Claudia Marx-Rosenstein

»Ich lerne dazu – jeden Tag«

Ich bin in Brasilien geboren, mein Mann Filip und meine beiden Töchter Luara und Nina auch. Seit sieben Jahren wohnen wir in Deutschland, ich bin jetzt 43. Wir haben uns freiwillig entschieden, hierher zu kommen und waren nicht dazu gezwungen. Irgendwann war uns klar geworden, dass wir nicht mehr in São Paulo leben können, wir haben uns in der Großstadt fast schon ein wenig geängstigt. So kam schließlich der Wunsch auf, irgendwo ein neues Leben anzufangen. Mein Mann war schon immer dazu bereit, woanders zu leben. Für mich war jedoch klar, falls wir diesen Schritt wagen sollten, dann muss es Europa sein. Und Stuttgart ist mitten in Europa. Nach Frankreich, Italien und in die Schweiz ist es nicht weit. Allerdings müssen wir jedes Jahr bibbern und den Winter hier überleben. In Brasilien wird es zwar auch kalt, aber nicht so wie hier.
Kürzlich waren wir im Warmen, auf Korsika, am Meer! Allerdings nur für eine Woche, denn wir müssen uns nach den Ferienzeiten richten. Ich arbeite hier in Stuttgart an der Waldorfschule, als Betreuerin, drei Mal die Woche. Das ist viel weniger als früher. Zuvor habe ich an derselben Schule vier Jahre lang Französisch unterrichtet. In Brasilien habe ich Pädagogik für Gehörlose studiert, aber nie in diesem Beruf gearbeitet. An der Waldorfschule kann ich zwar als Betreuerin arbeiten, aber natürlich nicht als Klassenlehrerin, vermutlich wären auch meine Sprachkenntnisse nicht gut genug. Wer mit Jugendlichen arbeitet, muss schnell reagieren können. Wenn die jungen Leute von ihren Erlebnissen erzählen, dann sprudelt es nur so aus ihnen heraus, dann kann man sich nicht alles noch mal erklären lassen. Ich war also gezwungen, gut Deutsch zu lernen, und ich lerne immer noch dazu – jeden Tag. An der Schule wird zum Glück kein Dialekt gesprochen, denn das Schwäbische verstehe ich gar nicht.
Zu Hause sprechen wir Portugiesisch miteinander, das ist meine Muttersprache. Meine Töchter Luara und Nina – sie sind 16 und 18 Jahre alt – hatten zwar schon auf der Waldorfschule in São Paulo Englisch und Deutsch gelernt, doch eher spielerisch. Ich habe am Anfang hier in Stuttgart einen Deutschkurs besucht, der hat mir aber nicht gefallen. Für das viele Geld war er nicht sehr effektiv. Irgendwann haben mich meine Töchter überholt mit der Sprache. Inzwischen lasse ich wichtige Sachen von ihnen immer gegenlesen. Oft gelingt es mir leider noch nicht, mich so auszudrücken, wie ich es möchte. Im Alltag geht das schon, aber bei der Arbeit kann ich manchmal nicht so argumentieren, wie ich gern würde. Ich habe nicht systematisch deutsche Grammatik gelernt, aber ich lese ziemlich viel. Meine Bekannten empfehlen mir oft Bücher. Besonders interessiert mich, was andere Juden über das Judentum in Deutschland denken.
Meine Eltern wurden in Deutschland geboren: Meine Mutter stammt aus Breslau, mein Vater aus Frankenberg. Diese Tatsache hat uns den Aufenthalt hier in Deutschland ermöglicht. Einen Bezug zur Sprache und Kultur hatte ich also schon immer, ich habe zu Hause immer Deutsch gehört, allerdings nie selbst gesprochen. Und die eine Großmutter hatte für alles ein passendes Zitat parat, sie steckte in der deutschen Kultur.
Auch das, was sie kochte, war nicht brasilianisch. Auch ich koche sehr gerne, eigentlich alles. In Brasilien ist es normal, ein Dienstmädchen zu haben, wenn man der Mittelschicht angehört. Oft gibt es Bohnen, Reis, Salat, fünf oder sechs Speisen auf einmal. Hier mache ich alles allein, das klappt gut, allerdings habe ich manches reduziert. So gibt es bei uns eben nur Bohnen und Reis, also nicht so viele verschiedene Gerichte auf einmal. Als meine Schwiegermutter bei uns zu Besuch war, konnte sie nicht verstehen, dass ich kein Dienstmädchen habe. Nach ein paar Tagen hatte sie sich daran gewöhnt, und wir haben die Knödelsuppe zu Pessach zusammen gekocht – ohne Dienstmädchen.
Leider bekommen wir nicht sehr oft Besuch aus Brasilien wegen der großen Entfernung. Das tut manchmal weh, denn ich hänge sehr an meiner Familie. Man will helfen und kann nicht dort sein, wenn Probleme auftreten. Hier haben wir zwar Freunde gefunden, mit denen wir uns am Wochenende treffen, aber wir haben hier eben keine Familie. Das hat mir ein wenig die Kraft genommen, zu kämpfen und mich beruflich weiterzuentwickeln. Das möchte ich aber auf jeden Fall. Auch in anderen Bereichen gibt es noch viele Dinge, die ich anpacken will. Zur Zeit mache ich den Führerschein. Ich bin schon früher in São Paulo Auto gefahren, aber im Gegensatz zu dort ist es in Stuttgart geradezu entspannt, das ist eine Kleinstadt für uns. Einen so schönen Blick wie von unserer großen Terrasse aus, so ruhig, das hatten wir dort nicht. Im Sommer sitzen wir jeden Abend auf der Terrasse. Meist hören wir dann brasilianische Musik. Aber Samba oder Rumba tanzen kann ich nicht, das fragen mich die Leute immer. Ich spiele Tennis oder laufe, wenn ich es einrichten kann. Und am Wochenende gehen wir oft ins Kino.
Von der Mentalität her fühle ich mich als Brasilianerin, aber irgendwie bin ich hin- und hergerissen, nicht dort, nicht hier. Zunächst wollten wir nur zwei Jahre in Deutschland bleiben, dann waren es vier, fünf, und jetzt sind es sieben. Die Lebenseinstellung hier in Deutschland ist anders. In den ersten beiden Jahren haben mein Mann und ich alles mit Humor genommen. In Brasilien geht es weniger formell zu, während es hier oft eine gewisse Distanz zwischen den Menschen gibt. Dort bin ich einfach Claudia, man spricht sich beim Vornamen an. Hier heißt es oft, dass Rosenstein ein alter deutscher jüdischer Name sei. Es war für mich am Anfang sehr ungewohnt, als Jüdin gesehen zu werden, und dazu noch in Deutschland. Seltsam finde ich, dass man sich offiziell beim Finanzamt anmelden muss, wenn man Gemeindemitglied sein möchte. Es war mir ganz fremd, dass ich nun so etwas wie eine staatlich anerkannte Jüdin sein sollte. Ich fühlte mich damals noch nicht so weit, erst vor zwei Jahren war ich bereit und habe es offiziell in meine Lohnsteuerkarte eintragen lassen.
Die Frage, jüdisch zu sein, hat uns eigentlich erst hier in Deutschland so richtig beschäftigt. Vor allem mich und meine Töchter, die die einzigen Juden in der Klasse sind. In Brasilien feierten wir die Feste und gingen an Feiertagen in die Synagoge, weil man das eben irgendwie mitmachte. Mittlerweile befasse ich mich so intensiv mit dem Judentum, dass man fast sagen kann, es ist existenziell geworden.
Ich wusste zwar, dass es eine jüdische Gemeinde in Stuttgart gibt, doch am Anfang habe ich mich distanziert. Jetzt besucht meine jüngste Tochter den Religionsunterricht dort einmal pro Woche. Der Kontakt zur Gemeinde besteht eigentlich mehr oder weniger nur durch sie. Wir gehen an den Feiertagen dorthin oder wenn ein Basar stattfindet. Ein paar Mal sind wir auch am Schabbat da gewesen. Aber irgendwie fühle ich mich dort fremd. Leider. Das hat natürlich nichts mit der Gemeinde zu tun, sondern mit mir und meiner Geschichte. Ich suche eine Verbindung zu dem, was ich in Brasilien erlebt habe und was mir von der Kindheit her vertraut ist. Ich suche etwas, mit dem ich mich identifizieren kann, was meiner Wahrheit und meiner Person entspricht. Ich bin dabei, eine liberale Gruppe zu finden. Im Sommer war ich in Berlin bei der Jahrestagung der Liberalen Juden. Ganz alleine, aber meine Familie hat mich dabei voll unterstützt. Ich wollte Menschen treffen, die ähnlich denken wie ich. Die Verbindung zu anderen Juden war früher nicht so wichtig für uns. Doch jetzt bewegt sich etwas.

Aufgezeichnet von Veronika Wengert

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