Leserbriefschlacht

Krieg der Worte

von Karl-Ludwig Günsche

Die Bilder zeigen zwei schreckliche Wahrheiten: Links ein Vater, der sein totes Kind in den Armen hält. Schauplatz: Soweto, am 16. Juni 1976. Rechts ebenfalls ein Vater, der sein totes Kind in den Armen hält. Schauplatz: Rafah Refugee Camp am 19. Mai 2004. Die in ihrer Suggestion furchtbare Überschrift über beiden Fotos: »Wir haben gegen die Apartheid gekämpft; wir sehen keinen Grund, sie jetzt in Israel zu feiern.« Erschienen sind diese Fotos anlässlich des 60. Geburtstags Israels in ganzseitigen Anzeigen in mehreren südafrikanischen Zeitungen. Die Liste der Unter- zeichner liest sich wie ein Who is Who der politischen Elite am Kap: Blade Nzimande, Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Zwelinzima Vavi, Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes, Eddie Makue, Generalsekretär des Kirchenrates, vier stellvertretende Minister und sieben Minister aus Thabo Mbekis Kabinett, darunter sogar sein engster Vertrauter, der Minister im Präsidialamt Essop Pahad. Und natürlich der für die Geheimdienste zuständige Minister Ronnie Kasrils, selbst Jude – und immer dabei, wenn es gilt, die fragwürdige Parallele zwischen Apartheid und Israels Politik gegenüber den Palästinensern zu ziehen.
Und wie immer lässt das die große alte Dame des jüdisch geprägten Liberalismus in Südafrika, nicht ruhen. Seit die ersten Anzeigen erschienen sind, führt Helen Suzman einen Leserbriefkrieg gegen Kasrils, ihren alten Intimfeind. Sie wirft ihm Amtsmissbrauch vor und fragt bissig, ob er überhaupt die Genehmigung habe, mit vollem Titel einen solchen Appell zu unterzeichnen. Schließlich habe sein Kabinettskollege Thoko Didiza doch bei den Feiern zu Israels 60. Geburtstag am 8. Mai in der israelischen Botschaft sogar eine offizielle Grußadresse der Regierung überbracht. Aber, so höhnt sie, Kasrils habe ja schon immer die verhängnisvolle Eigenschaft gehabt, sein Amt zu missbrauchen, um »seine eigenen Schlachten zu schlagen«. Er vergesse, dass jeder Erwachsene in Israel, gleich ob Jude oder Araber, wählen darf, schreibt Suzman. »Anders als in der Apartheid können Araber und Juden die gleichen Krankenhäuser nutzen, und ihre Kinder können die gleichen Schulen besuchen.«
Der Minister wehrte sich vehement gegen Suzmans Vorwürfe und findet zunehmend Unterstützung. »Kasrils sollte Beifall bekommen für sein Eintreten für Wahrheit und Gerechtigkeit«, befindet ein Leserbrief-schreiber im »Citizen«. Ein anderer wirft Suzman »ein naives Verständnis von Israel« vor. Sie leugne »die krude Form von Rassismus«, die dort tagtäglich praktiziert werde. Das wiederum rief die Verteidiger auf den Plan. »Kasril kann unterzeichnen, was er will. Aber er muss sich im Klaren sein, dass er nichts anderes tut, als Terroristen unterstützen,« ist der durchgängige Tenor.
Neu ist diese Auseinandersetzung zwischen Suzman und Kasril allerdings nicht. Immer wieder reiben sich die beiden aneinander, seit Kasrils 2001 zum ersten Mal in einer Deklaration Israel mit dem Südafrika der Apartheid gleichsetzte. Damals unterschrieben 284 jüdische Südafrikaner, darunter sogar Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer. Sogar im Parlament vertrat er 2001 seine angreifbare These. Suzman warf ihm vor, er predige Hass, und rief die Menschenrechtskommission an. Doch die befand, Kasrils Äußerungen seien durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Seitdem hat der streitbare Vorkämpfer Palästinas Oberwasser.
Der politische Analytiker Steven Friedman sagt, es habe nie eine heftigere Auseinandersetzung über ein politisches Thema in der jüdischen Gemeinde Südafrikas gegeben – und sie ist bis heute nicht beendet.

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