Israel

»Kritische Zuneigung«

Herr Joffe, Sie bekommen am heutigen Donnerstag den Scopus Award 2009 der Hebräischen Universität Jerusalem verliehen. Gewürdigt wird damit Ihr Engagement für den transatlantischen Dialog und Ihre Verbundenheit mit Israel. Was zeichnet einen Freund Israels aus?
Erstens: Kein Feind zu sein – davon hat Israel genug. Zweitens: kritische Zuneigung, so wie einem persönlichen Freund oder der Frau Gemahlin gegenüber. Apropos Gattin: Nicht nörgeln, dann hört der Gatte bald nicht mehr zu. Freund sein, heißt Vertrauen und Verständnis aufbringen. Dann wird Kritik als konstruktive verstanden.

Wie weit darf Kritik am Freund gehen?
Nicht wie in: »Man wird doch wohl mal sagen dürfen ...« Der verlogene Subtext ist: Es gibt dunkle Mächte, die den Deutschen das Maul verbieten. Tatsächlich ist der Diskurs überwiegend kritisch. Wer Israel geißelt, kann eher mit Zustimmung rechnen. Konstruktive Kritik muss zweierlei vermeiden: die Doppelmoral, die das Staubkorn im Auge Israels lauter verdammt als den Balken im Auge anderer. Und den oft unbewussten Drang, einen einzelnen Anklagepunkt zum Beweis für grundsätzliche Verkommenheit zu machen. Etwa: In Gasa machen die Juden das Gleiche wie die Nazis im Warschauer Ghetto.

Derzeit macht es Jerusalem seinen Verbündeten nicht gerade leicht …
... was wohl heißt: Wenn die Israelis nicht so sind wie wir, mögen wir sie nicht. Dass Nahost eine moralische Tragödie ist, wo Rechte und Ängste aufeinanderprallen, geht dabei unter. Zudem geht der Sinn für die Komplexität des Konflikts verloren. Es ist ein Trugschluss, ihn auf die schlichte Lesart zu reduzieren, Israels Rückzug würde den Fluch von der gesamten Region nehmen. Die Despotien werden sich nicht in Demokratien verwandeln. Israel hat im Iran nicht Chomeini an die Macht gebracht. Iran hatte schon unter dem Schah nach der Bombe gegriffen und wird es weiter tun. Der Rückzug hat Gasa zur Raketenrampe gemacht. Und der Abzug aus dem Südlibanon führte zum Krieg mit der Hisbollah, die keine Zwei-Staaten-Lösung im Sinn hat.

Ist US-Präsident Obama ein Freund Israels?
Ja, aber er glaubt ebenfalls an die schlichte Theorie, dass Druck auf Israel alle anderen Probleme Amerikas in Nahost lösen werde. Wenn es nicht im Interesse Riads und Kairos ist, sich mit Amerika gegen Iran zusammen- zutun, wird Obama sie auch mit einem Siedlungsstopp nicht zum Umdenken bewegen. Das arabische Kalkül ist komplizierter.

In Deutschland gilt die Solidarität mit Israel als Staatsräson. Lippenbekenntnis oder wahrhaftige Überzeugung?
Das Letztere, auf jeden Fall für Merkel und das Gros der politischen Klasse. Mit der Solidarität bezeugen wir ein moralisches Selbstverständnis, das die Zweite Republik um Lichtjahre vom Dritten Reich trennt. Das ist gut für Israel, aber noch besser für das beste Deutschland, das es je gab.

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026