Wissen

Kulturträger

von Uwe Scheele

Gegenüber dem Goethe-Institut in der Madrider Calle Zurbarán befindet sich seit Kurzem das Zentrum für jüdische Kultur in Spanien. Man betritt die Casa Sefarad-Israel durch ein unscheinbares Portal, kein Hinweisschild weist auf den neuen Bewohner im dritten Stock des vornehmen Bürgerhauses. Vor genau einem Jahr wurde die Casa vom spanischen Außenministerium, der Stadt und dem Land Madrid ins Leben gerufen. Drei Ziele verfolgt die Casa: Sie will mit dem historischen Erbe der sefardischen Kultur vertraut machen, das Wissen über jüdische Kultur in Spanien fördern und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Spanien und Israel weiterentwickeln.
Schon im ersten Jahr seines Bestehens hat das Zentrum ein vielfältiges Programm aufgelegt. »Die meisten Spanier wissen absolut nichts über jüdische Kultur. Unser Blick auf Israel wird vom Nahostkonflikt bestimmt. Wir wollen andere Facetten des Lebens in Israel zeigen«, beschreibt Ángel Vázquez Díaz de Tuesta, der Generalsekretär des Zentrums, die Leitlinien der Programmgestaltung. Ausstellungen, Konzerte, Vorträge, Buchvorstellungen, israelische Filmreihen – fast jede Woche gibt es mehrere Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit anderen Kultureinrichtungen der spanischen Hauptstadt.
Die Casa in der Calle Zurbarán ist zwar ein repräsentativer Ort – vertäfelte Decken und Marmorsäulen im Eingangsbereich vermitteln den Eindruck eines alten sefardischen Kaufsmannshauses –, aber der Sitz ist provisorisch, denn es gibt dort keinen Veranstaltungsraum. Wie Ángel Vázquez sagt, stehe man in Verhandlungen mit der Stadt, um ein geeignetes Gebäude in Madrid zu finden.
Zur jüdischen Gemeinde der Stadt, mit etwa 15.000 Mitgliedern ist sie die größte des Landes, bestehen gute Beziehungen, einige Veranstaltungen werden gemeinsam durchgeführt. Doch generell geht man getrennte Wege. »Wir sind nicht religiös ausgerichtet«, betont Vázquez, »unser Programm richtet sich nicht so sehr an die jüdische Gemeinschaft.«
Was aber seien jüdische Veranstaltungen ohne jüdische Präsenz, fragt der Präsident der Jüdischen Gemeinde Madrid und Vorsitzende des Zentralverbands jüdischer Gemeinden in Spanien, Jacobo Israel Garzón. »Ich glaube, wenn die Casa Sefarad-Israel ihren endgültigen Sitz bezogen hat, in dem auch Veranstaltungen stattfinden können, wird sie dort ihr jüdisches und nichtjüdisches Stammpublikum finden.« Im Übrigen richte sich das Kulturprogramm der Gemeinde ebenfalls an ein breites, auch nichtjüdisches Publikum, erklärt Jacobo Israel.
Im Gemeindezentrum in der Calle Balmes verfügt die Madrider Gemeinde über einen eigenen Veranstaltungsraum. Auch sonst besitzt die Gemeinde, die im vergangenen Jahr ihr 90-jähriges Bestehen feierte, eine gute Infrastruktur: Die Bibliothek ist von überregionaler Bedeutung, und seit dem vergangenen Jahr dokumentiert ein kleines Museum die Geschichte der Gemeinde. Die Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen wird großgeschrieben, sei es bei einem internationalen Symposium des spanischen Senats zum Holocaust-Gedenktag oder einer von der Gemeinde organisierten Wanderausstellung über Rambam, den spanisch-jüdischen Philosophen Maimonides.
Zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels plant die Gemeinde Kolloquien und Vorträge, etwa über Juden, die während des spanischen Bürgerkriegs auf republikanischer Seite gegen die Faschisten kämpften oder über spanische Seeleute, die jüdische Siedler in den 40er-Jahren illegal nach Palästina brachten. Auch die Casa Sefarad-Israel hat aus diesem Anlass eine Reihe von Vorträgen und Veranstaltungen mit Künstlern sowie die Einladung israelischer Wissenschaftler zur Weltausstellung in Zaragoza vorgesehen. Denn beim sefardischen Vermächtnis wolle man nicht stehen bleiben. »Wir wollen der spanischen Bevölkerung den modernen jüdischen Alltag und moderne jüdische Kultur vor Augen führen«, sagt Ángel Vázquez.

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