko.

Claudia Sheinbaum selbst ist in Mexiko-Stadt geboren. Auch wenn ihre Eltern sie nicht religiös erzogen haben, war die Kultur, die sie umgab, immer jüdisch. »Ich stehe der jüdischen Gemeinschaft nahe, weil wir im Haus meiner Großeltern alle jüdischen Feiertage gefeiert haben«, sagte sie einmal. Als Teil der jüdischen Gemeinde versteht sie sich aber nicht. Die ist mit geschätzt 50.000 Mitgliedern vergleichsweise klein für ein Land mit gut 130 Millionen Einwohnern. Jüdisches Leben konzentriert sich heute vorwiegend auf den Westen von Mexiko-Stadt. Kleine Gemeinden finden sich auch in den Städten Monterrey, Guadalajara, Tijuana, Cancún, San Miguel de Allende und Los Cabos.

2023 schrieb der ehemalige Präsident Vicente Fox, Sheinbaum sei »jüdisch und Ausländerin zugleich«. Später entschuldigte er sich

Obwohl Sheinbaums jüdische Herkunft im Wahlkampf kaum eine Rolle spielt, glaubt ein kleiner Teil der Opposition, mit antisemitischen und fremdenfeindlichen Angriffen punkten zu können. Mitte 2023 schrieb der ehemalige mexikanische Präsident Vicente Fox auf X, Sheinbaum sei »jüdisch und Ausländerin zugleich«. Später entschuldigte er sich. Andere warfen Sheinbaum vor, sich katholischen Wählerinnen und Wählern anzubiedern, weil sie mit einem Rosenkranz oder in einem Rock mit dem Bild der Madonna von Guadalupe auftrat.

»Ich stamme aus einer jüdischen Familie und bin stolz auf meine Großeltern und meine Eltern«, schrieb Sheinbaum vor Jahren. »Viele meiner Verwandten aus dieser Generation wurden in Konzentrationslagern ermordet. Beide Familien beschlossen, Mexiko zu ihrer Heimat zu machen. Ich wurde als Mexikanerin erzogen. Ich liebe seine Geschichte und seine Menschen. Ich bin Mexikanerin, und deshalb kämpfe ich für mein Heimatland.«

Dem Durchschnittsmexikaner dürfte ihre Herkunft egal sein, aber auch der durchschnittliche mexikanische Jude dürfte seine Wahlentscheidung nicht daran festmachen. Sheinbaums Programm ist keineswegs radikal links, aber die Oppositionskandidatin Xóchitl Gálvez, eine Geschäftsfrau und Politikerin indigener Herkunft, könnte für die mehrheitlich konservativ eingestellten Juden Mexikos attraktiver sein.

Häufiger als mit Attacken wegen ihrer jüdischen Wurzeln wird Sheinbaum mit sexistischen Vorurteilen konfrontiert

Häufiger als mit Attacken wegen ihrer jüdischen Wurzeln wird Sheinbaum – aber auch ihre Kontrahentin Gálvez, vor der sie in allen Umfragen mit 20 bis 30 Prozentpunkten führt – mit sexistischen Vorurteilen konfrontiert. So wird in verschiedenen Medien immer wieder die Frage aufgeworfen, ob eine Frau in der Lage ist, die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas zu regieren.

Ernsthafte politische Beobachter haben daran keine Zweifel. Die heute 61-jährige Sheinbaum ist studierte Physikerin und hat einen Doktor in Ingenieurswesen. Vor ihrer Karriere als Politikerin war sie eine anerkannte Wissenschaftlerin.

Die politische Prägung wurde ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt. Sheinbaums Eltern gehörten der 68er-Bewegung an. Zu Hause wurde beim Frühstück, beim Mittag- und beim Abendessen über Politik geredet, hat Claudia Sheinbaum einmal gesagt.

Ihre Mutter, Annie Pardo Cemo, war Biologin; der Vater, Carlos Sheinbaum Yoselevitz, Chemiker. Von ihm habe sie die Leidenschaft für die Politik geerbt, für Sonntage im Bosque de Chapultepec, dem Central Park von Mexiko-Stadt, und für die Musik von Mexikos Schlagerstar Juan Gabriel, schreibt Arturo Cano in seinem Buch Claudia Sheinbaum: Presidenta.

Von der Mutter bekam sie ihren Sinn für Disziplin mit: »Sie hat immer zu uns gesagt: ›Klar, ihr macht auch noch andere Sachen, aber Schule ist Schule.‹« Sheinbaum war eine gute Schülerin. Vormittags besuchte sie die Schule, nachmittags lernte sie Französisch und klassisches Ballett. Sie verpasste nie eine Stunde – bis zum ersten Studienjahr. Dann nahmen die politischen Aktivitäten einen immer größeren Raum ein. Mitte der 80er war Sheinbaum Mitbegründerin des Universitären Studierendenrates (CEU) der UNAM und kämpfte für kostenlose öffentliche Bildung. Mitstreiter von damals erinnern sich an eine engagierte Studentin und gute Rednerin mit viel Überzeugungskraft.

Sheinbaums Politikkarriere ist ohne Mexikos derzeitigen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador nicht zu verstehen

Sheinbaums Politikkarriere ist ohne Mexikos derzeitigen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, kurz AMLO, nicht zu verstehen. Im Jahr 2000 holte dieser als damals frisch gewählter Bürgermeister von Mexiko-Stadt Sheinbaum in sein Kabinett. Sie wurde seine Umweltministerin. Während der Präsidentschaftswahlkampagne 2006 fungierte sie als AMLOs Sprecherin.

Dieser war damals noch Kandidat der sozialdemokratischen PRD. Nach den Wahlniederlagen 2006 und 2012 und seinem Austritt aus der PRD gründete AMLO die Partei Morena. Sheinbaum folgte ihm. Im Jahr 2015 wurde sie für Morena zur Bürgermeisterin von Tlalpan, dem größten Verwaltungsbezirk von Mexiko-Stadt, gewählt. Im Sommer 2018 schließlich gewann AMLO mit großem Vorsprung die Wahl zum Präsidenten, und Sheinbaum wurde Regierungschefin von Mexiko-Stadt.

Manche werfen ihr vor, sich bei katholischen Wählern anzubiedern.

Während ihrer Amtszeit baute sie das öffentliche Nahverkehrsnetz aus, legte Stipendienprogramme für sozial benachteiligte Studenten auf und setzte während der Covid-Pandemie eine gut organisierte Impfkampagne um. Im Mai 2021, gerade als sich die Pandemie-Lage zu entspannen schien, stürzte ein Teil der Metrolinie 12 ein, wobei 27 Menschen ums Leben kamen. Obwohl der Bau nicht in ihre Amtszeit fiel, wurde Sheinbaum verantwortlich gemacht, weil ihre Verwaltung für die Instandhaltung zuständig war. Im Wahlkampf wird die Tragödie von ihren politischen Kontrahenten immer wieder thematisiert.

Sheinbaum dagegen verweist lieber auf ihre Erfolge, vor allem in der Sicherheitspolitik. Während ihrer Amtszeit sei die Zahl der Schwerverbrechen in der Stadt um 58 Prozent zurückgegangen; das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung habe sich verbessert. Die Sicherheitspolitik wird eine der großen Herausforderungen werden, sollte Sheinbaum zur Präsidentin gewählt werden. Nach offiziellen Angaben gelten mehr als 110.000 Menschen als »verschwunden«; 30.500 Menschen wurden im vergangenen Jahr landesweit getötet.

30.500 Menschen wurden im vergangenen Jahr landesweit getötet

Im Juni 2023 trat Sheinbaum von ihrem Amt als Regierungschefin der Hauptstadt zurück, um sich auf die Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Regierungspartei Morena zu konzentrieren. Nach dem Erfolg im parteiinternen Ausscheid wurde sie als Kandidatin nominiert. Inmitten des Wahlkampfgetöses heiratete Sheinbaum im November 2023 ihre Jugendliebe, den Mathematiker und Risikoanalysten der Banco de México, Jesús Tarriba, mit dem sie nach ihrer Scheidung im Jahr 2016 wieder zusammengekommen war.

Im Herbst möchte sie die Nachfolge von López Obrador antreten. Sie hat versprochen, dessen Infrastrukturprojekte, wie den Tren Maya, die Austeritätspolitik und die Programme zur Armutsbekämpfung fortzuführen. Unter AMLO hat sich der Mindestlohn mehr als verdoppelt.

In einem Interview mit der Tageszeitung »El Financiero« im April wurde Sheinbaum gefragt, »ob sie wirklich unabhängig von Präsident López Obrador« sein werde. Eine Frage, die sich viele in Mexiko stellen. »Ich habe immer gesagt: Ich bin diejenige, die regieren wird … Jeder von uns hat einen anderen Regierungsstil; der Präsident hat seinen Regierungsstil, ich habe meinen Stil.« Eine ausweichende Antwort.

Es gibt Anzeichen, dass Sheinbaum einen stärker wissenschaftlich orientierten Ansatz verfolgen könnte als ihr Vorgänger

Sheinbaum hat im Wahlkampf jegliches Manöver vermieden, das ihr als Absatzbewegung von AMLO ausgelegt werden könnte. Die Zustimmungsraten des aktuellen Präsidenten sind weiterhin hoch. Davon profitiert auch sie. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass Sheinbaum einen stärker wissenschaftlich orientierten Ansatz verfolgen könnte als ihr Vorgänger. Viele verweisen auf ihre Leistung als Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt während der Pandemie. So betonte Sheinbaum das Tragen von Masken, Tests und Impfungen, während López Obrador die Gefahren des Virus oft herunterspielte und zumeist ohne Maske auftrat. Während er populistisch und machohaft Politik macht, gilt die umgängliche Sheinbaum als linke Pragmatikerin, die sich für kulturelle Vielfalt, Umweltbelange, Indigene und Frauenrechte einsetzt.

»Ich habe jahrelang im Energiesektor gearbeitet und war immer der Meinung, dass die erneuerbaren Energien gefördert werden sollten«, sagte sie »El Financiero«, als sie nach möglichen Veränderungen gefragt wurde. »Wir werden versuchen, die Energiewende im Land zu beschleunigen; in Umweltfragen denke ich zum Beispiel, dass wir Ressourcen und Zeit für die Sanierung der Flüsse des Landes aufwenden müssen. Das Gleiche gilt für die Frauenfrage. Ich denke, es ist nicht nur an der Zeit, dass eine Frau ins (Präsidenten-)Amt kommt, sondern auch, dass die Rechte der Frauen auf verschiedene Weise erweitert werden.«

Auf der Wahlkampfveranstaltung vor dem Rathaus von Cuauthémoc verspricht Sheinbaum ein neues Vorruhe­standsprogramm für Frauen im Alter von 60 bis 64 Jahren. Dafür erhält sie viel Applaus. Es ist ein selbstsicherer Auftritt. Mit ruhiger, fester Stimme verteidigt sie das Vorhaben López Obradors, sowohl die Mitglieder der Nationalen Wahlbehörde INE als auch die Richter am Obersten Gericht direkt vom Volk wählen zu lassen.

»Das ist kein Autoritarismus oder Abbau von Demokratie«, sagt sie bestimmt, »sondern das Gegenteil: Demokratie vom Volk für das Volk.« Dann lässt sie die Menge abstimmen. »Korruption oder Transformation? … Patriotismus oder Unterwerfung?« – »Transformation! Patriotismus!« Tausende Hände schnellen in die Höhe. »Aprobado – Angenommen«, postuliert Sheinbaum jedes Mal und wischt mit der Hand durch die Luft. In diesen Momenten erinnert sie dann doch ein wenig an ihren politischen Ziehvater López Obrador.

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