Vera Isler

»Ich liebe Verbotenes«

von Carsten Hueck

Frühling in Berlin. Die Fenster des kleinen Gästezimmers der Akademie der Künste am Hanseatenweg sind geöffnet. Vera Isler-Leiner ist hier für ein paar Tage untergekommen. »Ganz günstig«, sagt die Fotografin aus der Schweiz, »aber ein Frühstück gibt es nicht.« Halb so wild – sie hat immer einen kleinen Vorrat an Nüssen dabei. Die 75-Jährige macht einen patenten Eindruck, ihr Blick ist sehr direkt. »Ich habe Augen zu gucken und bin neugierig.« Beste Vorraussetzungen für eine Fotografin. Am Vortag war sie am Pariser Platz, hat im neuen Akademiegebäude mit den zuständigen Mitarbeitern gesprochen, ihre Arbeiten gezeigt.
Für Vera Isler-Leiner ist Berlin kein Ort wie jeder andere. Denn hier wurde sie 1931 geboren. Ihr Vater stammte aus Polen, die Mutter, von der sie die schönen roten Haare geerbt hat, aus Ungarn. Den Leiners ging es gut. Zwei Tabakwarenläden betrieb der Vater, zusätzlich mit einem Verwandten auch ein Pelzgeschäft. Vera erinnert sich an die große Wohnung der Familie im Bezirk Tiergarten: Siegmundshof 7 – von der Akademie nur einen Katzensprung entfernt. »Die Wohnung hatte mindestens acht Zimmer. Der Korridor war so lang, dass mein Cousin Sal darin Rollschuh fahren konnte.«
1936 emigrierte Sal in die USA. Im selben Jahr wurden auch Vera und ihre beiden Schwestern Adele und Judith in Sicherheit gebracht, in ein Kinderheim im Schweizer Kanton Appenzell. Ihre Eltern versuchten von Berlin aus, die Ausreise nach Amerika zu organisieren. Doch die Geschäfte des Vaters wurden »arisiert«, ihn selbst wies man nach der Reichspogromnacht nach Polen aus. Bis dahin hatten Heinz und Louise Leiner ihre Töchter regelmäßig besucht. Ihre finanzielle Situation verschlechterte sich nun, ein Jahr später besetzte die Deutsche Wehrmacht Polen. Briefe der Eltern kamen aus Krakau, dann aus Krosno, ab Mitte 1942 gar nicht mehr. Sie wurden – Vera erfuhr dies erst Jahre später von ihrer Tante – in Auschwitz ermordet.
Im Alter von 20 lernte Vera, mit einer Leica umzugehen. Die intensive und professionelle Beschäftigung mit der Fotografie aber kam erst viel später. Vorher jobbte sie als Kindermädchen, arbeitete im Labor eines Tropenarztes, zwei Ehen, zwei Töchter, zahlreiche Affären. Sie sammelte Erfahrungen, tauchte in die Kunstszene ein – und biss sich durch. Vera Isler hat viel erlebt. Sie bereiste Europa, Sibirien, Japan, China, Australien, war zu Fuß unterwegs, auf dem Rad, auf Skiern oder auf dem Pferd. Ihr Terminkalender ist immer voll: Nizza, Österreich, New York, Schweiz, wieder New York. Voller Energie plant sie Reisen und Projekte. »Wichtig ist mir: Ich lebe noch, und noch lebe ich gern!«, sagt die 75-Jährige. Langeweile ist ihre Sache nicht.
Während ihrer Ausbildung zur medizinisch-technischen Laborantin im beschaulichen Bern der 50-er Jahre, da hatte sie sich gelangweilt. Doch bald entwickelte sie künstlerische Ambitionen, ging erst zum Theater, begann dann mit der Herstellung abstrakter, textiler Bilder. »Ich liebe Veränderungen, Überraschungen, Verbotenes, neue Gesichter, neue Menschen«, sagt sie und strahlt. Für ihre Kreativität findet sie immer neue Ausdrucksformen. Seit einigen Jahren stellt sie Video-Installationen her. »Ich purzele von selbst immer in ein anderes Medium.«
1980 zog Vera Isler vorübergehend nach New York. Einmal besuchte ihre Tochter sie und überredete die damals 50-Jährige zum Rollerskate-Laufen. Sie stürzte, brach sich das Handgelenk. »Durch diesen Unfall bin ich zur Fotografin gewor- den«, sagt sie schmunzelnd. Sie konnte den eingegipsten Arm nicht bewegen, doch den Auslöser einer Kamera betätigen. So zog sie durch die Stadt, kletterte auf Dächer, fotografierte Wasserbehälter. Daraus wurde ein Projekt: »H2O New York«. Vera holt Abzüge hervor. Faszinierende Bilder der »Wasserstadt« New York.
»Ich habe immer Themen aufgerissen«, betont die Künstlerin stolz. In den folgenden Jahren entstehen Vera Islers große Serien. Sie dokumentiert die ersten Schwulen-und Lesben-Paraden in Los Angeles und San Francisco, beginnt, für Zeitungen und Magazine zu arbeiten. Randgruppen ziehen sie an. Fotobände entstehen. Porträts von über 80-Jährigen, Porträts bildender Künstler und Fotografen. Mit ihrer großen Kollegin Ellen Auerbach freundet sich Vera Isler spontan an. Auch die ist eine starke Frau, Jüdin und eigenwillig.
Beide treffen sich 1998 in Berlin wieder, zu Ellen Auerbachs Ausstellung in der Akademie der Künste. Vera Isler hat eine schwere Operation hinter sich. Beide Brüste hat man ihr amputiert. Im Studio »Blut und Eisen« in Berlin lässt sie sich die Narben mit Blumenranken tätowieren. Berlin ist eben nicht irgendeine Stadt für Vera Isler. Berlin, das sind Erinnerungen, Freundschaften, Blut und Eisen.

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