»Popetown

Jacky Cohen Superstar

von Tobias Kaufmann

Das Interessante an vielen Mediendebatten ist, daß man teilnehmen darf, ohne zu wissen, worum es geht. Dutzende Vertreter der großen Kirchen, aus Politik und Verbänden haben sich in den vergangenen Wochen empört über eine TV-Serie geäußert, die seit 3. Mai im Musiksender MTV zu sehen ist: Popetown. Die klamaukige Zeichentrickserie verhöhne religiöse Gefühle hieß es, das Münchner Ordinariat ging gerichtlich gegen Popetown vor, weil die Sendung geeignet sei, den religiösen Frieden im Land zu stören. CSU-Generalsekretär Söder forderte gar die Verschärfung des Blasphemie-Paragraphen im Strafgesetz.
Die meisten Äußerungen der Empörten bezogen sich jedoch offenbar auf eine Anzeige, mit der MTV für die Sendung geworben hatte. In ihr werden tatsächlich christliche Glaubensinhalte karikiert – unter dem Slogan »Lachen statt rumhängen« ist ein fröhlicher Jesus vor dem Fernseher zu sehen, das Kreuz hängt leer an der Wand. Von diesem später zurückgezogenen Motiv schlossen Gegner der Serie auf den Inhalt der Sendung. Ein Mißverständnis, das vermieden worden wäre, wenn sich Kirchenvertreter und Politiker die erste Folge der Serie einfach mal angesehen hätten, bevor sie sich öffentlich äußern. In Popetown kommen Witze wie in der Kreuz-Anzeige gar nicht vor.
Der Held in der ersten Episode im fiktiven Vatikan ist Jacky Cohen. Das jüdische Papstdouble aus Brooklyn muß einspringen, weil das infantile Original (ohne jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen) sich beim Versteckspiel (»Ich bin der Papst, ich muß nie suchen!«) in den Katakomben von Popetown verlaufen hat. Eigentlich war Cohen streng verboten worden, bei der Messe für behinderte Waisenkinder das Wort zu ergreifen. Doch er kann nicht widerstehen und legt mit jüdischen Witzen (»Kennen Sie meine Frau?« ...) einen Komikerauftritt der Spitzenklasse hin. Die Popetown-Kardinäle sind so begeistert, daß sie bei Cohen eine Papst-Comedy-Tournee für arme Kinder in Auftrag geben. Doch nicht alle sind zufrieden. An der Klagemauer schimpft ein Jude über die Chuzpe des Papstes, »unsere Witze zu stehlen«. Und der echte Popetown-Papst muß sich wie ein Superheld aus seinem Schicksal als Kinderarbeiter in der Popetown-Hostienfabrik befreien, in die er versehentlich geraten ist ...
Popetown ist Klamauk, mal albern, mal pubertär, mal originell. Doch weder ernsthafte Religionskritik noch Blasphemie sind zu erkennen. Kein Wunder, daß die Verbotsforderungen sofort nach der ersten Folge, die von einer Live-Diskussion begleitet wurde, vom Tisch waren. MTV wird die Serie weiter ausstrahlen. Die große Mehrheit der Zuschauer votierte dafür und die Quote war dank Empörungspublicity gut.

»Popetown«, Mi. und Sa. 21.30 Uhr auf MTV

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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