Dialog

Koscher Fastenbrechen

von Tobias Müller

Ein Buffet, das zur einen Hälfte aus koscher und zur anderen aus halal zubereiteten Speisen besteht? Für Sami Kaspi ist das selbstverständlich. Bereits zum dritten Mal organisiert er mit seiner Stiftung »Maimon« während des Ramadan ein gemeinsames Fastenbrechen für Muslime und Juden. »Harmonie und Respekt« will Maimon mit der ungewöhnlichen Initiative vermitteln sowie das Bewusstsein von Gemeinsamkeiten.
»Sowohl im Koran als in der Tora steht, dass alle, die hungrig sind, mitessen sollen«, sagt Sami Kaspi. »Unsere Gastfreundschaft ist dieselbe, und auch die Harira, die traditionell zum Fastenbrechen servierte Suppe, ist fast identisch – nur dass sie bei uns koscher ist.« Sami Kaspi ist in Rabat geboren. Als marokkanischer Jude steht er in den Niederlanden oft zwischen den Welten. Dass diese so fremd nicht sind, wie es die Konjunktur des Fundamentalislams oft erscheinen lässt, ist seine Botschaft, ob während eines gemeinsamen Ramadanmahls, einer Diskussion oder bei Schulbesuchen. Die jahrhundertelange Tradition jüdisch-islamischen Zusammenlebens in Marokko dient dabei als Gegenentwurf zum aufkommenden Antisemitis- mus unter niederländischen Muslimen.
»Manchmal schäme ich mich, Marokkaner zu sein«, sagte Sami Kaspi noch vor wenigen Jahren, als er angefeindet wurde, weil er eine Kippa trug. Der symbolische Tiefpunkt war erreicht, als marokkanische Jungen vor einigen Jahren an einem 4. Mai, an dem in den Niederlanden der Opfer der deutschen Besetzung gedacht wird, mit den niedergelegten Kränzen Fußball spielten. Inzwischen zieht Kaspi das vorsichtige Fazit, dass die Bemühungen langsam Früchte tragen, wenn auch das Verständnis noch wachsen müsse.
Als Brückenbauer zwischen den Religionen gilt in den Niederlanden auch Awraham Soetendorp, der als Rabbiner 40 Jahre lang der liberalen jüdischen Gemeinde in Den Haag vorstand. Soetendorp ist für sein entschiedenes Auftreten gegen Antisemitismus ebenso bekannt wie für mahnende Worte, wenn die niederländische Rechte wieder einmal pauschal gegen Muslime hetzt. Als der Koran-Film »Fitna« des Populisten Geert Wilders im Frühjahr für Furore sorgte, sprach Soetendorp von einer »abscheulichen Provokation« gegenüber dem »heiligen Buch für 1,2 Milliarden Menschen«. Auch er stellt dem die »gemeinsame sefardisch-arabische Tradition« entgegen, aus der er eine Zusammengehörigkeit ableitet. Damit spielt er nicht zuletzt auf den besonderen Rahmen an, in dem die Gläubigen beider Religionen in den Niederlanden meist aufeinandertreffen.
Unter den rund eine Million Muslimen im Land stellen die Marokkaner zusammen mit den Türken mit je etwa einem Drittel die größte Gruppe dar. Marokko wiederum war über Jahrhunderte die Heimat der zahlenmäßig stärksten jüdischen Gemeinde in der arabischen Welt. Viele gemeinsame Initiativen spiegeln diese Konstellation wider, so etwa der Besuch einer marokkanischen Gruppe in Auschwitz unter Leitung des Auschwitzkomitees im Frühjahr oder das Dialogforum »Jüdisch-Marokkanisches Netzwerk« in Amsterdam.
Awraham Soetendorp jedoch hat die Gesamtheit seiner »muslimischen Brüder und Schwestern« im Auge, an die er die Erfahrungen der jüdischen Gemeinschaft als Minderheit in den Niederlanden weitergeben will. Gerade aus der traumatischen Erfahrung, als integrierte und akzeptierte Bürger dennoch Opfer von Ver- folgung und von der Mehrheit im Stich gelassen zu werden, leitet der Rabbiner eine besondere Verantwortung ab.
Den rassisistischen Angriff auf eine Moschee in Amersfoort Anfang der 90er-Jahre interpretierte er mit den Worten: »Wenn eine Moschee angegriffen wird, werden wir alle angegriffen.« Ein Schlüsselbegriff für beide religiöse Minderheiten sei zudem »Identität«, die es innerhalb der Gesellschaft zu bewahren gelte, ohne sich zu verstecken.
Dieses Prinzip liegt auch der viel beachteten »Poldermoschee« in Amsterdam zugrunde, die vor zwei Wochen, symbolisch am 11. September, eingeweiht wurde. Der Name bedeutet ein doppeltes Bekenntnis zu den Niederlanden wie zum Islam. Das Gotteshaus, das vor allem junge Muslime ansprechen will und in dem Männer und Frauen im gleichen Raum beten können, steht damit im Gegensatz zu der in den Niederlanden populären Parole der Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie. Die Umgangssprache soll Niederländisch sein, und von den »Heimwehmoscheen« der älteren Generationen wolle man sich abgrenzen, so Initiator Mohammed Cheppih. Dass Cheppih eine fundamentalistische Vergangenheit hat, ist kein Geheimnis. Seine Läuterung nimmt ihm dann auch nicht jeder ab, und das Prinzip des »Konsens«, in der Moschee sowohl Reformern als auch Radikalen Raum zu bieten, sorgt für Kritik.
Auf politischer Ebene verkörpert der Sozialdemokrat Ahmed Marcouch ein ähnliches Spannungsfeld. Der 39-jährige Marokkaner ist der erste muslimische Vorsitzende eines niederländischen Bezirks. Doch dieser, Slotervaart, ist nicht nur der Standort der Poldermoschee, sondern er gilt vielen Niederländern auch als Synonym für Islamisierung und Jugendgewalt. Mit diesem Image will Marcouch, der ehemalige Lehrer, Moscheesprecher und Polizist, aufräumen. Zusammen mit Eltern und Sozialarbeitern versucht er, die Problematik seines Bezirks zu bekämpfen und ein neues Selbstbewusstsein jenseits »migrantischer Opfermentalität« zu vermitteln. Er möchte Muslimen zeigen, wie sie gute Bürger sein können.
Doch eben dies ist manchen ein Dorn im Auge: So nennt der salafistische Haager Imam Fawaz Jneid Marcouch einen »Heuchler«, der beim Fischen muslimischer Wahlstimmen die Lügen der Ungläubigen beschönige. Marcouch antwortete dem radikalen Imam unlängst mit einem offenen Brief in der Tageszeitung »Volkskrant« und erklärte, er setze sich »nicht nur für Muslime, sondern für alle Menschen« ein. Manche Mitglieder der jüdischen Gemeinde sehen deshalb in ihm einen Bündnispartner – und ein Anzeichen dafür, dass der aggressive Ton, der in den vergangenen Jahren das gesellschaftliche Klima in den Niederlanden geprägt hat, sich verändert.

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