Hilde Domin

»Ich nannte mich nach einer Insel«

von Hans-Ulrich Dillmann

Die »adoptierte Poetin« kündigte die dominikanische Tageszeitung El Caribe ihren Bericht über den Tod der deutsche Lyrikerin Hilde Domin sel. A. auf der Titelseite an. »Die Frau, die unser Land liebte«, sei in Heidelberg im Alter von 96 Jahren gestorben. Fast 14 Jahre lang (1940-1954) lebte Hilde Domin mit ihrem Mann Erwin Walter Palm auf der zweitgrößten Karibikinsel im Exil, auf der Flucht vor den Nazis.
Während Palm die Kolonialarchitektur erforschte, arbeitete Hilde Domin als seine Assistentin und Fotografin für seine Bücher, die bis heute immer wieder neu aufgelegt werden. »Als sie ins Land kam, war sie noch keine Dichterin, erst hier wurde sie geboren«, sagt der Historiker Bernardo Vega. Er war Gast von Domin und Palm in deren Haus im Zentrum der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo. Die Kulturtreffen der Palms waren Legende, eine kritische, intellektuelle Insel im Land des Tyrannen Leónides Trujillo, der Hitler und Franco bewunderte, und dennoch Juden eine neue Heimat bot.
Palm mit seiner bahnbrechenden Untersuchung über das koloniale Santo Domingo und Hilde Domin mit ihren detaillierten Fotos über die Bauten aus der spanischen Konquista hätten die Grundlage für eine neue Epoche der Architekturforschung im Land gelegt, betont José Enrique Delmonte Soné. Der Architekt ist Vorsitzender der Erwin-Walter-Palm-Stiftung. Sie habe ihre poetischen dominikanischen Wurzeln immer betont und sich nie von dem Land emotional getrennt. »Wir haben sie geliebt, weil sie uns geliebt hat.« Hilde Domin selbst hat ihr Leben in dem Karibikland als ihre zweite Geburt bezeichnet. In dem Gedicht »Landen dürfen« hat sie dem Exilland ihre Referenz erwiesen und erklärt, warum sie 1954 ihren Künstlernamen Domin wählte: »Ich nannte mich selber nach einer Insel. Es ist der Name eines Sonntags – einer geträumten Insel.«
Das dominikanische Nachrichten-Internetportal Clave Digital widmete zwei lange Artikel der »Poetin, die unter uns lebte«. »Vor vier Jahrzehnten kehrte sie nach Heidelberg mit ihren ersten Gedichten zurück, die sie in Gazcue (ein Stadtteil von Santo Domingo) geschrieben hatte«, berichtet Clave Digital und erinnert daran, daß Hilde Domin im November des vergangenen Jahres ( vgl. Jüdische Allgemeine 48/05 vom 1. Dezember) mit dem höchsten Orden der Karibikrepublik, dem Duarte, Sánchez und Mella geehrt worden sei. Die Lyrikerin habe »zur Kenntnis und Verbreitung der dominikanischen kulturellen Werte beigetragen«, hieß es in der Verleihungsurkunde.
»Sie war eine einfache Frau«, erinnert sich die Schriftstellerin María Ugarte, die Ende der 30er Jahre als Flüchtling aus Spanien, in dem Franco eine Rechtsdiktatur errichtet hatte, in die Dominikanische Republik kam. »Immer achtete sie auf die kleinen Dinge, die andere übersahen. Dadurch ist ihre Poesie so einfach und so tiefgehend«, sagte die diesjährige Literatur-Preisträgerin Ugarte.
Der Kulturattaché der Dominikanischen Botschaft in Berlin, Miguel Mena, würdigte Hilde Domin als Freundin seines Landes. »Sie hat aufgrund ihrer Studien gemeinsam mit ihrem Mann das Land sich wieder entdecken lassen. Und durch ihre Gedichte hat sie wesentliche Aspekte unseres Land eingefangen: seine Leichtigkeit und Magie.« Der in Berlin promovierte Soziologe Mena hat lange Interviews mit Hilde Domin über den Einfluß der dominikanischen Gesellschaft auf das literarische Schaffen der verstorbenen Domin geführt. »Wir Dominikaner danken ihr, daß sie mit ihrem Namen an die Freundschaft erinnert hat, die wir ihr geboten haben.«
Der deutsche Botschafter in der Dominikanischen Republik, Karl Köhler, bezeichnete die am 1. März in Heidelberg Verstorbene als eine »kulturelle Brücke« zwischen den beiden Ländern. »Hilde Domin war 60 Jahre lang eine lebendige Verbindung zwischen der Dominikanischen Republik und Deutschland. Sie gibt es so nicht mehr.« Gemeinsam mit der dominikanischen Botschaft in Berlin, plant die deutsche Botschaft in Santo Domingo eine Ausstellung über das Leben und Wirken der Schriftstellerin.

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