Antisemitische Tendenzen

Immer die Juden

von Michael Wolffsohn

Es brennt, Brüder, es brennt. An-
schläge auf Synagogen sind Antisemitismus, kein Antiisraelismus. Antisemitismus-»Experten« erklären uns: Der Judenhass wäre in den vergangenen 20 Jahren nicht stärker geworden. Sie berufen sich auf Umfragen. Umfragen bezie-
hen sich aufs Denken, die Zahl der Gewaltakte auf Handlungen. Auf dem Weg vom antisemitischen Denken zur Tat gibt es Zwischenschritte: das gesprochene, geschriebene oder mediale Wort, dann Demonstrationen und schließlich die Tat.
»Die Gedanken sind frei«, Gewalt ist strafbar, sie trifft unsere Existenz. Gewalt betrifft das Sein, Gedanken den (Un)Sinn. Antisemitisches Gedankengut blieb kons-tant, die Zahl antijüdischer Gewaltakte stieg. Wir Juden beklagen uns nicht über den Anstieg des gefühlten Antisemitismus, sondern über nachweisbare Tatsachen.
Uralt ist der Hass der Nazi-Rechten. Je-
der Anlass ist ihnen willkommen, um den Juden zum Sündenbock zu stempeln, besonders in Krisenzeiten. Wir leben in Krisenzeiten, in einer Wirtschaftskrise, die zugleich eine Systemkrise ist. Unsere großen Parteien repräsentieren dieses System als große Koalition. Unzufriedene wechseln deshalb zu den Kleineren. Die ganz Unzufriedenen möchten das System än-
dern. Sie wählen Anti-System-Parteien. Diese finden sie nazi-rechts und (post)-kommunistisch links. Bei Nazi-Rechten finden sie Antisemitismus. Folgerichtig werden neurechte Systemgegner Antisemiten.
Altbekannt ist die Allianz von Alt- oder-Neu-Nazismus und Islamismus. Obwohl Adolf Hitler Araber »lackierte Halbaffen« nannte, welche »die Knute spüren wollen«, nahm er ab 1941 islamisch-arabische Kriegs- und-Holocaust-Hilfe an. Auf Anti-Israel-Demos wird die traditionelle deutsch-arabische Freundschaft bis heute erneuert. Geschichtslose Denker kennen nicht die alten Henker. Hitler, Husseini, Hamas und Hisbollah – verschiedene Akteure, ein Ziel.
Die rechtsdeutsche Freundschaft mit jenen vier Hs wurde von links um ein fünftes erweitert: Habasch, den palästinensischen Terroristen. Zu ihm, Arafat & Co. stießen im Libanon und (Süd-)Jemen in den 70/80er-Jahren Linksterroristen der RAF. Mit dabei waren deutsche Neonazis. Einer, Gundolf Köhler, verübte im September 1980 das Oktoberfest-Attentat in München. Die Wehrsportgruppe Hoffmann er-
mordete im Dezember 1980 den jüdischen Repräsentanten und Verleger Shlomo Le-
vin sowie seine Lebensgefährtin Frieda Poeschke in Erlangen.
Zu jener »Palästina-Party« gehörte Horst Mahler, konsequent antijüdisch, damals ganz links, heute ganz rechts. 1987 wurde Horst Mahler wieder als Anwalt zugelassen. Sein damaliger Anwalt: Gerhard Schröder. Als Bundeskanzler ging dieser zu Israel auf Offensiv-Distanz. Bald reist er zu Ahmadinedschad in Teheran.
Wer kann die Juden- und Israelfeindschaft des Alt-Kommunismus, der UdSSR und der DDR/SED bestreiten? Nur Ideologen und Kenntnislose. Sowjets und DDR/
SED hatten die antijüdische Terror-Internationale massiv unterstützt. Verbale Schützenhilfe kam von Neulinken, die auf Deutschlands Straßen »USA/SA/SS« schrien und Israel verdammten. Heute sitzen viele an politischen und medialen Hebeln der Republik. Wurden sie unsere Freunde? So wenig wie Alt-Christen. Für sie sind Juden und Israel identisch. Einige dieser vor- und gegen-konziliaren Katholiken leugnen so-
gar den Holocaust.
Fazit: Nichts ist neu an Antisemitismen und Antisemiten, ihren Mit- und Nachläufern oder Abwieglern, die nicht verstehen, dass manchmal ein Kleinkrieg nötig ist, um die Katastrophe zu verhindern. Das haben wir Juden aus der Geschichte gelernt. Selbst unsere Freunde verstehen das oft nicht. Neu sind die Anlässe, jetzt Gasakrieg und Systemkrise. Immer neu ist das Gefühl des Gleichzeitigen: »Jetzt wird’s schlimmer.« Wirklich neu ist, dass derzeit aus allen antisemitischen Rohren gleichzeitig geschossen wird. Sie kommen hierzulande noch von der Minderheit. Auch wir können vermeiden, dass es die Mehrheit wird.
Was tun, Juden? Nichtjüdische Freundschaften hegen und Israel festigen, um nicht das Gnadenbrot der Toleranz essen oder gar Koffer packen zu müssen.

Der Autor lehrt als Historiker an der Universität der Bundeswehr in München und ist Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde.

In eigener Sache

Volontär/in gesucht

Wir suchen zum 15. Oktober 2026 einen Volontär (m/w/d) in Vollzeit

 06.07.2026

Holzstörche zur Geburt in Niederösterreich. Noch immer werden neben den klassischen Namen viele biblische Namen den Kindern gegeben.

Statistik

Diese hebräischen Vornamen in Österreich sind am beliebtesten

Österreichische Eltern wählen gern Klassiker. Unter den Top Ten sind auch viele Namen biblischen Ursprungs

von Nicole Dreyfus  04.07.2026

Bundesamt für Statistik

Dieser hebräische Vorname ist am beliebtesten bei Schweizer Eltern

Auch in der Schweiz wählen Eltern weiterhin häufig biblische Namen für ihr Neugeborenes

von Nicole Dreyfus  04.07.2026 Aktualisiert

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 04.07.2026 Aktualisiert

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026