Maxim Biller

Israel, ich komme!

von Michael Wuliger

Wirklich wohlgefühlt in Deutschland hat sich Maxim Biller nie. Seit er als Zehnjähriger 1970 mit seinen Eltern aus Prag nach Hamburg übersiedelte, empfindet er sich hier als fremd. »Ich habe in diesem Land Abitur gemacht, ich habe hier Haschisch geraucht und Sex gehabt, ich habe tausendzweihundert NDR-Talkshows gesehen und seit 1970 jede Tatort-Folge, ich war Gladbach-Fan und Bayern-Hasser. ... Aber ein Deutscher wollte ich nie werden«, schrieb er 2001 in seiner Aufsatzsammlung Deutschbuch. Grund dafür sei – wie könnte es anders sein – die Schoa und der deutsche Umgang damit. »Die Deutschen haben wegen der toten Juden keine einzige Träne vergossen. Sie haben die Wochen der Brüderlichkeit genauso kalt und generalstabsmäßig abgewickelt wie die Expo oder den Polenfeldzug.«
So und ähnlich konnte man es bei Biller schon öfter lesen. Sensationell war es also nicht, als der Schriftsteller jetzt in der Jubiläumsausgabe der Zeitschrift Tempo äußerte, die deutschen »Fahnenschwinger« im patriotischen WM-Taumel des Sommers seien Leute, denen »Hitler als Großvater nicht mehr peinlich ist«. Und im Libanonkrieg hätten deutsche »Freunde und Feinde der Vergangenheitsbewältigung« zum ersten Mal laut gesagt, was sie früher nur gedacht hätten: »daß Israel, der Jude unter den Nationen, hoffentlich bald vom Globus verschwindet«. Ähnliches hat Biller schon zu früheren vergleichbaren Anlässen sinngemäß geschrieben. Lediglich die Feindnamen – Hans Ulrich Jörges (»Stern-Chefideologe«), Jürgen Busche (»Habermas-Hasser«, Joachim Fest (»der neue Graf Stauffenberg«) sowie die gesamte Spiegel-Redaktion (»nationalrevolutionäre Eiferer«) – waren aktuell.
Nichts Neues also unter der deutsch-jüdischen Literatensonne. Wäre da nicht die Schlußankündigung. Biller hat die Schnauze endgültig voll und zieht die Konsequenzen: »Ich, der ich immer ein so guter Deutscher war, habe ... beschlossen, aus Deutschland wegzugehen. Ich werde dorthin zie- hen, wo Autobusse in die Luft fliegen und Katjuschas vom Himmel regnen. Aber es wird mir trotzdem besser gehen.«
Sowas ist, wenn nicht gerade Wichtigeres passiert, eine kleine Meldung wert. Die Deutsche Presseagentur ließ prompt auch Nicht-Tempo-Leser an Billers Entschuß teilhaben. Doch kein Aufschrei ging durch die Feuilletons. Der Zentralrat der Juden äußerte keine Betroffenheit. Der Staat Israel hieß seinen prospektiven Neubürger nicht öffentlich willkommen. Billers angekündigte Alija wurde in den meisten Medien nur pflichtgemäß und kurz vermeldet. Genausogut hätte in China ein Sack koscherer Reis umfallen können. In den wenigen Blättern, denen Maxim Billers 100 Zeilen Haß (so der Titel der Kolumne) nähere Betrachtung wert war, fiel das Echo nicht sehr mitfühlend aus. Wo Biller, »Deutschland zänkischster Schriftsteller« wohnen wolle, sei seine Privatsache, schrieb die Welt. Er möge aber doch bitte nicht das fragile deutsch-israelische Verhältnis und das behutsam neuentstehende jüdische Leben zum »Gegenstand seiner Schaumschlägerei« machen. Spiegel online attestierte Biller »Charakterlosigkeit, intellektuelle Inkompetenz« und »grenzenlose Selbstliebe, die in der Welt kein angemessenes Echo findet«. Selbst die Süddeutsche Zeitung, die als fast einzige den Tempo-Text inhaltlich positiv wertete, apostrophierte den Verfasser als »Groß-Hysteriker«. Sie stellte auch die entscheidende Frage zu Billers angekündigter Auswanderung: »Ob’s aber wahr ist?« Auf dpa-Nachfrage wollte Biller jedenfalls nicht sagen, wann genau er Deutschland wirklich verlassen will.

Leipzig

Gegensätzliche Nahost-Demos linker Gruppen 

Ein Team des MDR wurde aus der antiisraelischen Demo heraus angegriffen

 17.01.2026

TV-Tipp

Als David Bowie weinte: Arte-Doku beleuchtet die Schattenseiten eines musikalischen Genies

Oft feiern Filmporträts ihre Protagonisten mehr oder weniger unkritisch. Eine Arte-Doku über Popstar David Bowie wählt einen anderen Weg - und ist genau deshalb so gelungen

von Manfred Riepe  14.01.2026

Brandenburg

»Was soll der Scheiß?«: Nach Brandanschlag - Büttner übt scharfe Kritik an Linken-Spitze

Die Hintergründe

 10.01.2026

Antisemitismus

Die kruden Thesen eines AfD-Abgeordneten

Ein AfD-Parlamentarier teilte einen Instagram-Post, in dem die Rothschild-Familie mit dem Untergang der »Titanic« 1912 in Verbindung gebracht wird

 08.01.2026

Brandenburg

Generalstaatsanwaltschaft übernimmt Ermittlungen nach Anschlag auf Büttner

Nach dem Brandanschlag und die Morddrohung gegen den Antisemitismusbeauftragten haben die Ermittler eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro für Hinweise ausgesetzt

 07.01.2026

Potsdam

Antisemitismusbeauftragter erhöht Sicherheitsvorkehrungen

Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner ist immer wieder Drohungen ausgesetzt. Nach einem Brandanschlag und einer Morddrohung per Brief verschärft er nun Sicherheitsmaßnahmen. Die Solidaritätsbekundungen für ihn reißen nicht ab

 07.01.2026

Westjordanland

Netanjahu schreibt Siedlergewalt einer »Handvoll Kids« zu

Nach Kritik der Trump-Regierung an Israels Vorgehen in der Westbank wiegelt Israels Premierminister ab - und zieht noch mehr Kritik auf sich

 01.01.2026

Israel

Israel führt Gedenktag für marokkanische Juden ein

Die Knesset hat beschlossen, einen Tag zur Erinnerung an die marokkanisch-jüdische Einwanderung zu schaffen

 31.12.2025

Gaza

37 Hilfsorganisationen in Gaza und im Westjordanland droht Lizenz-Entzug

Israel will sich vor Terrorverbindungen in Hilfsorganisationen schützen. Die Einrichtungen warnen vor humanitären Konsequenzen

 31.12.2025