Studenten

Kafkas langer Schatten

von Kilian Kirchgessner

Den einzigen Sitzplatz hat Franz Kafka. Er thront, ganz schwarz in Metall gegossen, völlig ungerührt auf seinem Denkmal gleich neben der Spanischen Synagoge in Prag. Irina Rabinowitsch hat es nicht so bequem: Sie schwitzt hinter einem weißen Campingtisch im Blickfeld des bronzenen Kafka, gleich zu Füßen seiner Statue. Ein symbolisches Zusammentreffen: Die Studentin aus Deutschland sammelt in Tschechien Spenden für die israelischen Opfer des Libanonkriegs – und bei all dem schaut Franz Kafka zu, der bekannteste deutschsprachige Schriftsteller aus der jüdisch geprägten Intellektuellen-Szene in Prag.
Ganz zufällig sind solche Symbole nicht gewählt. Irina Rabinowitsch ist mit ihren Freunden vom Bundesverband Jüdischer Studierender in Deutschland (BJSD) zu Besuch in Prag. Für ein touristisches Programm nimmt sich die Truppe denkbar wenig Zeit. Mitorganisator der Reise ist die Jewish Agency. Die Ziele sind hoch – Tikkun olam, Verbesserung der Welt, ist die Reise überschrieben, und das fordert von den Studenten, daß sie auch im Urlaub kräftig anpacken. Der Informationsstand über Israel gehört mit dazu, der Platz gleich vor der Spanischen Synagoge liegt strategisch günstig: »Hier kommen jeden Tag viele Leute vorbei, die Interesse am Judentum haben«, sagt die Reise-Organisatorin Irina Rosensaft. Die Synagoge ist eine der wichtigsten Attraktionen für Prag-Besucher.
Auf Englisch sprechen die Studenten die Passanten an, die ihren Schritt vor dem Infostand verlangsamen. Und die sind häufig verblüfft. Ausgerechnet deutsche Studenten erzählen etwas über Israel, das paßt bei einigen der internationalen Touristen nicht so richtig ins Weltbild. Aber vielleicht trägt es mit dazu bei, daß die Aktion zum vollen Erfolg wird. Gleich im Dutzend sammeln die Studenten schließlich Unterschriften für Israel, und die Spendenbüchse klappert gut gefüllt.
Eleonore hat viel zu tun: Die Kölner Studentin knotet den Besuchern ein blaues Bändchen um das Handgelenk. »Ein Zeichen der Solidarität mit Israel«, erklärt sie – eine tschechische Schulklasse – samt Lehrerin – hat sie schon versorgt, einen zweijährigen Jungen im Kinderwagen und ungezählte Paare, die mit dem Reiseführer in der Hand hier entlang schlendern.
Die Touristen aus aller Welt wandeln auf den Spuren des jüdischen Prags. Sie spüren dem legendären Golem nach, sie spazieren zwischen den Synagogen in der Josefstadt, auf deren Straßen sich früher das jüdische Leben abspielte. Wie an nur wenigen Orten in Europa ist hier die Stadtentwicklung eng mit dem Judentum verknüpft. Noch heute prangt der Davidstern auf vielen prächtigen Jugendstilfassaden und zeugt von den früheren Besitzern der Häuser.
»Hier ist es viel einfacher, als Jude zu leben«, sagt eine Teilnehmerin aus der jüdischen Reisegruppe fasziniert. Viel selbstverständlicher, viel unkomplizierter. Allerdings ist dieses jüdische Leben auch ein wenig anders, als die Studenten aus Deutschland es kennen. Dies erfahren sie später, als sie mit Prager Studenten diskutieren – über Religion, über Traditionen und Bräuche. »Hier ist es so, daß sich viele als Juden fühlen, wenn sie einen jüdischen Großvater hatten«, faßt die Reise-Organisatorin Irina Rosensaft nach dem Treffen mit den Pragern zusammen: »Aus unserer Gruppe sehen das viele anders, für sie gehört ein aktives religiöses Leben dazu.«
Wo die jüdische Kultur in Prag ihr vorläufiges Ende fand, erkundeten die Reisenden aus Deutschland auch. Eine Exkursion führte sie nach Theresienstadt, in jene historische Festungsanlage 80 Kilometer vor den Toren Prags. In Tschechien ist sie längst zum Synonym für die systematische Judenverfolgung der deutschen Nazis geworden. Vor mehr als 60 Jahren starben hier Zehntausende Juden im streng bewachten Ghetto und dem benachbarten KZ. Eine Gedenkstätte erinnert heute an sie. Daß auch die Eger, die so ruhig durch die Festungsstadt fließt, eine traurige Bedeutung hat, wissen nur die wenigsten. Die Nazis haben dem Wasser die Asche vieler Opfer übergeben. Dort am Ufer fing bei der Reise plötzlich einer der Studenten aus Deutschland an zu singen – und die ganze Gruppe fiel mit ein in das traurige Lied. Eine improvisierte Gedenkzeremonie, bewegend und tiefsinnig.
Ein großer Kontrast zum Andenken an Franz Kafka, der heute das weltbekannte Aushängeschild der jüdischen Kultur Tschechiens ist. Die vordergründigsten Denkmalpfleger in Sachen Kafka sind die Souvenir-Verkäufer. Ihre Auslagen sind über und über dekoriert mit T-Shirts in allen Farben, auf die das Porträt des schüchtern lächelnden Schriftstellers gedruckt ist. Sein Gesicht ziert auch Kaffeebecher, Kugelschreiber und jede Menge andere kitschige Erinnerungsstücke.
Viel präsenter aber ist Kafkas Prag in seinen Werken. Immer wieder taucht darin der Bezug zur Stadt auf, die für den Autor den Lebensmittelpunkt bedeutete: »Hier war mein Gymnasium, dort in dem Gebäude, das herübersieht, die Universität und ein Stückchen weiter links hin mein Büro. In diesem kleinen Kreis ist mein ganzes Leben eingeschlossen«, schrieb Kafka einst. Jetzt sitzen die jüdischen Studenten aus Deutschland im Kreis unter freiem Himmel und unterhalten sich über Kafka. In einem sind sie sich sicher: Er fand die Inspiration für seine Werke in der Synagoge – und das, obwohl er mehrfach betonte, die jüdischen Riten nicht gut zu kennen. »In seinen Texten hat Kafka trotzdem unbewußt etwas sehr Jüdisches geschaffen«, sagt ein Teilnehmer. Eine Studentin pflichtet ihm bei: »Daraus können wir etwas für uns lernen!«

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