dialog

In aller Offenheit

Das Minarettbauverbot in der Schweiz hat auch bei Juden Kritik ausgelöst (vgl. S. 2). Die Europäische Rabbinerkonferenz, der European Jewish Congress und jüdische Studentenverbände haben den Volksentscheid der Eidgenossen verurteilt. Und der Zentralrat der Juden in Deutschland hat das Abstimmungsergebnis als Ausdruck von tief greifenden Ressentiments gegen Muslime kritisiert.
Diese Reaktionen kommen nicht von ungefähr. Aus jüdischer Sicht ist jede Art von Fremdenfeindlichkeit oder Diskriminierung zu ächten. Wenn Juden den Ausgang des Referendums ablehnen, geht es keineswegs nur um die Angst, unsere Religion könnte ebenfalls ins Visier radikaler Fremdenfeinde geraten. Vielmehr wollen wir auch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung bewahren. Dazu gehört die Meinungsfreiheit ebenso wie der Schutz der Würde jedes Menschen und der Religionsfreiheit in ganz Europa.
Wir erklären uns dadurch aber auch solidarisch mit der muslimischen Religionsgemeinschaft – und das nicht zum ersten Mal. 1992 verurteilte der damalige Präsident des Zentralrats Ignatz Bubis sel. A. den feigen rechtsextremistischen Brandanschlag und Mord an drei Türkinnen in Mölln. Nachdem die ägyptische Pharmazeutin Marwa el-Sherbini in einem Dresdner Gerichtsgebäude im Juli erstochen wurde, war es dem Zentralrat ein wichtiges Anliegen, seine Verbundenheit mit den Muslimen in Deutschland zum Ausdruck zu bringen.
In der deutschen Mehrheitsgesellschaft, aber auch in den eigenen Reihen, lösen solche Gesten mitunter Verwunderung aus. Ganz, als müssten Juden antiislamisch »programmiert« sein. Eine solche Annahme zeugt von tiefem Unverständnis des Judentums. Aus jüdischer Sicht ist der Islam eine Religion, die es zu respektieren gilt. Es gibt Gemeinsamkeiten, die – ohne den Unterschied zwischen den beiden Religionen verwischen zu wollen – einen Dialog erleichtern. Wir haben zudem volles Verständnis für den Wunsch der meisten Muslime, sich in die europäische Gesellschaft zu integrieren, ohne sich jedoch dabei assimilieren zu müssen.
Dass jüdisch-muslimische Zusammenarbeit auch auf höchster politischer Ebene funktioniert, zeigt übrigens die seit Jahren bestehende strategische Allianz zwischen der islamischen Türkei und dem jüdischen Staat Israel. Wohl wahr: In den vergangenen Monaten haben Streitigkeiten zwischen Jerusalem und Ankara Schlagzeilen gemacht. Doch unterscheidet sich die türkische Kritik inhaltlich kaum von dem, was auch in einigen europäischen Ländern oder an manchen Universitäten der USA zu hören ist. Und dennoch hat Ankara stets eine wichtige und konstruktive Vermittlerrolle gespielt. Nicht zu vergessen auch, dass die Türkei während des Zweiten Weltkrieges zur Rettung von Juden auf der Flucht vor den Nazis Erhebliches geleistet hat.
All das bedeutet nicht, dass es im jüdisch-muslimischen Verhältnis in Deutschland keine Probleme gäbe. Antisemitismus unter Muslimen ist in der Bundesrepublik nichts Unbekanntes. In islamistischen Kreisen wuchern bösartige antijüdische Vorurteile wie ein Geschwür. Im Internet und in manch einer Hinterhofmoschee wird zu Gewalt und Terror gegen Juden ebenso aufgerufen wie zur Vernichtung des Staates Israel.
Gewiss, Auswüchse gibt es überall. Allerdings vermissen wir eine umfassendere und eindeutigere Verurteilung des islamistischen Antisemitismus durch muslimische Geistliche, Organisationen und Politiker. Es genügt eben nicht, selbst keine Hetzreden zu halten. Demokratische Gesinnung verlangt auch eine tatkräftige Auseinandersetzung mit Extremisten in den eigenen Reihen und konsequente Erziehung zur Toleranz. Hier bestehen erhebliche Defizite.
Mangelnde Distanzierung von der militant-fundamentalistischen Minderheit löst aber nicht nur unter Juden, sondern auch in der europäischen Gesellschaft allgemein Ängste aus und behindert so die Integration. Daher muss die Mehrheit der muslimischen Bürger für jedermann sichtbar machen, dass auch sie den radikalen Islamismus als einen Feind der Koexistenz und ihrer eigenen Religion ablehnen. Wer das nicht klarstellt, bietet Islam-Hassern eine Steilvorlage.
Die Stimmung in der Schweiz ist sicherlich kein Einzelfall in Europa. Da helfen Debatten über den Sinn von Volksbefragungen wenig. Vielmehr ist es an der Zeit, die Ängste der Mehrheitsgesellschaften ernst zu nehmen. Die Grundsatzdebatte, wie sich das Gefühl der Furcht abbauen lässt, muss mit Respekt, aber auch mit schonungsloser Offenheit geführt werden. Ziel ist es, Vorurteile aufzulösen. Jeder Versuch, sie totzuschweigen oder schönzureden, richtet nur weiteres Unheil an.

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