Mea Schearim

Im Schtetl geblieben

von Jonathan Rosenblum

Vor Kurzem wurde ich gebeten, vor einer Gruppe Journalisten über die charedische (orthodoxe) Gemeinde in Israel zu sprechen und mit ihnen eine Tour durch Mea Schearim zu machen. Die zweite Bitte lehnte ich ab. Eine solche Führung, gab ich zur Begründung, würde lediglich eins der weitverbreitetsten Vorurteile über die Welt der Charedim verfestigen – dass Mea Schearim der Inbegriff des charedischen Judentums sei, sie zumindest aber in ihrer reinen, sich selbst treu gebliebenen Form repräsentiere.
Mea Schearim ist in vieler Hinsicht einzigartig – in Sprache und Verhalten und aufgrund der historischen Erinnerungen, die die Gemeinde prägen. Außerhalb der chassidischen Welt erlebt das Jiddische in der charedischen Gemeinde einen unaufhaltsamen Niedergang. So kann der überwiegende Teil der derzeitigen israelischen Jeschiwa-Studenten Jiddisch weder sprechen noch verstehen. Doch in Mea Sche-arim ist es Lingua franca geblieben. Während die überwältigende Mehrheit der wahlberechtigten Charedim an Wahlen teilnimmt, gehen die meisten Bewohner von Mea Schearim nicht wählen.
Am wichtigsten aber ist, dass eine andere Vergangenheit, eine andere Geschichte den Geist von Mea Schearim prägte. Ihre Bewohner vertreten den sogenannten Al-
ten Jischuw, der ein Jahrhundert lang ge-
gen die zionistischen Eindringlinge kämpfte. Es ist eine Gemeinde, die sich von der Außenwelt belagert wähnt.
Obgleich auch die übrige charedische Gemeinde dem Zionismus gegenüber eine feindliche Ideologie vertrat, wurde ihre historische Erinnerung nicht annähernd im gleichen Ausmaß wie die des Alten Jischuw von dem 100-jährigen Krieg gegen den Zionismus geprägt. Rabbi Avraham Yeshazahu Karelitz (allgemein be-
kannt unter Chazon Ish, dem Namen seines vielbändigen halachischen Werks) kam in den 30er-Jahren aus Europa nach Palästina und stieg in kurzer Zeit zum ideologischen Führer des »Neuen Jischuws« auf. Bei einer Gelegenheit bezeichnete er die selbst ernannten »Zeloten« als Juden aus der Zeit vor Matan Tora (der Überreichung der Tora). Damit meinte er, dass sie nicht mehr in der Lage seien, eine Vielzahl von Faktoren gegeneinander abzuwägen, wie es die Tora fordert.
Der Nachfolger von Chazon Ish als ideologischer Führer der Jeschiwa, Rabbi Me-
nahem Schach, stellte fest, dass eine allzu intensive Konzentration auf den Kampf gegen den Zionismus, genau wie eine allzu intensive Konzentration auf die Heiligkeit des Landes, unvermeidlich zu einer Verzerrung der Tora führt.
Den geschilderte historische Hintergrund zu kennen ist notwendig, um einen innerhalb der charedischen Gemeinde ausgetragenen Streit zu verstehen. Auf der einen Seite gibt es eine kleine Minderheit, der die Reaktionen ihrer jüdischen Mitbrüder auf ihr Tun gleichgültig ist. Diese Gruppe sieht sich schon so lange als belagerte Minderheit, dass sie das Gefühl der Verbundenheit mit dem jüdischen Volk als Ganzes verloren hat. Welche Auswirkungen die Taten ihrer Mitglieder darauf haben, wie die Tora und toragläubige Juden wahrgenommen werden, kümmert sie wenig.
Sie richten stattdessen ihre ganze Energie auf den Schutz des eigenen Gebiets gegen das Eindringen von Fremden. In den vergangenen Jahrzehnten waren sie dabei, als auf der Straße nach Ramot Steine geworfen wurden, und sie standen im Mittelpunkt der Auseieinandersetzungen auf der Jerusalemer Bar-Ilan-Straße, was zur Folge hatte, dass in den Augen der breiteren israelischen Öffentlichkeit die Charedim als solche zu einem Greuel wurden. Und noch vor Kurzem war eine jüngere Generation, die von Jerusalem nach Ramat Beit Schemesch umgesiedelt ist, an einer Reihe gewalttätiger Konfrontationen beteiligt, was nicht nur ihre säkularen und nationalreligiösen Nachbarn gegen sie aufbringt, sondern selbst ihre charedischen Nachbarn oben auf dem Hügel.
Der Chazon Ish, der sich bewusst dafür entschied, Bnei Brak zu seinem Zuhause zu machen, vertrat eine entgegengesetzte Haltung. Er betonte die Pflicht für Mizwa-gläubige Juden, ihre jüdischen Mitbrüder der Tora zuzuführen. Und er ließ auch keinen Zweifel daran, dass dies heute – in einer Zeit, in der die göttliche Vorsehung nicht länger manifest ist – nur durch die Bande der Liebe möglich ist.
Einmal fragte ihn ein Rabbiner, ob er es zulassen solle, dass Schabbatschänder in seiner Synagoge zur Tora gerufen werden. Der Chazon Isch erwiderte, dass der Brauch, Menschen, die den Schabbat nicht heiligen, nicht zur Tora zu rufen, in der Vergangenheit seine Berechtigung hatte, als nur wenige Juden die Tora missachteten, weshalb die Verweigerung der Alijah sie dazu bringen vermochte, Buße zu tun. Wenn jedoch diejenigen, die sich über die Gebote der Tora hinwegsetzen, in der Mehrheit sind, würde eine solche Strafe ihren Hass nur noch weiter anfachen.
Ebenso entschied er, dass die im Talmud beschriebene äußerst harte Haltung gegenüber jenen, die öffentlich gegen die Tora verstoßen, in einer Zeit berechtigt war, in der Wunder etwas Alltägliches waren und sich Übertreter des Gesetzes im offenen Aufruhr gegen Gott befanden. In unserer Zeit hingegen, in der die Anwesenheit Gottes verborgen ist, würde eine solches Vorgehen von den meisten als Akt der Grausamkeit angesehen. Da der ganze Zweck der Strafe darin bestand, Lücken im Zaun der Mizwa-Befolgung zu reparieren, habe es keinen Sinn, sie anzuwenden, wenn dadurch diese Lücken nur verbreitert würden. Alles, was den religiösen Juden zu tun bleibt, schrieb der Chazon Ish, ist, ihren Mitbrüdern das Licht der Tora zu zeigen, so gut sie es vermögen.
In heutiger Zeit verkündete Rabbi Yo-
sef Shalom Elyashiv, man müsse den Studenten einimpfen, dass das Gebot »Der Name des Himmels soll durch deine Taten geliebt werden« eines der Hauptziele einer charedischen Erziehung sein sollte. (Rabbi Elyashiv wohnte übrigens Zeit seines Le-
bens in Mea Schearim. Wir sprechen hier über Archetypen, die nur grob durch einen bestimmten geografischen Ort gekennzeichnet sind.)
Keiner kann behaupten, dass irgendein Segment der charedischen Öffentlichkeit vollkommen nach dem von Rabbi Elya-
shiv zitierten talmudischen Diktum lebte. Dennoch ist das Ergebnis des Konflikts zwischen diesen entgegengesetzten Einstellungen innerhalb der charedischen Welt von größter Wichtigkeit, nicht nur für die Charedim selbst, sondern für die gesamte jüdische Gemeinschaft, die es bitter nötig hätte, von der Leidenschaft der Charedim für das Jüdischsein mitgerissen zu werden.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.jewishmediaresources.com

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