Antisemitismus

Immer die Juden

von Michael Wuliger

Was haben der Tsunami von 2004, die Lewinsky-Affäre 1998 und der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center 2001 gemeinsam? Alle drei sind jüdische Verschwörungen. Millionen, wenn nicht gar Milliarden Menschen weltweit glauben das, in muslimischen Ländern genauso wie in Europa und Amerika.
Aktuelle Formen des Antisemitismus dokumentiert jetzt eine kleine Ausstellung, die das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung gemeinsam mit der israelischen Schoa-Gedenkstätte Jad Vaschem erarbeitet hat. Im Lichthof des Auswärtigen Amts sind auf einem guten Dutzend Stelltafeln Beispiele des modernen Judenhasses zu sehen. Der unterscheidet sich von seinen klassischen Vorläufern, sagt Juliane Wetzel, die die Schau mit konzipiert hat. Der gegenwärtige Judenhass ist nicht mehr Monopol der extremen Rechten. Die ist zwar immer noch aktiv und in der Ausstellung mit ihren »klassischen« Themen und Aktivitäten vertreten – Holocaustleugnung und Friedhofsschändungen. Doch den Neonazis hinzugesellt haben sich mittlerweile auch Teile der globa- lisierungskritischen Linken: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2003 tanzten zwei als Scharon und Rumsfeld verkleidete Demonstranten um ein Goldenes Kalb; die Rumsfeldfigur trug auf der Brust einen Judenstern. Und in Hamburg demonstrierten »Antiimperialisten« unter dem Motto »Boykottiert das 4. Reich Israel«.
Der Spruch steht idealtypisch für den linken Judenhass: Israel als Feindbild wird mit dem Nazismus gleichgesetzt, die Schoa relativiert. Eine Denkfigur, die längst auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Dort rekurriert man mittlerweile auch wieder auf christlich-antijudaistische Traditionen. Der Spiegel etwa, der 2002 den Nahostkonflikt auf dem Titelbild mit »Auge um Auge – der biblische Krieg« kennzeichnete.
Seine größte Massenbasis hat der Judenhass heute in der islamischen Welt. Dort feiern traditionelle Topoi wie die »Weisen von Zion« oder Ritualmordlegenden fröhlich Urständ. Judenbilder, die eins zu eins dem Stürmer entnommen sein könnten, sah man nicht nur beim iranischen Holocaust-Karikaturenwettwerb im vorigen Jahr; sie tauchen immer wieder in arabischen und türkischen Mainstreammedien auf, die auch unter Migranten in der Bundesrepublik verbreitet sind.
Die Idee, all das in einer Ausstellung zu präsentieren, hatte der damalige israelische Diasporaminister Nathan Scharanski 2004 nach der Berliner OSZE-Konferenz über Antisemitismus. Deren Debatten sollten nicht auf einen kleinen Kreis von Fachleuten und Politikern beschränkt bleiben, sondern möglichst vielen »normalen« Menschen vermittelt werden.
Ob diese Schau das leisten kann, muss sich noch zeigen. Bei aller inhaltlichen Breite und Tiefe ist sie in der Präsentation nicht gerade benutzerfreundlich. Das einzige Gestaltungsmittel sind die Stellwände mit ihren verhältnismäßig kleinen Bildern; das wirkt schon auf kurze Dauer monoton. Die erläuternden Texte haben einen etwas pädagogischen Unterton.
Hinzu kommt der Standort: Wer sich die Ausstellung anschauen will, muss erst einmal durch eine Sicherheitskontrolle. Spontaner Neugier ist das eher unzuträglich. Zumindest in dem Punkt können die Veranstalter noch einiges verbessern, wenn die Schau anschließend in der Technischen Universität Berlin, in Magdeburg, München und Halle Station macht. Es wäre schade, wenn sie das selbe Schicksal hätte, wie manch andere gut gemeinten Initiative, die nur den schon Bekehrten predigt.

»Antisemitismus? Antizionismus? Israelkritik?« Lichthof des Auswärtigen Amts, Berlin Werderscher Markt, 2. bis 19. August
www.tu-berlin.de/~zfa

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