Abba Naor

»Jiskor habe ich jeden Tag«

von Ellen Presser

Anfang Juli war Abba Naor zwei Wochen in München. In wie vielen Schulen er Zeitzeugen-Termine hatte, weiß er nicht so genau: »Ich zähle nicht.« Drei Wochen später kam er noch einmal aus Israel, nun aber ins Jugendgästehaus in Dachau. Dort sollte für 120 Jugendliche aus dieses Mal 19 Ländern eine »Internationale Jugendbegegnung« stattfinden. Abba Naor vertritt seit rund 15 Jahren die Gemeinschaft der ehemaligen Landsberg-Häftlinge im Internationalen Dachau-Komitee. Ungefähr genauso lange wirkt er am alljährlichen zeitgeschichtlichen Jugendtreff mit, den es seit 25 Jahren gibt. Auch Ende April, Anfang Mai hat Abba Naor in Dachau und Umgebung zu tun, wenn alljährlich der Befreiung des letzten Konzentrationslagers gedacht wird.
Sein eigener Leidensweg hatte am 2. Mai 1945 auf dem Todesmarsch nahe Waakirchen ein Ende. Begonnen hatte er 1941 mit dem Einzug der damals noch fünfköpfigen Familie Nauchovicius ins Ghetto von Kaunas. Dort wurde der ältere Bruder Chaim erschossen. Vom KZ Stutthof führte der Weg für die Mutter Channa und den kleinen Bruder Berele nach Auschwitz. Auf getrennten Transporten kam der Vater Hirsch nach Allach, Abba selbst im August 1944 nach Utting am Ammersee. Dort musste der 16-Jährige am Lageraufbau mit seinen Erdhütten mitarbeiten.
Kürzlich war Abba Naor, der seinen Namen aus der litauischen Urfassung und der deutschen Schreibweise Nauchowitz hebraisiert hat, beim bayerischen Kultusminister Thomas Goppel. Ihm nahm er das Versprechen ab, für den Erhalt der Erdhütten als sichtbares Zeichen der KZ-Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau zu sorgen. Man glaubt es sofort, dass Naor freundlich und bestimmt durchsetzt, was ihm wichtig ist. Als die Gemeinde Utting Gelände rund um die ehemalige Fabrik der Firma Dyckerhoff in Bauland verwandeln wollte, stellte Abba Naor sich quer. Erst einmal sollte ein Mahnmal geschaffen werden und für die Pflege sowie für ein neues Hinweisschild am »Judenfriedhof« gesorgt werden. Für Naor musste deutlich werden, dass es sich um einen »jüdischen KZ-Friedhof« handelte. Das Mahnmal gibt es inzwischen.
Am Ort lebt die Tochter jener Frau, bei der er für die SS hatte Lebensmittel abholen müssen. Wann immer sie konnte, hatte sie ihm ein Extrapäckchen zugeschoben. »Jeder Tag war ein Todesmarsch für uns, keine Schläge zu bekommen, etwas zum Essen finden, immer in höchster Alarmbereitschaft sein«, so anschaulich kommentiert Abba Naor seine Jugenderfahrung, während er am Interview-Ort, dem Restaurant Fleming’s im neuen Jüdischen Gemeindezentrum, die Speisekarte studiert. Auf seine Gesundheit bedacht, erlaubt er sich schließlich eine Suppe.
Zu den Deutschen als Volk hatte Naor lange ein gestörtes Verhältnis. Die hilfsbereite Frau in Utting war eine Einzelerfahrung. Doch der Reihe nach: Auf die Befreiung während des Todesmarsches und kurze Erholung in der Junkerschule in Bad Tölz folgte der Umzug ins DP-Lager Freimann. Seine Tage verbrachte er mit Gleichaltrigen im Kino – »mit Rita Hayworth«. Manchmal kauften sie alle Karten auf, um »den Deutschen« den Kinobesuch zu verwehren, traten ihre Zigaretten, heiß begehrte Ware, halbgeraucht vollkommen aus. »Das war unsere Nekome, unsere Rache«, fügt Naor erklärend hinzu und betont noch einmal: »Wir waren Kinder. Als wir befreit wurden, waren wir alte Leute. Wir sind jedes Jahr jünger geworden.«
In der Kaserne in Freimann fand ihn der Vater wieder. Die Rückkehr nach Litauen endete in Lodz, wo der Vater seine Schwester fand, aber auch die Gewissheit vom Tod des Großteils der Familie. Abba Naor kehrte auf Umwegen nach München zurück. Wohnte nun im DP-Lager im Deutschen Museum und wurde eines Tages während einer Schwarzmarktrazzia im dortigen Café verhaftet. Am Tag, da er den ehemaligen Schutzpolizisten Jordan erkannte, holte ihn der Vater aus der Haft. Jordan hatte in Kaunas den Leuten gerne gefüllte Wasserflaschen vom Kopf geschossen.
Statt den ehemaligen Peiniger anzuzeigen, wollte Naor nur noch eines – fort nach Palästina. Dazu ging es erst einmal nach Landsberg in die ORT-Schule. Als er München verließ, versuchte der Vater, ihn noch aus dem Zug zu holen. In Palästina werde es Krieg geben. »Dort werde ich wie ein Mensch sterben«, antwortete der Sohn. Doch ihm war ein besseres Schicksal beschieden.
Nach dem Militärdienst heiratete Naor, bekam zwei Kinder. Den Vater besuchte er ab 1953 immer wieder in München, wo der ehemalige Fotograf sich nach einem kurzen erfolglosen Intermezzo in den USA niedergelassen hatte. Die Eheschließung des Vaters mit einer nichtjüdischen Deutschen trübte das Vater-Sohn-Verhältnis nachhaltig. In den 60er-Jahren zog Abba Naor mit Frau Lea und seinen Kindern nach München, wurde Gastronom, betrieb unter anderem das Café Annast am Hofgarten, das Stop-In (später La Bohème) in der Türkenstraße, traf seinen Bekannten aus Kindheitstagen und Leidensgenossen Karl Rom. Naor war gemeinsam mit Berek Rajber und Jakob Nussbaum aktiv im Vorstand des TSV Maccabi und erinnert sich schmunzelnd, wie gut ein israelischer Student namens David Leschem, inzwischen angesehener Neurologe, Akkordeon spielte. München wird für Naor immer eine besondere Bedeutung haben. Auf dem neuen Jüdischen Friedhof ruht sein Vater, der bis zu seinem Tod 1992 im Alter von fast 92 Jahren, von seiner zweiten Frau treu umsorgt wurde.
Abba Naor trägt immer Fotos seiner Familie, seiner beiden Kinder, fünf Enkel und vor allem seiner beiden Urenkel bei sich. Ihre Existenz ist »mein persönlicher Sieg über die Nazis«. Zugewandtheit, Energie und Humor sind offenkundige Eigenschaften dieses Überlebenden. Bitterkeit ist es nicht. Doch kommt man auf den Glauben zu sprechen, wird Naor sehr ernst: »Ich habe Gott gefragt: Warum? – Ich warte noch auf die Antwort.« Und setzt nach: »Wie viel muss man sündigen, um so einen Preis zu zahlen? Was hat mein kleiner Bruder getan?« Darum sein Resümee: »Tradition ja, Religion nein.« Jiskor habe er jeden Tag: »Ich vergesse nicht. Ich denke an meine Mutter jeden Tag – auch als alter Mann.«

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