Schule

Iwrit: mangelhaft

von Sabine Brandes

Eliana ist 16 und in der neunten Klasse. Ihren Arm hebt sie schon lange nicht mehr. »Iwrit kann ich eh nicht«, sagt sie leise und schaut verlegen nach unten. Wenn sie im Unterricht drangenommen wird, kommt ganz schnell: »Ani olah chadaschah – ich bin Neueinwanderin«, noch be-
vor der Lehrer die Frage stellen kann. Doch Eliana ist nicht mehr neu. Sie kam vor fast vier Jahren aus der Ukraine nach Israel, gemeinsam mit ihrer Mutter und Großmutter lebt sie in einer kleinen Wohnung in Aschdod. Eliana liest und schreibt kaum Hebräisch. Wenn sie spricht, rollt der starke russische Akzent.
Wie sie ihren Schulabschluss nach der zwölften Klasse machen soll, weiß sie nicht. Und auch sonst scheint der Teen-ager ratlos. »Ich habe keine Ahnung, was ich hier soll«, klagt sie, zwar habe sie ein paar Freunde in der Schule, doch denen ginge es genauso wie ihr. »Die sind alle aus Russland gekommen.« In ihrer alten Heimat sei der Vater da gewesen und außerdem hätte ihr die Schule Spaß gemacht. Aber in Israel komme sie sich vor wie ein Dummkopf, weil sie diese Schrift nicht lernen kann.
39 Prozent aller Schulabbrecher seien Einwanderer, so eine Studie, die jüngst vom Bildungsministerium veröffentlicht wurde. Sie sollte aufdecken, ob Einwandererkinder und -jugendliche gefährdet sind, durch mangelnde Schulbildung am Rand der Gesellschaft zu enden. Das Ergebnis ist erschreckend: Einer von vier Olim-Teenagern bricht die Schule ab. Im Gegensatz zu einem aus zehn in Israel geborenen Schülern. Hinzu kommt die sogenannte »latente Abbruchrate«, Immigranten-Schüler mit sehr schlechten Zensuren. Hier beträgt die Zahl mehr als 40 Prozent.
»Die Probleme beginnen nicht erst, wenn die Jugendlichen von der Schule wegbleiben. Das ist nur der endgültige Bruch, meist beginnen sie aber mit der Ankunft hier, oder sie waren schon vorher da«, erklärt Siwan Cohen, seit 20 Jahren Lehrerin an einer Tel Aviver Mittelschule. Oft kämen diese Kinder aus problematischen Familien. »Arbeitslosigkeit, Geldnot, Einsamkeit und Verständigungsschwierigkeiten sind nur einige der Probleme mit denen die Menschen konfrontiert sind.« Wenn sich Mutter und Vater tagein, tagaus damit auseinandersetzen müssen, bliebe oft keine Zeit für die Kinder, weiß Cohen.
Eliana kennt das. Zu Hause kann ihr niemand helfen, weder ihre Mutter noch die Großmutter lesen Hebräisch, in der Familie wird russisch gesprochen. Beide Frauen arbeiten bis zum späten Abend. Eliana fühlt sich gänzlich allein. Sofort, wenn sie nach Hause kommt, fliegt der Ranzen in die Ecke, und die 16-Jährige sitzt bis abends vor dem Fernseher und schaut russische Seifenopern. »Die verstehe ich wenigstens.«
80 Prozent der Schulabbrecher hätten bereits vor dem endgültigen Aus regelmäßig mindestens einmal pro Woche gefehlt und seien durch Aggressivität oder Disziplinprobleme aufgefallen, gibt die Studie Aufschluss. »Oft sind klare Indikatoren da, die leider zu wenig beachtet werden«, ist Cohen sicher. Sie weiß, dass im Durchschnitt weniger als 40 Prozent aller Kinder von äthiopischen Olim mit erledigten Hausaufgaben in die Schule kommen. Bei den im Land geborenen Schülern seien es mehr als 70 Prozent.
Von einem Großteil der Schüler wurde bei der Befragung angegeben, dass sie sich in der Schule »einfach unwohl« fühlten und eine negative Einstellung der Lehrer spüren würden. Vielen wurde vor dem Bruch mit der Schule gesagt, dass sie einen oder mehrere Tage nicht zum Unterricht kommen dürfen, meist nach einem Disziplinproblem. »Unterrichtsausschluss ist eine weitverbreitete Strafe in Israel«, bestätigt die Lehrerin, »aber bei diesen Kindern ist es das absolut falsche Zeichen.«
Eliana geht regelmäßig zur Schule. Noch. »Aber manchmal bin ich kurz davor, nie wieder einen Fuß in den Klassenraum zu setzen.« Sie fühlt sich als Russin und nur zu einem kleinen Teil als Israelin.
»Alarmierend«, meinten Vertreter des Bildungsministeriums nach der Publikation der Studie und kündigten an, besondere Unterstützung für 9.000 Immigrantenkinder zu finanzieren. Zudem soll es ein Programm für die Förderung von israelischer und jüdischer Identität bei jungen Olim Chadaschim geben. Vielleicht fühlt sich dann auch Eliana in Israel ein bisschen mehr zuhause.

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