jüdisch leben

Koscher kostet

von Detlef David Kauschke
und Baruch Rabinowitz

Purim ist vorüber, Pessach steht vor der Tür. Und damit droht Ebbe in der Haushaltskasse. Wer einigermaßen jüdisch leben will, der hat schon zu Purim ziemlich tief in die Tasche gegriffen. Und Pessach wird richtig teuer. Muß das denn so sein?
Nehmen wir die Familie Mosche Mustermann: zwei Erwachsene, zwei Kinder. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts liegt das durchschnittliche Nettohaushaltseinkommen bei 2.833 Euro pro Monat. Angenommen, die Mustermanns haben genau diese Summe zur Verfügung. Sie leben in Berlin. Und wie es sich gehört, entrichten sie ihre Gemeindesteuer, rund 100 Euro im Monat. Ein Kind besucht den Gemeindekindergarten, das andere die Jüdische Oberschule. So über den Daumen sind pro Monat 250 Euro für Kindergartengebühr und 250 Euro fürs Schulgeld weg, immerhin inklusive koscherer Verpflegung. Die kleinen Nebenausgaben – Spende für die Klassenkasse, Kindergeburtstag in der Krabbelgruppe, Monatsbeitrag für Makkabi, Taschengeld fürs Machane – sind da noch nicht berücksichtigt. Auch nicht die Summe, die dann weggeht, wenn die Kleinen den Eltern mal wieder die blauweiße KKL-Sammelbüchse unter die Nase halten. Oder wenn Monat für Monat, vor allem direkt vor den Feiertagen, bunte Prospekte und nette Briefe von den unterschiedlichsten jüdischen oder israelischen Organisationen ins Haus flattern, Überweisungsträger inklusive: »Wir brauchen Ihre Unter- stützung. Zeigen Sie Ihre Solidarität.« Also auch dafür ein paar Euro, für die gute Sache und gegen das schlechte Gewissen. Das treibt einen am Schabbatmorgen auch gelegentlich in die Synagoge. Der Rabbiner erkennt gleich, daß da jemand zum Gebet kommt, der schon lange nicht mehr zur Tora aufgerufen wurde. Nach der Alija verkündet Mosche Mustermann den Mitbetern stolz, daß er gerne in die Tasche greift – nach Schabbatende natürlich – und für die Synagoge x-mal Chai spendet. Chai, die symbolische 18, das waren früher einmal 18 Mark, heute 18 Euro. In Israel sind es nur 18 Schekel. Tja, in Israel, da ist vieles preiswerter. Auch die Purim-Einkäufe. Hier in der Diaspora summierten sich Anfang vergangener Woche die Ausgaben für ein Dutzend Hamantaschen, ein paar Fläschchen Wein, einige Geschenksendungen zum Fest – die Mischloach Manot – und dann noch die Kostüme für die Kinder auf stolze 200 Euro.
Und nun Pessach. Da lädt eine große jüdische Organisation wie in jedem Jahr wieder zu einer festlichen Seder-Feier ein. 40 Euro pro Person, Kinder die Hälfte. Für die Mustermanns wären das 120 Euro. Da feiern sie lieber zu Hause. Und haben schon mal Geld für den Feiertagseinkauf zur Seite gelegt. Ein kleines Päckchen Mazzot (450 Gramm) soll 3,60 Euro kosten. Das ungesäuerte Brot wird in der Pessach-Erzählung »Brot der Armut« genannt. Für 3,60 Euro!
Okay, koscher kostet. Aber wer, um Gottes willen, hat gesagt, daß eine Challa 2,50 Euro, eine Flasche Traubensaft 3,60 Euro, 500 Gramm Rinderhack 6 Euro und die Orangenkonfitüre 3,90 Euro kosten müssen? Sicher kann man die Preise im Koscher-Laden nicht mit denen bei Aldi oder Lidl vergleichen. Qualität hat ihren Preis, auch Bio-Lebensmittel sind teurer als Supermarktware. Und in Berlin gibt es wenigstens koschere Läden. In anderen Gegenden Deutschlands ist das nicht der Fall. Wer dort koscher leben will, muß sich die Waren umständlich beschaffen.
Also ab ins Ausland? Hilft nicht wirklich weiter. Beispiel Budapest: Auch in Ungarn ist das koschere Essen nicht gerade billig. Das durchschnittliche Monatsgehalt beträgt etwa 400 Euro. Und eine Challa kostet 1 Euro, ein Kilo koscheres Fleisch etwa 8 Euro, eine Flasche Wein um die 5 Euro. Koscher leben, auch in Ungarn ist das eine finanzielle Belastung. Aber die fast 80.000 Juden in Budapest sind gut versorgt. In der Stadt gibt es zwei koschere Restaurants, Bäckereien, Fleischgeschäfte und eine Supermarktkette. Auch in Amsterdam und London kosten koschere Produkte etwa 30 Prozent mehr als Lebensmittel ohne Stempel.
Berlins Gemeindechef Gideon Joffe hat vor kurzem gefordert, daß koscheres Essen für jedermann erschwinglich sein sollte. Gute Idee. Nur: Will die Gemeinde einen eigenen Verkauf anbieten und den bestehenden Läden das Geschäft kaputtmachen? Oder Preise subventionieren? Und wenn, wie? Die Gemeindekassen sind leer. In London oder Amsterdam bestehen die Gemeinden zu 80 Prozent aus Menschen, die helfen können. Bei uns zu 80 Prozent aus Mitgliedern, die eher Hilfe brauchen.
Prinzipien zu haben, aber nichts dafür zahlen wollen, geht einfach nicht, sagen die Rabbiner. Und pleite gegangen sei davon auch noch niemand. Gerne verweisen die Gelehrten auf einen talmudischen Satz, demzufolge der Gläubige alles, was er für den Schabbat und die Erfüllung der Mizwot ausgibt, von Gott zurückerhalten wird.
»Wenn ich einmal reich wär«, singt Milchmann Tewje im Musical Anatevka. Der Milchmann ist arm an Geld, reich an Kindern: »Herr, du schufst den Löwen und das Lamm – sag’, warum ich zu den Lämmern kam. Wär’ es wirklich gegen deinen Plan, wenn ich wär’ ein reicher Mann?«

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