Musik

It must schwing

Für seine Verächter war der Jazz »Negermusik«. In der Tat haben afroamerikanische Musiker bei seiner Entwicklung eine zentrale Rolle gespielt. Doch Jazz hat auch eine jüdische Tradition. Das macht das diesjährige Jazzfest Berlin vom 4. bis 8. November eindrucksvoll deutlich, bei dem an das legendäre Label Blue Note erinnert wird, das die deutschjüdischen Emigranten Alfred Lion und Francis Wolff vor 70 Jahren in New York gründeten.
»It must schwing« war das deutsch-englische Motto der beiden, die im Berlin der Weimarer Ära mit amerikanischer Musik in Berührung gekommen waren. Sie verkehrten im Hot Club of Berlin, wo junge Leute sich trafen und gemeinsam Swingschallplatten aus Amerika hörten. 1933 wanderte Alfred Lion von Deutschland via Chile nach New York aus und gründete dort das Label Blue Note. Der Name bezog sich auf die »Blue Notes«, die für den Blues charakteristischen Töne kleine Terz, kleine Septime und verminderte Quinte. Francis Wolff folgte 1939 nach. Der gelernte Fotograf gab mit seinen Schwarz-Weiß-Bildern, aus denen die legendären Blue Note-Covers entstanden, dem Label sein unverwechselbares Gesicht. Bald hatten sich die beiden Einwanderer einen so guten Ruf in der amerikanischen Szene erarbeitet, dass die besten Jazzer der Zeit in ihr entlegenes Tonstudio in Hackensack/New Jersey kamen: Sidney Bechet, Miles Davis, John Coltrane, Thelonious Monk, Bud Powell, Art Blakey, Sonny Rollins. Die Liste, mit denen das Gespann Lion/Wolff Aufnahmen gemacht hat, liest sich wie ein Who-is-Who des Jazz.
Doch Blue Note ist nicht bloß Geschichte, sondern auch musikalische Gegenwart. Dafür steht der Pianist Aaron Parks aus New York, der am 7. November im Glashof des Jüdischen Museums auftreten wird. Parks’ aufsehenerregendes Debüt Invisible Cinema ist voriges Jahr erschienen. Der 26-Jährige gehört zu der Generation junger Musiker, die dem alten Schlachtross Jazz gehörig die Sporen geben, indem sie es über einen Parcours aus allerlei Stilen jagen. Ähnliches gilt für den jungen Pianis-ten Yaron Herman, von dem bereits die zweite CD (wenn auch nicht bei Blue Note, sondern bei Laborie Records) erschienen ist. Der Israeli mit Wohnort Paris spielt, wie Aaron Parks, in einem Trio, zu dem der Bassist Matt Brewer zählt. Herman spielt am 5. November im Glashof.
Zur jungen jüdischen Musikergarde, die dieses Jahr zum Jazzfest eingeladen wurde, gehört auch die israelische Posaunistin Reut Regev mit ihrer Band R*Time. Regev ist Teil der New Yorker Szene und hat dort nicht nur mit Altmeistern wie Anthony Braxton gespielt, sondern auch mit Frank London, dem Trompeter der Klezmatics. Sie ist am 5. November im ATrane zu hören, begleitet von ihrem israelischen Landsmann, dem Schlagzeuger Igal Foni. Schlagzeuger ist auch der Israeli Asaf Sirkis von Tim Garlands Lighthouse Trio, das am 6. November im Quasimodo spielt. Eingeladen nach Berlin worden sind auch jüdische Jazzveteranen wie Elliott Sharp, eines der Urgesteine der New Yorker Downtown- Avantgarde. Er tritt als Special Guest des elfköpfigen Barry Guy New Orchestra auf, das bei der Verleihung des Deutschen Jazzpreises 2009 am 6. November im Haus der Berliner Festspiele auftritt. Dort ist am 8. November auch das Duo aus der Sängerin Sheila Jordan und dem Pianisten Steve Kuhn zu hören.
Um Blue Note und die jüdischen Seiten des Jazz geht es auch im Jüdischen Museum Berlin. Dort werden die schönsten Fotografien von Francis Wolff ab dem 30. Oktober bis zum 7. Februar in einer Ausstellung zu sehen sein. Sie sind Teil einer 30.000 Stück umfassenden Sammlung, die Wolff und der heutige Blue-Note-Hausfotograf Jimmy Katz im Laufe der Jahrzehnte geschossen haben. Und am 1. Oktober um 12.30 zeigt der Martin-Gropius-Bau den Dokumentarfilm Blue Note – A Story of Modern Jazz von Julian Benediktin seinem Kinosaal. Jonathan Scheiner

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