optische Täuschungen

Kluges Händchen

von Ingo Way

Die Patientin war praktisch blind. Nach einer Hirnverletzung infolge eines Schlaganfalls konnte sie keine Gegenstände und keine Gesichter mehr erkennen, die Form und die Lage von Objekten nicht mehr beschreiben. Und das, obwohl ihre Augen noch völlig intakt waren. Beschädigt war allein das Sehzentrum, der visuelle Kortex, im hinteren Teil des Großhirns. Und doch konnte die Patientin offenbar noch etwas sehen. Denn auf visuelle Reize reagierte sie nach wie vor. Sie orientierte sich problemlos im Raum, konnte nach Gegenständen greifen und eine Münze in einen Schlitz stecken, den ihre Hand mühelos fand. Nur erklären, ob dieser Schlitz senkrecht, waagerecht oder diagonal verläuft, konnte sie nicht.
Visuelle Agnosie heißt dieses Syndrom – mit einem veralteten, aber umso poetischeren Ausdruck: Seelenblindheit. Beschrieben wurde die Krankheit bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Sigmund Freud deutete die Symptome später tiefenpsychologisch, doch erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts zogen Neurologen und Psychologen den in der Tat weitreichenden Schluss, dass es im menschlichen Gehirn zwei Arten der visuellen Verarbeitung geben muss – gleichsam zwei verschiedene Weisen des Sehens, eine bewusste und eine mehr oder weniger unbewusste, automatisch ablaufende. Dieser Theorie zufolge teilt sich die visuelle Wahrnehmung im Gehirn in zwei Verarbeitungsströme mit unterschiedlichen Funktionen. Der eine Strom verläuft zur Schläfe hin und dient der Objekterkennung (weswegen er auch »Was-Strom« genannt wird), der andere verläuft am Scheitel entlang und ist für die Bewegungs- und Entfernungsbestimmung zuständig (»Wo-Strom«) oder, nach Meinung mancher Forscher, für die motorische Orientierung im Raum (»Action-Strom«).
Diese Hypothese der zwei visuellen Systeme ist nun durch ein Experiment des israelischen Psychologen Tzvi Ganel von der Ben-Gurion-Universität des Negev weiter untermauert worden. Und zwar mithilfe einer optischen Täuschung. Ganel und seine Kollegen legten ihren Probanden die Ponzo-Illusion vor. Diese wurde von dem italienischen Psychologen Mario Ponzo im Jahr 1913 entwickelt. Darauf sieht man zwei schräge, aufeinander zulaufende Linien, die sich wie Bahngleise zum Horizont hin verjüngen. (Daher ist dieses Bild auch als Schienen-Illusion bekannt.) Dazwischen liegen zwei waagerechte Linien, die, in Zentimetern gemessen, genau gleich lang sind. Doch durch die perspektivische Illusion erscheint den meisten Betrachtern die obere Linie länger, da sie scheinbar weiter entfernt liegt. So sind in unserer Abbildung die Kaffeetassen eins und zwei genau gleich groß. Aber da unser Gehirn die perspektivische Verkleinerung erwartet und gleichsam mit einrechnet, erscheint die Kaffetasse Nummer eins größer als die Nummer zwei. Erwartungsgemäß hielten auch 88 Prozent der Teilnehmer in Ganels Experiment die beiden Linien für unterschiedlich lang. Doch wenn sie aufgefordert wurden, nach einer der Linien zu greifen, schienen sie es instinktiv doch besser zu wissen und die Länge richtig einzuschätzen. Die Forscher hatten an Daumen, Zeigefinger und Handgelenk der Probanden Leuchtdioden befestigt. So konnte die Spannweite zwischen Daumen und Zeigefinger exakt gemessen werden. Und die entsprach der tatsächlichen, objektiven Länge der Linien und nicht der subjektiven Wahrnehmung eines Längenunterschieds. Hier war die Hand klüger als das Auge.
Für Ganel ist dieses Ergebnis, das er in der aktuellen Märzausgabe der Fachzeitschrift »Psychological Science« beschreibt, eine klare Bestätigung der Hypothese, dass es zwei verschiedene visuelle Systeme gibt. Formuliert wurde diese Theorie zuerst 1982 von den Hirnforschern Leslie Ungerleider und Mortimer Mishkin. In den 90er-Jahren wurde sie von den Psychologen David Milner und Melvyn Goodale entscheidend modifiziert. Letzterer war auch an Tzvi Ganels jüngster Studie beteiligt. Milner und Goodale zufolge ist das Sehen zu einem früheren Zeitpunkt der Evolution entstanden als das Bewusstsein – und daher auf dieses auch nicht angewiesen. Das Sehen-als Orientierung-im-Raum – das visuomotorische System – ist älter als das Sehen-als-bewusste-Wahrnehmung, das erst später entstand un daher in einer anderen Hirnregion angesiedelt ist. Die bewusste Wahrnehmung ergänzt das visuomotorische System, ohne es zu ersetzen. Beide sind auch anatomisch voneinander zu unterscheiden. Wird die eine Hirnregion verletzt, funktioniert die andere weiter, wie bei der Schlaganfallpatientin im obigen Beispiel.
Dass es tatsächlich zwei visuelle Systeme gibt, ist neuroanatomisch noch nicht exakt nachgewiesen. Es bleibt also vorerst eine Hypothese – die durch Ganels Studie allerdings bestätigt wird. »Die Vorstellung, dass es im Gehirn zwei unterschiedliche visuelle Systeme gibt, widerspricht zunächst unserer Intuition«, sagt Ganel. »Die Kaffeetasse, die wir erkennen, und die, die wir aufheben, sehen wir schließlich nur einmal.« Doch dies könnte eine Illusion sein.
Wenn das so ist, müssten wir darüber nachdenken, ob einige unserer philosophischen Grundannahmen, die wir für selbstverständlich halten, überhaupt stimmen, meint der australische Anthropologe Greg Downey. Das beginne mit der Vorstellung, die auf Aristoteles zurückgeht, wir verfügten über genau fünf Sinne, die scharf voneinander abzugrenzen seien. Intuition, der »sechste Sinn«, Formen »außersinnlicher« Wahrnehmung seien wissenschaftlich zu untersuchen und eventuell zu rehabilitieren. Möglicherweise, so Downey, böten Formen der Introspektion und der Meditation, wie sie bei außereuropäischen Völkern praktiziert werden, Zugang zu Sinneskanälen, die in unserem Weltbild bisher nicht vorkommen und die wir mit modernen Verfahren allmählich entdecken. So versöhnen sich Wissenschaft und Spiritualität am Ende doch noch.

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