abrechnung

Im Bett mit Bernie

Von schmutziger Wäsche versteht Sheryl Weinstein etwas. Sie ist Verlegerin von »Laundry Today«, einer Fachzeitschrift für das chemische Reinigungsgewerbe. Das erklärt einiges. So wie manche Feuerwehrleute heimlich gerne zündeln, möchte wahrscheinlich, wer von Berufs wegen ständig mit anderer Leute Dreck zu tun hat, irgendwann auch mal selbst welchen produzieren. Misses Weinstein hat ein Buch geschrieben (oder von einem Ghostwriter schreiben lassen). In Madoff’s Other Secret: Love, Money, Bernie, and Me wird enthüllt, dass die Dame mit dem Milliardenbetrüger geschlafen hat. Das war 1993, als sie Schatzmeisterin der ansonsten untadeligen jüdischen Frauenorganisation Hadassah war. Die hatte Spendengelder bei Madoff investiert. (Übrigens sehr profitabel: Aus einer Anlage von 40 Millionen US-Dollar machte Bernie innerhalb weniger Jahre 130 Millionen. Die Damen hätten sich ruhig mal bedanken können.)
Sheryl jedenfalls lernte damals Bernie kennen, und die beiden entdeckten Anknüpfungspunkte über das rein Berufliche hinaus. Sie trafen sich zu Abendessen in Restaurants, schmusten miteinander, knutschten (»Bernie war ein fantastischer Küsser«) und landeten schließlich im Willard Interconti in Washington im Bett. Hier erlitt Mrs. Weinstein dann einen ähnlichen Schock wie Bernies Investoren 15 Jahre später: Es war weit weniger da, als erwartet. »Der Mann war nicht sehr gut gebaut«, verrät sie in dem Buch. Bernies Penis »war nicht nur kurz geraten, sondern auch von geringem Durchmesser«. Trotzdem schaffte Madoff es, sie in Verzückung zu bringen: »Wenn wir Liebe machten, war ich entflammt.« Offenbar war der Mann nicht nur geschickt im Manipulieren von Finanztransaktionen. Oder lag es an den Joints, die die beiden vor dem Sex immer rauchten?
Vielleicht ist aber doch mehr dran. Von Bernies kleinem Schlong führt nämlich, glaubt Sheryl, eine direkte Linie zu seinen großen Unterschlagungen. Wie alle guten Amis verfügt Mrs. Weinstein über solides psychologisches Klappentextwissen. »Seine Betrügereien haben ihren Ursprung in einem Gefühl von Unzulänglichkeit«, erzählte sie dem US-Magazin Time.
Oy, Gewalt! Wer will das wissen? Bei allem Verständnis für Sheryls finanzielle Nöte – »Ich habe keine Kunstwerke, ich habe keinen Schmuck. Das Einzige, das ich verkaufen kann, ist meine Story«: Was zwischen Mann und Frau im Bett passiert, geht nur sie etwas an. Vor allem, wenn die Frau inzwischen trotz Botoxinjektionen sichtbare 60 Jahre alt ist. Hat Mrs. Weinstein nie an ihre Enkel gedacht? Die werden jetzt bestimmt in der Schule wegen ihrer voll peinlichen Oma gehänselt.
Und was sagt Mister Weinstein zu den Amouren seiner Gattin? Glücklich sei er damit natürlich nicht, erzählte der Gehörnte einem US-Onlinemagazin. Trotzdem hoffe er, dass das Buch sich gut verkauft, denn: »Die Hälfte der Gewinne be- komme ich!« Da haben sich zwei gefunden, die zueinander passen.
Dabei ist nicht einmal sicher, ob die Geschichte überhaupt stimmt. Bernard Madoff jedenfalls hat über seinen Anwalt dementieren lassen, dass er mit Sheryl Wein- stein je etwas hatte. So tief gesunken sein will er bei allen eingestandenen Gaunereien nun doch nicht.
Sheryl beschreibt den Tag, an dem sie ihren Ex-Lover (»dieses Monster, dieser Horror, dieses Biest«) kennenlernte, als »den unglückseligsten Tag meines Lebens«. Für die lesende Öffentlichkeit war dieser Tag der 25. August 2009, als Madoff’s Other Secret: Love, Money, Bernie, and Me auf den Markt kam.
Wenn das Misses Sheryl Weinsteins Buch des Lebens ist, wird es an den Hohen Feiertagen nicht reichen, darin nur eine neue Seite aufzuschlagen. Der ganze Band gehört schnellstmöglich remittiert. Michael Wuliger

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