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Jüdisch oder nichtjüdisch, das ist hier die Frage

Was macht einen Juden jüdisch? Die Familie? Die Schulbildung? Der Glaube? Eine Frage, die so alt ist wie das Judentum selbst, beschäftigt derzeit in Großbritannien die Gemüter. Die neun Richter des britischen Supreme Courts wollen noch vor Ende des Jahres darüber urteilen, ob die Zulassungsbestimmungen einer orthodoxen jüdischen Gesamtschule in London rassistisch sind oder nicht. Eine Entscheidung, die große Auswirkungen auf die zahlreichen staatlich finanzierten religiösen Schulen auf den britischen Inseln – darunter 38 jüdische – haben dürfte. Der Gerichtssaal war während der Anhörung bis zum letzten Platz mit internationalen Journalisten und Vertretern der britischen Regierung und diverser jüdischer Vereinigungen gefüllt.
Die Aufnahmepolitik der Nord-Londoner Jewish Free School (JFS) ist bereits zum dritten Mal Gegenstand einer Gerichtsverhandlung geworden. Ausgangspunkt des Rechtsstreits war die gescheiterte Bewerbung des 12-jährigen Schülers M. auf einen Platz an der renommierten jüdisch-orthodoxen Gesamtschule. Die 1732 gegründete Lehranstalt hatte dem Jungen den Schulbesuch mit der Begründung verweigert, er sei kein »richtiger« Jude. M.s Mutter ist keine geborene Jüdin, sondern konvertierte vor einem nichtorthodoxen Beit Din zum Judentum. Der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks erkennt diesen Übertritt nicht an.
M.s Eltern zogen daraufhin vor Gericht, aber hatten in erster Instanz keinen Erfolg. Das Ehepaar war fest entschlossen, die in ihren Augen ungerechte Entscheidung der JFS rückgängig zu machen. »Was fällt denen ein, unser Judentum in Frage zu stellen«, entrüstete sich damals David Lightman, dessen Tochter Maya aus demselben Grund ein Platz an der jüdischen Gesamtschule verweigert wurde. Mitte des Jahres entschied ein britisches Gericht, dass die Aufnahmepolitik der JFS rechtens war.
Damit gaben sich die Eltern von M. nicht zufrieden und gingen in Berufung gegen das Urteil. Im Juli waren sie schließlich vor dem Berufungsgericht erfolgreich: Die Richter verfügten – da Juden nach dem britischen Race-Relations-Gesetz auch als ethnische Gruppe gelten –, dass einem jüdischen Kind der Schulbesuch nicht verweigert werden dürfe, weil seine Mutter nicht als Jüdin gelte. In den Augen des Gerichts ist das unrechtmäßige rassistische Diskriminierung. »Dass ein junger Mensch nur zur JFS zugelassen wird, wenn seine Mutter Jüdin ist, macht die ethnische Herkunft zur Entscheidungsgrundlage und verstößt gegen das Race-Relations-Gesetz«, hieß es in der Urteilsbegründung. Die Richter erklärten weiter, dass die Aufnahmepolitik nicht auf Familienzugehörigkeit, sondern auf Gläubigkeit beruhen müsse, wie auch immer diese definiert werde. Eine Entscheidung, die unter den 300.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft des Vereinigten Königreichs für erbitterten Streit sorgt.
Jonathan Sacks, an dessen orthodoxen Lehren sich auch die Jewish Free School orientiert, wies daraufhin alle jüdischen Schulen Großbritanniens an, ihre Aufnahmekriterien um eine religiöse Prüfung zu erweitern. Im Rahmen dieses Tests sollen Glaubensfragen erörtert und die religiösen Praktiken von Bewerbern kontrolliert werden. Sacks verfügte weiterhin, dass »rassistische« Kriterien keinesfalls mehr Bestandteil der Aufnahmepolitik sein dürften.
Seitdem teilt sich die jüdische Gemeinschaft Großbritanniens in zwei Lager: Orthodoxe Juden unterstützen die JFS, denn sie halten eine Einmischung des Staates in religiöse Angelegenheiten für ein Unding. Liberale Juden begrüßen die Entscheidung des Berufungsgerichts: »Die orthodoxe Definition des Judentums schließt 40 Prozent der Juden dieses Landes aus«, erklärt Danny Rich, Vorsitzender der Reformbewegung Liberal Judaism.
Für andere ist das Jüdischsein keine Frage von religiösen Praktiken: »An Jom Kippur ein Schinkenbrot zu essen«, sagt der Londoner Rabbi Yitzchak Schochet, »macht einen nicht weniger jüdisch.« Fazit: Wer als Kind einer jüdischen Mutter geboren wurde, dem kann man sein Judentum nicht abspenstig machen, auch wenn er sich zeitlebens nicht in einer Synagoge sehen lässt.
Jeremy Stowe-Lindner, Direktor der überkonfessionellen Nord-Londoner Jewish Community Secondary School, schlägt sich keinem Lager zu: »Die JFS ist eine orthodoxe Lehranstalt und hat das Recht, die für sie geeigneten Zulassungsbestimmungen zu wählen«, sagt er, gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass seine Schule natürlich die Entscheidung der britischen Gerichte akzeptiere: »Wir mussten unsere Aufnahmepolitik ebenfalls ändern«, sagt er. »Jetzt überprüfen wir die religiösen Praktiken unserer Bewerber.« Die Einmischung weltlicher Gerichtsbarkeit in religiöse Angelegenheiten hält er für unproblematisch.
Auch Jon Benjamin, Vorsitzender des Board of Deputies of British Jews, hält sich bedeckt: »Wir werden uns neutral verhalten und keine der jüdischen Perspektiven vorziehen«, resümiert er, »aber wir wurden gebeten, unserer Gemeinde die nachteiligen Folgen eines Gerichtsurteils zu erklären, das die anerkannten Prüfungen des jüdischen Status für unrechtmäßig erklärt hat.« Frank Diebel

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