Nicole Guedj

Kaschrut im Élysée-Palast

von Brett Kline

In einem noblen Café am Boulevard Saint Germain fragt sich Nicole Guedj laut: »Gibt es eine jüdische Wahlstimme?« Ihre Antwort lautet: »Ich glaube nicht.« Guedj wurde in Algerien geboren und kam 1961, als die ehemalige französische Kolonie unabhängig wurde, im Zuge einer Massenauswanderung von Juden mit ihren Eltern nach Frankreich. Heute ist sie wohl die wichtigste Vermittlerin zwischen der Regierung und der jüdischen Gemeinde in Frankreich und hochrangiges Mitglied des Wahlkampfteams von Innenminister Nicolas Sarkozy. »Viele in der Gemeinde waren schon lange überzeugt, dass Nicolas Sarkozy der Richtige ist, um Präsident Frankreichs zu sein«, sagt die 51-jährige Rechtsanwältin. Nicole Guedj ist nicht nur enge Vertraute Sarkozys, sondern auch die seines innerparteilichen Gegners Präsident Jacques Chirac. Beide gehören der rechts von der Mitte angesiedelten Union pour un Mouvement Populaire (UMP) an.
Nicole Guedj war sich immer gewiss, dass ihr Kandidat bei den französischen Juden gut ankommen wird – auch schon vor dem schweren Schnitzer, den sich die Kandidatin der Sozialistischen Partei, Ségolène Royal, Anfang Dezember bei ihrem Besuch im Nahen Osten leistete. Royal stand schweigend daneben, als ein Hisbollah-Vertreter die Israelis mit den Nazis verglich, die Frankreich besetzten. Sie wartete bis zum nächsten Tag, um die Bemerkungen als »unannehmbar, widerwärtig und abscheulich« zu verdammen.
Die Ausrede der Kandidatin, sie habe dem Hisbollah-Vertreter wegen der mangelhaften Übersetzung nicht sofort widersprochen, hält Guedj für fragwürdig. »Ich habe meine Zweifel, aber das ist jetzt auch schon egal«, sagt die Anwältin, die zu den 200 Mitgliedern des Conseil d’Etat (Staatsrats) gehört, eines Gremiums der Regierung, das bei der Auslegung des französischen Gesetzes berät. »Die Erklärung von Politikern der Sozialistischen Partei ist für die französische Öffentlichkeit und insbesondere für die jüdische Gemeinde unannehmbar.«
Aber Guedjs Interessen weisen über französische Politik hinaus. Guedj, die für ihre Mitarbeiter im Büro des Élysée-Palasts, dem Präsidentensitz, koschere Mahlzeiten kommen lässt, ist eine unerschütterliche Verteidigerin Israels. 1996 war sie Mitbegründerin von UPFJ (Union des Patrons et des Professionels Juifs de France), einer Gruppe jüdischer Direktoren französischer Unternehmen, die regelmäßig zusammenkommt, um französisch-jüdische und Israel-bezogene Themen zu diskutieren.
Ihr Engagement für die jüdische Gemeinde in Frankreich und die Sicherheit Israels und ihre Rolle in der französischen Politik haben Guedj Kritik von Politikern und in der französischen Öffentlichkeit eingebracht. Seit dem jüngsten Krieg gegen die Hisbollah im vergangenen Sommer ist sie über Israel und sein Ansehen im Frankreich wieder besorgt. Das Treffen zwischen Chirac und dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon im Juli 2005 »war tatsächlich ein Durchbruch, was das Image Israels in Frankreich angeht«, sagt sie, »aber seit dem Krieg gegen die Hisbollah ist dieses Image wieder das eines Aggressors.«
Sarkozy kann jedoch zum positiven Image Israels beitragen, meint die Rechtsanwältin. »Von allen französischen Politikern bezieht er am deutlichsten Stellung für Israel«, sagt Guedj. »Seine Ansichten über die Notwendigkeit, Lösungen zu finden gegen den weltweiten Anstieg des radikalen Islam und über Israels Recht auf Selbstverteidigung waren stets unzweideutig. Kein Politiker der Sozialistischen Partei kommt auch nur in die Nähe von Sarkozy, wenn es um die Unterstützung für Israel geht.«
Einige Franzosen beschuldigten Sarkozy, die Gewalt, die im November 2005 in vielen französischen Vororten ausbrach, verschlimmert, ja sogar provoziert zu haben. Damals setzten Tausende von Jugendlichen, zumeist nordafrikanisch-arabischer Herkunft, Autos, Geschäfte und Schulen in Brand und lieferten sich Schlachten mit der Polizei. »Sarkozy kündigte eine harte Reaktion an«, sagt Guedj ernst, »aber ich glaube, er war auch fair.«
»Es ist in Frankreich strafbar, Menschen zu zählen oder aufgrund ihrer ethnischen Herkunft in Gruppen einzuteilen«, sagt Guedj. »Sarkozy ist der einzige Kandidat, der sich zu diesem Problem geäußert und gesagt hat, er befürworte gezielte Fördermaßnahmen, etwas, was wir in Frankreich positive Diskriminierung nennen.«
Neben der Politik und Israel ist Guedjs dritte große Leidenschaft humanitäres Engagement. Im Jahr 2004, als Staatssekretärin für Opferrechte, überzeugte Guedj Chirac, den Vereinten Nationen den Einsatz eines auf Satellitenkommunikation gestützten Containers »Emergesat« vorzuschlagen, um humanitäre Krisen zu analysieren. »Es war ja tatsächlich so, dass die Vereinten Nationen in Krisensituationen nie sonderlich präsent waren, sei es in Bosnien, in Ruanda oder jetzt in Darfur. UNO-Blauhelme vor Ort zu haben ist das eine, doch um die Opfer zu identifizieren, Lebensmittelvorräte, Trinkwasser, medizinische Vorräte zu organisieren und die Kommunikation zu koordinieren, bedarf es einer High-Tech-Lösung. Bislang hat die UNO nichts dergleichen.« Guedjs Antrag, High-Tech-Teams (»Rothelme«) einzusetzen, wird von den Vereinten Nationen geprüft. »Für mich war die Politik immer ein Werkzeug, um Dinge voranzubringen«, sagt Guedj.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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