Bremen

Kleiderkammer und Gebete

Es riecht nach frischer Farbe. In der Ecke glänzt ein Lüftungsrohr. Sonst ist alles noch kahl in dem niedrigen Kellerraum. Eine Ar-
beitsleuchte auf dem Fußboden sorgt provisorisch dafür, dass sich niemand an dem Kreuzgewölbe den Kopf stößt. Das also ist der Keller der einstigen Bremer Synagoge. Das Gotteshaus wurde in der Reichspogromnacht 1938 von Nazis zerstört. Und fast wäre vor wenigen Jahren auch noch der Keller abgetragen worden: für ein neues Appartementhaus – ebenso wie das be-
nachbarte frühere jüdische Gemeindehaus, das bis heute den Namen des ersten Bremer Rabbiners »Leopold Rosenak« trägt.
Doch dann taten sich geschichtsbewuss-
te Bremer zusammen und engagierten sich als Verein »Rosenak-Haus« für den Erhalt des Ensembles am Rande des Bremer Schnoorviertels. Nach jahrelangem Hin und Her haben sie es geschafft: Das Rosenak-Haus wurde saniert statt abgerissen und mit neuen Nutzern kürzlich feierlich eingeweiht.

Mieter Eigentümer sind jetzt der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und der Caritasverband Bremen. In dem unscheinbaren zweistöckigen Gebäude mit ausgebautem Dachgeschoss haben sie Beratungsstellen und eine Kleiderkammer unterge-
bracht. Der Verein »Rosenak-Haus« kann als Mieter einen Versammlungsraum mitnutzen und in den beiden miteinander verbundenen Kellern des alten Gemeindehauses und der zerstörten Synagoge dem-
nächst eine Gedenkstätte einrichten.
»Ein historischer Ort, der Erinnerung transportiert.« So nennt der Vereinsvorsitzende Peter Zimmermann das Rosenak-Haus. Als der 65-Jährige kürzlich gemeinsam mit den katholischen Eigentümern über die neue Hausgemeinschaft informierte, wunderte sich mancher Journalist: Warum tritt auf der Pressekonferenz nicht auch Elvira Noa auf, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen? Wo doch die künftige Gedenkstätte nicht nur die Verfolgung der Juden dokumentieren, sondern »den Blick auch auf die heute unter uns lebenden jüdischen Menschen lenken« soll, wie Vereinschef Zimmermann in seiner Einweihungsrede sagte.
Nach und nach wurde den Journalisten klar: Von den rund 50 Mitgliedern des Vereins ist fast niemand jüdisch. Der Vorsitzende hat evangelische Theologie und Er-
wachsenenbildung studiert. Viele Mitglieder kommen aus Arbeitsfeldern wie der politischen Bildung oder der »Erinnerungsarbeit«. Immerhin durfte Elvira Noa auf der Eröffnungsfeier ein Grußwort sprechen. Und sie sitzt in einem Vereinsbeirat – aber der wurde bisher erst einmal einberufen. Kurz: Sie sieht ihre Gemeinde nicht richtig eingebunden in das Projekt. »Da läuft nicht alles nach unseren Vorstellungen«, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen. Und: »Da geht vieles über unseren Kopf hinweg.«

mahner Es klingt so, als hätten Noa und ihr Stellvertreter Grigori Pantijelew einige Abwehrkämpfe führen müssen. Immer wieder wehrten sie sich gegen »merkwürdige Formen des Gedenkens«, wie der Verein sie laut Noa zunächst geplant hatte. Zum Beispiel, am 9. November simulierten Feuerschein aus dem Haus flackern und Nazi-Stimmen erschallen zu lassen. Sie fanden es auch unangemessen, dass Nichtjuden jüdische Feste organisieren wollten, was Zimmermann allerdings bestreitet.
Manche Wunden wurden schon vor Jahren geschlagen: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die jüdische Gemeinde das Rosenak-Haus und das Grundstück der zerstörten Gemeinde an die katholische Kirche verkauft. Die wollte das geschichts-
trächtige Ensemble dann vor wenigen Jahren an Privatinvestoren abgeben. Das hätte Abriss und Neubau bedeutet. »Wir waren doch etwas entsetzt, dass mit uns nicht vorher darüber gesprochen wurde«, sagt Noa.
Erst der 2007 gegründete Verein »Rosenak-Haus« sorgte dann mit Unterstützung der Bremer Senatskanzlei und der Denkmalschutzbehörde durch den Einstieg der Caritas und des SkF dafür, dass zumindest das Rosenak-Haus und der Synagogen-
keller erhalten wurden. An den Sanierungskosten beteiligten sich die Hansestadt, die Bremer Stiftung »Wohnliche Stadt« und die ARD-Fernsehlotterie mit insgesamt 150.000 Euro.

Multiplikatoren Aber warum engagiert sich ein überwiegend nichtjüdischer Verein so für eine Schoa-Gedenkstätte? Der Vorsitzende Zimmermann nennt mehrere Gründe: Die jüdische Gemeinde sei nicht in der Lage gewesen, das Rosenak-Haus selber zu kaufen, was ihre Vorsitzende Noa bestätigt. Außerdem: Die Verfolgungsgeschichte sei nicht allein eine jüdische, sondern auch eine bremische Geschichte. Nur zweimal im Jahr – am 27. Januar und am 9. November – an die Schoa zu erinnern, reiche nicht. Nötig sei ein ständiges Angebot, vor allem für Schulklassen.
Geht es auch um moralische Wiedergutmachung? Zimmermann sagt ganz offen: »Ich mache das für mich auch ein bisschen als Entlastung.« Keine Frage: An gutem Willen mangelt es dem Verein nicht. Und Elvira Noa hat neben ihren Bedenken auch versöhnliche Worte parat: Sie hofft, dass hier doch noch eine »würdige kleine Ge-
denkstätte« entsteht.

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